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Allgemeine Revue der einheimischen und ausländischen
Literatur- und Völkerzustäii-e.
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MZ43.
(Ausgegeben am 27. August 1840.)
Verlag von I. F. Hammerich in Alton«. ^ ^ Druck von B. G. Teubner in Leipzig.
Inhalt: Literatur: Tyll Culenspiegel. — Eine Begnadigte (Beschluß). — Die Auflösung der Reaction in Tessin. — Vermischte Nachrichten: Aus Berlin:Mozart's Titus. Agnese Schebest als Sertus. — Aus Schleswig-Holstein. — Französische Zeitungen über deutsche Kunst. —> Aus Leipzig. — Nach-weisung über ein Bild von Rubens. — Aus Posen (die Befreiung der hiesigen politischen Gefangenen). —> Berliner Briefe.
Literatur.
Tyll Culenspiegel. Komödie von FriedrichRadewell. Hamburg, Hoffmann und Campe.1840.
Ein neues poetisches Talent tritt hier ineinem sehr originellen Rüstzeug von Satireund Lravestirendem Humor uns zum ersten Malentgegen. Die alte Volksfigur des Tyll Eu-lenspiegel diente schon zu ihrer Zeit in allerNaivetät des Volksbuches als Oppositiongegen die aristokratischen und geistlichen Ele-mente des Jahrhunderts. In dieser Komödiewird sie dazu benutzt, den idealen Tendenzender Deutschen in den letzten Epochen ihrer Lite-ratur und Geistesbildung ein Spiegelbild desHohns und der Beschämung entgegenzuhalten.Ob der Dichter damit Recht oder Unrecht hat,dürfte ihn selbst am wenigsten bekümmern.Ihm kam es wohl hauptsächlich darauf an,seinen üppig gährenden Geisteskräften das ersteMal Thür und Thor recht'weit zu öffnen undeinen freien Ritt durch die Zeit zu unterneh-men, auf dem es glänzende Funken stiebensollte nach allen Richtungen hin. Und dieserProberitt legt ein bedeutendes Zeugniß vondem Umfange seines Talents und seines Geistesab, obwohl wir ihm gewünscht hätten, daßer sich lieber zuerst auf einem rein produktivenGebiete der Dichtung hervorgethan. Stattdessen knüpft er durchweg an gegebene lite-
rarische Elemente an, die er reproducirt,freilich um sie mit den zersetzenden Gewaltender Satire aufzulösen, und so hat Tyll Eu-lenspiegel vornehmlich die Aufgabe, derumgekehrte Faust zu sein. Solche Lei-stungen, die sich an dem vorhandenen Litera-turstoff entzündet haben, sind auch mehr vonliterarischer als von poetischer Bedeutung undWirkung, sie entströmen nicht den frischen Ur-quellen einer Schöpferkraft, die mit einem neuenWerde! Menschenleben und Natur durchdringt,sondern in gegebenen Formen und Typen (wieauch hier die so oft benutzten des Goethe'schenFaust) bewegen sie sich nach geistvollen Absich-ten , oft selbst mit einem natürlichen Feuer derBegeisterung. Dies reproducrive Genre hatin unserer Literatur häufig und in mehrfacherWeise das aristophanische Lustspiel vertreten,besonders bei Tieck, welcher eigentlich derVater dieser reproduktiv-satirischen Gattung,dieser literarischen Poesie, zu nennen ist. Be-sonders aber in allerneuester Zeit hat es anFaust-Dichtungen aller Art und unterden verschiedensten Namen nicht gefehlt. HerrRadewell sucht in seinem zum Tyll Eulenspie-gel umgekehrten Faust dies Grundelement desdeutschen Wesens in seiner idealischen Ueber-macht zu stürzen und will ihm ein gesundesund reales Element entgegensetzen, das er indem Cynismus Eulenspiegels findet. Undin diesen Harnisch des Cynismus hat sich der
Dichter selbst mit allem Wappenglanz einerderartigen Ritterlichkeit geworfen, indem erzu Schutz und Trutz für sein aufgepflanztesPanier einen Ausspruch von Rosenkranzüber „die Nothwendigkeit obscönerWitze für jedes demokratisch-komi-sche Spiel" als Vorwort gebraucht. DieseKraft und Poesie des Cynismus, welche derVerfasser hier entwickelt, ist in der That aucheine Kraft und eine Poesie. Das Verführe-rische, oft auch das Bequeme dieser Derb-heit hat ihn vielleicht hin und wieder zu weitgeführt, so daß auch an Stellen, wo es garnicht nöthig ist, dies prächtige Giftkraut ge-wuchert hat. Als Gegengift hat es aber denAnspruch eines Heilelements und so käme ihmneben der Bewunderung, welche man demVerfasser für seine Virtuosität im Cynischenhäufig zollen muß, noch das Moralische zugute.Zugleich müssen für das Blut unserer deutschenSprache solche Eisenmittel-Kuren von Zeit zuZeit für nützlich erachtet werden, damit sienicht in ihrer heutigen Salon-Verzärtelungganz vergesse, welche Ungeheuer einst aus ih-rem Schooße der alte Fischart gezeugt. —
Tyll Culenspiegel beginnt, so gut wieFaust, mit einem Vorsp i el imHimmel,-jn dem wir zunächst den drei wohlbekanntenLiteratur-Elementen der Deutschen, Mephi-stdpheles, Faust, Posa, begegnen. DerTeufel macht hier selbst seinen eigenen Advo-