Band 
1840, Juli-Dezember.
Entstehung
Seite
477
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451

Ich begegnete unterwegs dem Briefträger,dein freundlichen Alten, und hätte ihn so gerngefragt, ob er auch etwas für mich habe, aberich schämte mich und ließ es, und weiß dochnicht, warum ich mich schämen sollte, dennCharlotte kennt uns ja und was gehen uns dieAndern an!

Mir ist gestern in der Kirche etwas aufge-fallen, was ich Dir doch sagen muß. Da ichdie kniende Menge sah, und der Pater dieMesse las, ward es mir recht klar, was Duneulich sagtest, daß die Katholiken nur eineReligion des Schmerzes und der Kreuzigunghätten. Die einförmigen singenden Accente desPaters, in den großen Hallen der blaue my-stische Duft und das mechanische Spiel desRosenkranzes, alles erinnerte mich an Entsa-gung und Opfer.

Zugleich fielen meine Augen auf die Him-rmlfahrt Christi von Mengs und ich fand dort,wie ganz anders doch die Anbetung des Jo-hannes als der übrigen Apostel ist. Du weißt,ich verstehe mich nicht auf Gemälde, gebe michnoch weniger mit Beurtheilung ab; aber dieskam mir wie eine Wirklichke it vor und esward mir in diesem Bilde erst deutlich, wieJohannes, der Busenfreund Christi, die Andernnur seine Schüler gewesen sind. Dieser wirdgleichsam mit hinauf gezogen, sein Blick ver-folgt den Verklärten, da jene bei aller Kraftund Bedeutsamkeit doch an der Erde kleben undin dieser Anbetung nur ihre Nichtigkeit undseine Höhe fühlen. So erscheinet das Wunderdem Johannes auch nicht befremdend, es ist dieLuft, worin er lebet, die Liebe in ihm wirddadurch nur frei, er sieht den Verklärten undVerherrlichten und bleibet ihm dennoch nahe;er war auf Erden sein Freund, auch bei demVater wird er es sein. So fühlt er seinenWerth und betet ohne Demüthigung.

Das ungefähr war des Bildes Eindruck!Ich muß lächeln über mich selbst, daß ich Diralles das so auseinander lege und weiß nicht,wie ich zu diesen Worten komme. Nimm eshin, und halte mich nicht für anmaßend, es isthöchstens nur Unbesonnenheit und findest Dues anders, so belehre mich eines Bessern.

Du findest an meinen Erzählungen Ver-gnügen und bittest fortzufahren —? Ich weißnicht, was Du daran hast, aber ich weiß, daßich sehr gern zu Dir rede und daß ich immersehr heiter werde, wenn ich Dir meine Leidenund Freuden frei gestehen darf. Sonderbar!es ist mir, als wenn ich mit mir selbst spreche,besinne mich auch gar nicht und könnteAlles ausschwatzen, wenn Du mich anhörenmöchtest.

Bisweilen fallt es mir aber doch ein, daßDu ein Mann bist und mir wird sonderbar zuMuthe, wenn ich bedenke: wie Du mir vorwenig Monaten noch ganz fremd wärest undnun der Nächste in der ganzen Welt bist.

Meine Muhme läßt Dich grüßen, sie istsehr krank und da von Dir die Rede kam, trugsie mir besonders diesen Gruß auf, wenn ichDich sehen würde.

Es hat mir mißfallen, lieber Joseph, daßDu sie lächerlich darstellest, um mir DeineLiebe zu bezeugen — ! Ist der Weg nicht füruns Alle breit genug? und wirklich, sie hältviel auf Dich und redet nichts als Gutes vonDir.

Die arme Frau wird nicht lange mehrleben können und es thut mir recht wohl,wenn ich sehe, daß meine Pflege ihren letztenSchmerz erträglicher macht. Sie scheinet michgern um sich zu haben und wenn Charlottebei uns ist, so kann sie im leichten Gesprächwohl auf Augenblicke ihre Leiden ganz ver-gessen.

Ich soll Dich bald sehen, lieber Joseph!Meine Freude wird stille sein und wenn Dumich gestärkt findest, so glaube, daß ich es durchDich geworden bin.

3 .

Joseph a n K l ä r ch e n.

Da ich von Dir ging, liebes Klärchen!und auf der schönen Wiese Dir den letzten Kußgab, schien mir die Abendsonne grade ins Ge-sicht, und die stille Abendröthe beglückte michso wunderbar, machte mich so reich und ge-nügsam, daß ich noch lange Deine süße Gegen-wart mit mir herumtrug.

So nahe Dir auch Charlotte ist, so wares doch schön, daß sie uns verließ und wir dieletzten Augenblicke für uns allein behielten!Es mochte Absicht sein; denn die Frauen ha-ben darin einen sehr feinen Takt, und was dasBeste ist, sie scheinen es mehr aus Instinkt alsaus Ueberlegung zu thun. Ich habe sie indiesen kleinen Zügen sehr lieb gewonnen; dennich fühle, daß sie Dich lieb hat, sehe, daß sieDich versteht, und daß sie es nicht um meinet-willen thut, um mir etwa gefällig zu sein.Wohl nirgends kann sich der Adel einer weib-lichen Seele so bestimmt zeigen, als in Colli-sionen, wo Herz und Gefühl allein den Aus-schlag geben, darum achte ich Charlotte undhalte so hoch auf sie, weil sie über alle jeneEitelkeiten hinweg ist, und so rein auf denMenschen geht, ohne durch selbstsüchtige Nei-gungen sich bethören zu lassen.

Sie ist gleichsam die Folie Deiner Seele,

und im bürgerlichen Leben möchte ich sie immermit Dir zusammen sehen, damit wir beide ei-nen recht sicheren Schritt behielten.

Du weißt, ich kenne sie lange; wir habenuns auch einmal geliebt, aber wir fühltenbald, was wir an uns liebten, und so nahmes eine andere Wendung, welches für unsbeide von nicht geringem Gewinn war. Wohlein jedes geistige Verhältniß nimmt in einemwarmen Gemüth die Farbe der Leidenschaftan; aber die wahre Liebe führt eine Süßigkeitmit sich, welche unendlich erquickt und garnicht absondert, indem sie in dem GeliebtenAlles in Allem findet.

Wenn wir erst wissen, wie der Charakterdes Menschen, wie sein Gemüth und seineSinnesart ist, so kann es wohl in tausendStufen eine schöne Vereinigung geben, welcheauch oft zur höchsten Religion wird; aber mitder Liebe ist es am Ende, und man thut wohldann, daß man die Augen recht helle macht,weil das Blinzeln uns selbst nur und Anderein Verwirrung setzt. — Der Eros ist wie einschöner Edelstein, der von dem Sonnenlichteganz durchdrungen ist, und ihr Bild tausend-fältig zurückwirft; erst wenn dieser Stein sichverdunkelt, sehen wir seine Gestalt, er be-kommt Farbe dann und Solidität, und wassonst ein erfreuliches Licht war, ist nun einerleuchteter Körper nur, dem wir mehr undminder die Erde ansehen — daher, liebesKlärchen! ist der weiße Edelstein auch dererste in der Ordnung und er wird um so ge-meiner, je mehr Niederschlag und glanzloseFarbe er führt.

Als Kind hörte ich ein Mährchen voneinem großen Stein, den die Fischer bei Nacht-zeit aus dem Wasser gezogen, und da er dunkelwar, und sie ihn für einen gemeinen Granithielten, wieder über Bord geworfen hätten,von dem Stein aber wäre bei der Gelegenheitetwas abgesprungen, und da die Sonne auf-gegangen, hätten sie an den Stücken gesehen,daß er inwendig der schönste Diamant gewesen.Sie hätten nun, hieß es weiter, ihren Fisch-fang aufgegeben, die Stücke verkauft und fürdas Geld sich große Häuser gebaut, und warenvornehme Herren geworden. Seither suchteich oft nach einem solchen Stein, und habemanchen Kiesel zersprengt, in der Hoffnung,daß er einen schönen Diamant enthalte.

Ich kann Dir nicht sagen, welch' eineSehnsucht ich nach einem solchen Stein hatte,nicht durch den Begriff des Reichthums, denndas lag mir zu entfernt, sondern allein umihn zu haben, und um dasLicht zu sehen, wenner von einander ginge.