450
dunklen Streifen, ohne Schleppe, aber doch langgenug, daß-es die Schuhe deckte. Ich kannDir nicht sagen, welch eine schöne Uebereinstim-mung mir aus dieser Farbe, aus Deinem We-sen und Gestalt und aus Deinen Augen kam.— Seltsam contrastirte die Strammheit Dei-ner alten Muhme, und verzeih', sie mag wohleine gute Frau sein, doch wenn sie erträglichbleiben sott, muß sie nicht auf einem SonntagNachmittag mit Dir spazieren gehen.
Wie, seit ich Dich gesehen, mir nun Allesso lebendig ward! Wie das Leben so rein sichauseinander legte! Meine erste Ankunft inDresden kam mir nun wieder in den Sinn undich mußte über meine Ahndungen und Erwar-tungen lächeln, welche so richtig eingetroffenwaren.
Als ich hinter Freiberg mit meinen Rei-segefährten in den großen Fichtenwald kam^ und wir eben nicht am behaglichsten im tie-fen Sande wateten, begegnete uns ein kleinerMann im grünen Rock. Seine Züge warenmarkirt, und über eine feingebildete Adlers-nase blitzten ein Paar kleine durchdringendeAugen, die viel Laune und Verstand verrie-then; die Haare trug er schlicht über die Schei-tel gekämmt in einen Schöpf hoch zusammengebunden und da er uns sah, grüßte er freund-lich und so, als wenn er hier zu Hause gehöre.„Wo wollen die Herren hin?" fragte er, undals er nach Tharandt hörte, erbot er sich unsden Weg zu zeigen, da er doch die Straßegehe und man leicht in diesem Walde verir-ren könne.
Wir nahmen es mit Dank an, um somehr, da uns das rasche Wesen des Alten ge-fiel und seine Rede uns gleich gewonnen hatte.Er führte uns nun auf entfernte Fußsteige,die über Berg und Thal gingen, indem er ver-sicherte , daß er jeden Richtsteig kenne und wohlschon zwanzigmal diesen Weg gegangen sei.Wir kamen bald auf die Bergwerke zu spre-chen, von denen er sehr genau unterrichtetschien und da er merkte, daß ich mich dafürinteressire, wußte er mir Manches zu sagen,was mir belehrend und zugleich angenehmwar. Endlich erzählte er noch einige schauer-liche Mahrchen von Bergleuten, die plötzlichweggeblieben, von Lichtern, die unter derErde gingen und dergleichen mehr, welches eraber immer mit einem sonderbaren Lächeln be-gleitete, indem sein Auge uns hell und bedeu-tend ansah.
„Es ist mit den Bergleuten ein seltsamesLeben," sagte er, „sie werden nicht alt undhaben wenig Lohn; dennoch hängen sie daranwie die Schnecke an ihrem Haus. Ich lobe
mir" fügte er hinzu, „ ein Gewerbe über derErde, da kann man sich doch umsehen und andes Tages Licht sich freuen, die Sonne gehtüber alles, und ich möchte nicht Bergmannsein, wenn man mir auch die reichste Gold-ader schenkte."
Unter solchen und ähnlichen Gesprächenwaren wir bis nahe vor Tharandt gekommenund der Alte trennte sich von uns, indem wirin das schöne Thal traten.
In dem Gasthofe, welchen er uns ange-wiesen hatte, trat uns ein niedliches Mädchenentgegen, sehr reinlich gekleidet und fragteuns mit großer Offenheit und Bescheidenheit,was zu unsern Diensten stehe? Wir fordertenFrüchte und Wein und nachdem sie uns imzweiten Stock ein kühles Zimmer angewiesen,kam sie sogleich mit dem Verlangten zurück.
Wir hielten uns nicht lange auf, da wirnoch bei guter Zeit Dresden erreichen wollten,meine Gefährten waren schon vorausgegangenund ich sprach noch mit dem Mädchen vonTharandt, von dem Bade und den dortigenFremden, sie antwortete sehr unbefangen, undals ich wegging, reichte ich ihr die Hand, wel-ches sie still und freundlich erwiederte.
Da ich nun durch das Thal ging und denfrischen Buchenwald sah, der in vollen Grup-pen den Berg hinauf stieg, siel mir wieder derAlte und das Mädchen ein, sie schienen mirgleichsam die Vorboten eines schönen Lebensund ein geheimnißreicher Geist umschwebte sie,der mich reich und fröhlich machte. Du lagstmir im Sinn, liebes Klärchen, und nun weißich recht wohl, warum mir die Thränen iu'sAuge kamen und der geschwätzige Bach michnun immer tiefer in den Tert brachte.
Es dämmerte schon, da wir das Ende desPlauener Grundes erreichten und eine MengeFußgänger von allen Ständen, welche, da esSonntag war, den schönen Abend genossen,machten in bunten Haufen einen angenehmenEindruck. Ich sah alle diese Menschen wie ausder Ferne und obgleich sie mich nicht kannten,fühlte ich mich doch aufgenommen in ihren fest-lichen Geist, und ging freundlich unter ihneneinher, als wenn ich schon lange mit ihnen ge-lebt hätte. Die Kutschen, welche vorüber fuh-ren, zeigten mir bald fröhliche Künstler, baldscherzende Mädchen, bald ernste Geschäftsmän-ner mit ihren stillen Familien; Allen fühlte ichmich nahe und neigte mich liebend zu ihnenhin. —-
Es war wie ein goldner Traum, liebesKlärchen, wo ich in vielfachen und widerspre-chenden Gestalten nur immer den Einen Geistin Deinem verhüllten Bilde sah. —
„Wie fein er zu schmeicheln weiß," magstDu sagen — ich versichere, ich könnte Nie-mand weniger schmeicheln als Dir, und wennDu dich besinnst, so wirst Du auch wohl fin-den, daß wir uns Beide dieses nicht zuzurech-nen haben und daß es wo anders herkomme,wo es mit der Eitelkeit und Selbstliebe zuEnde ist.
So viel wollte ich Dir nur sagen, daß esdamals Sonntag war, wie an dem Tage, daich Dich gefunden habe und daß wir daher denSonntag ehren müssen, wenn es auch nur umunserer selbst willen und nicht um einen An-dern wäre.
Heute bleibe ich zu Hause; ich möchte michnicht gern zerstreuen, auch habe ich ohnehinnoch etwas zu schreiben, was sich nicht auf-schieben laßt. Gegen Abend werde ich wohllängs der Elbe einen Spaziergang machen,dann denke ich an Dich und wenn ich dieblauen Thürme von Dresdensehe, wirst Dumir gegenwärtig sein und wirst auch Du mei-ner gedenken.
Ich habe einen sonderbaren Glauben anSympathie, kluge Leute möchten es wohlAberglauben nennen, doch bin ich überzeugt,daß die verwandten Geister oft körperlos sichbesuchen und es ist etwas Aehnliches als wieder Mensch zu Gott kömmt.
Freilich können sie nicht miteinander spre-chen, wie Swedenborg behauptete; es ist, wieich es kenne, ein großes ungetheiltes Gefühl,welches sich eben deshalb nicht anschauen undumschreiben läßt, weil es einfach ist, dochdurch sein bloßes Dasein Wahrheit und Ge-wißheit verbürgt.
2 .
Klärchen an Joseph.
Dein Brief, mein lieber Joseph, ist mireine rechte Herzstärkung gewesen. Du sprichstso ruhig und zutraulich, daß ich fast glaubenmöchte, Du wärest mein Bruder, und dochsagtest Du mir das letzte Mal, Du wärest miretwas Anderes noch, und ich glaube es Dirauch so gern, weil es mich so glücklich undzufrieden macht.
Den Morgen, da Du mir geschrieben hast,bin ich mit Charlotten in der katholischenKirche gewesen und gegen Abend gingen wirzusammen über die große Elbbrücke und ichdachte wirklich sehr lebhaft an Dich, als ichden Lilienstein und Königstein dämmern sah.
Du glaubst an Sympathie? Ich auch, aberbesser ists doch, wenn ich Dich vor Augen seheund Du mir treuherzig die Hand reichest.