Band 
1840, Juli-Dezember.
Entstehung
Seite
468
JPEG-Download
 

442

katen, als wahrer uckvocutus ckiaboli klagt erbeim Herrn auf die Herren Faust und Mar-quis Posa als sein Eigenthum. Faust setztsein Streben und Sehnen nach Wahrheit undKlarheit auseinander. Schön ist die Stelle,wo er in seinem Schmerz um die verschüttetenMenschheitsideale zum Herrn sagt:

Herr, warum schufst Du mich nicht zur Blume?Marquis Posa, von dem komischerWeise die modernen Demagogen hergeleitetwerden, entwickelt seine Ideale derFreiheit.Beide stehen als arme Schacher vor dem Herr-gott da, sind aber noch stolz darauf, geirrtzu haben, und erklären, daß sie ihr ewigesHeil zum Pfande einsetzen wollen, wenn ihnenGott einen Erdgebornen zeige, der nie abge-wichen von dem Wege der Wahrheit und demDienst des Herrn. Der Herr stellt ihnen TyllEulenspiegel als Muster auf.

HERR.

Kennt ihr den TyÜ?

Mephist. und Faust.

Den Narren?

HERR.

Meinen Knecht!

Mephist.

Den Schnurrenschnapper, den lustigen Hecht?

Faust.

Den tollsten König der Pritsche und Schelle?

Mephist.

Den Schatten des Nichts und der Bagatelle?

Faust.

Und darum diesem da langst leibeigen.

HERN.

Denselben will ich Euch als Muster zeigen:

Ihn suchM— zu Eurer Strafe >— zu verführen!

Zu meinem Himmel giebt's gar manche Thüren.

Fau st.

Steckt er nicht bis an den Hals schon im Irren?Was ist denn an dem noch zu verwirren?

HERR.

Ein wahrer Narr und Weiser handelt recht;

Und ich erkenne Tyll für meinen Knecht.

Ihn sucht — zu Euerer Strafe — zu verführen!

Zu meinem Himmel giebt's gar manche Thüren.

Ihr Alle Drei versucht es in der Weise,

Wie Ihr die Dinge seht im Weltenkreise!

(zu Faust und Posa.)

Dann, wenn Ihr nie erreicht, wornach Ihr strebtUnd Euch zerknirschet meiner Gnad' ergebt,

Dann stellt Euch wieder meinem RichterthronUnd fürchtet keinen allzustrengen Lohn!

(zu Mephist.)

Du aber sollst nach deinem Amte thunUnd in Versuchung Tyll's nicht eher ruh'n,

Bis jene sind vollkommen überzeugt,

Daß Nichts den Tyll vom rechten Pfade beugt!

Dies ist die eigentliche Ausgabe, welchesich der Verfasser in dieser Komödie gestellt.Und nun beginnen Faust und Posa in Ge-nossenschaft mit Mephisto einen neuen Gangdurch die Welt, auf dem sie mit Tyll Eulen-spiegel, dem Narren, bald in die allerseltsam-

sterr Conflicte gerathen. Dieser hält sich unterder Maske des alten Malers Holbein am kai-serlichen Hofe auf, um einen Schalksstreichnach seiner Art zu verüben. Die drei diabo-lischen Gesellen aber, die das Werk der Ver-führung an ihm übernommen haben, um-schwirren ihn nun mit all den Versuchungender Siunenwelt, der Magie und der schranken-losen Erkenntniß, denen Faust selbst unter-legen war. Das sinnliche Princip wird durchdas Käthchen von Heilbronn vertreten. Indie magischen, spekulativen und idealifchenVerlockungen theilen sich Mephisto, Faust undPosa abwechselnd. Bei dieser Gelegenheitkommt es denn natürlich zu mancherlei pole-mischen Streifzügen gegen Meinungen undRichtungen der Zeit, die häufig treffend,zuweilen auch trivial ausfallen. Die lateini-schen Verhandlungen im Rathhause sind sehrwitzig und zeigen, wie unterrichtet der Ver-fasser über den Stand der Meinungen in derGegenwart iit.

Sämmtliche Versuchungen prallen aber aban Tyll Eulenspiegel, dem Narren, der immerals Sieger daraus hervorgeht. Zuletzt mußihm sogar Mephiftopheles als Esel dienen.Tyll selbst aber wird Kanzler der Universitätund des Kaisers Schwiegersohn. Nachher siehtman Faust und Posa wieder im Himmel er-scheinen, aber der Herr begnadigt sie, und nurMephiftopheles, als dummer Teufel, wirdausgeprügelt. Hat aber ein solcher Sieg, wieihn hier die tüchtige kerngesunde Natur desNarren über alle dunkeln Anfechtungen desMenschenwesens davonträgt, etwas Sonder-liches zu bedeuten? Was der Dichter hier amSchlüsse seiner Komödie feiert, ist im Grundenichts, als der Sieg des sogenannten gesun-den Menschenverstandes, dessen Wahr-heit aber in den meisten Fällen nicht so vielwerth ist, als der Irrthum, der auf Abwegegerathenden Speculation. Indessen wird esdem Verfasser des Tyll Eulenspiegel wohl we-niger gerade auf diese Pointe angekommen sein,als vielmehr darauf, in einem buntscheckigenund vielfältig anregenden Satyrspiel möglichstAlles auf den Kopf zu stellen, was sonst aufseinen Beinen steht und auch wohl noch langedarauf stehen bleiben wird. Th. M.

Eine Begnadigte.

(Beschluß.)

II.

Olga war Aufseherin im Spital von Omsk.Fern von der Heimath , fern von den Ihrigen,

von denen nie eine Kunde zu ihr drang, fernvon Allem was ihr lieb und vertraut, fern imkalten Norden, unter Schnee und Eis lebte sieihre Tage dahin. Aber keine Klage, keinSeufzer entfuhr ihren Lippen. Mit unermüd-licher Sorgfalt, mit nie nachlassender Geduldsah man sie am Lager der Kranken beschäftigt,des Leidenden Schmerzen durch Kräuter undHeilmittel lindernd, mit dem in Qualen Ver-zweifelnden , dem sie nicht zu helfen vermochte,betend. Halbe Nächte lang verbrachte sie ohneSchlaf in den hohen, düstern Krankenfälen,und wer bei der Stille der Nacht unter demleisen Stöhnen und Seufzen der Leidenden ihreschlanke ätherische Gestalt durch die langenReihender Zimmer dahin schweben sah, wersie mit einem sanften Lächeln — Olga hattestets für die Kranken ein Lächeln und einenLiebesblick — wer sie mit süß beredten Tro-stesworten hier den Schweiß von der Stirn desLeidenden trocknen, dort einem Andern, Ver-schmachtenden den Trank reichen, oder mitleichter, sicherer Hand Wunden verbinden sah,der mochte sie für den Engel der Barmherzig-keit halten, der in der Stille der Nacht hernie-der geschwebt, um die leidende Menschheit zuerquicken und zu trösten. Auch ward Olgageliebt und verehrt, war so der gute Engelaller dieser Kranken und Leidenden, und wennsie an das Krankenlager trat, schien es demKranken, als sei er schon halb genesen von sei-ner Qual. Segenswünsche folgten ihr nach, -wenn sie ging, Segenswünsche empfingen sie,wenn sie kam. Und welche Geduld, welcheLiebe, welche Hingebung, welche Starke, wel-ches Zartgefühl war in diesem Weibe! Wiebändigte ihr sanftes Lächeln der VerzweifelndenPein, wie führte ihr frommes Gebet die anGott Verzagenden zurück zum Glauben undzur Hoffnung! Und wenn alle ihre Bitte um-sonst, umsonst ihr Lächeln, ihr Gebet, wennder Kranke, im Uebermaß seiner Qual, mitbleicher, zitternder Lippe Verwünschungen aus-stieß gegen Gott, gegen die Menschen, wennsein Gesicht sich krampfhaft verzog in Schmer-zen, gegen die Olga's Mittel nichts mehr fruch-teten, dann hatte sie ein letztes Heilmittel, einenletzten Balsam, ihre Stimme. Dann kniete sienieder an dem Lager des Kranken, mit gefalte-nen Händen, mit gen Himmel gerichteten Bli-cken, und ihre reine melodische Stimme durch-drang in erhabener frommer Melodie dieseRäume der Schmerzen und der Pein. Dannsah man die Kranken sich aufrichten in ihrenBetten, sah sie die Hände falten und die Lip-pen sich bewegen, man wußte nicht, ob im Ge-bet zu Gott, oder zu Olga, ihrem Schutzengel,