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Bisweilen kam es mir auch ganz wunder-bar vor, und wenn ich einen runden Feldstein !aufhob und mir dachte, daß es wohl ein sol-cher sein könnte, war mir, als wenn ein Geistdarin wohne und nur auf die Befreiung ausseinem Gefängniß hoffe. !
Späterhin habe ich lächeln müssen, da ichdie Meinung der Physiker hörte, daß die Erdein ihrem Schooß ein großer Diamant sei, derum den Mittelpunkt sich verdichtet habe, undes ward mir nun klar, wie ich nach einem sol-chen Stein eine so große Sehnsucht suhlte undmir immer eine dunkle Rinde dabei denkenmußte.
Was die Physiker aber nicht ergründethaben und was Du wohl besser weißt, alsirgend jemand, ist etwas Anderes noch, was ^auch in dieser Sehnsucht lag, und womit ^Du, liebes Klärchen, mich so unendlich be- ^glückt hast. !
Weißt Du wohl, wie wir den Morgen inden großen Garten gingen, wie wir auf derRasenbank ausruhten und Du Dich auf mei-nen Schooß setztest und den Arm um meinen ^Hals schlangst? Da gabst Du mir den erstenKuß, es war stille um uns her, und ein leiserMorgenwind kühlte Dein glühend Gesicht —wie ich da meinen Arm um Dich schlug, wieDu so unschuldig und frei warst und wie Him-mel und Erde um uns vergingen. — Das wirstDu behalten, wenn Du auch mich lange ver-gessen hättest.
Nachher sagtest Du mir Manches, wasmich so wunderbar traf und wie aus einer ineuen Welt kam, weil Du es so einfach undunschuldig sagtest. — Es waren Bemerkun-gen aus deinem frühesten Leben; Du erzähltestmir von Deinem ersten Religionsunterrichte,von Deiner sonderbaren Gewissenhaftigkeit,und von manchen kleinen Eigenheiten, die Dubei allem Tadel von Andern nicht hättest ab-legen können. Mir war dabei so andächtigzu Muthe und doch so fröhlich, daß ich nichtwußte, ob ich Lachen oder beten sollte; eswar in Deiner Stimme etwas, auch bei dengleichgültigsten Dingen, was mich tief auf-regte, und unwiderstehlich mich anzog — ichmöchte es eine eigene Art von Naivetät nen-nen, nicht die moderne, die halb weiß undnicht weiß; vielmehr die Naivetät aus demWahren, die immer gradezu geht, und in demeinfachsten Worte sich am besten befindet. Hät-test Du alles das gewußt, so wäre es baldvorbei gewesen, und obgleich ich es Dir jetztsage, so wirst Du es noch Nichtwissen, undwirst allein daraus abnehmen können, wie liebich Dich habe, Du fühlst es aber gewiß und
weißt auch, daß Dir sehr wohl dabei wird,und hast ein Recht, das des Gedankens nichtbedarf, um sickffgeltend zu machen.
Bleibe auch immer so, liebes Klärchen,erhalte Dir und mir diesen heiligen Sinn;denn wenn er einmal gebrochen ist, so ist esschwer und vielleicht unmöglich, ihn in seinervollen Gesundheit wieder Herzustellen.
Du hast ja mit mir den Homer gelesen,und wirst Dich erinnern, wie wunderbar unsoft seine Gradheit ergriff. Wenn er z. B. vonden Göttern sagt: „da rann ihr unsterblichesBlut hin, klarer Saft, wie den Wunden derseligen Götter entfließt; denn nicht essen sieBrod, noch trinken sie funkelnden Weins;blutlos sind sie daher, und heißen unsterblicheGötter", oder wenn er von dem Kraut redet,das Hermes dem Ulysses giebt und das ihngegen alle Zauberkünste schützt. — „Den sterb-lichen Menschen ist es schwer zu graben, dochalles ja können die Götter." So trifft es unsso stark, weil es aus dem unmittelbaren Lebenund dem Gefühl, nicht aber aus dem Gedankenund der Betrachtung hervorgeht.
Der Dichter war wohl seiner Sache gewiß,aber er beschaute nicht wieder diese Gewißheit.Das Leben war ihm alles, er wünschte undverlangte nichts mehr, nur was in die Sinnefiel, hatte Bedeutung für ihn.
Das war aber auch ein homerischer Sinnund eine homerische Zeit; weil unsere Sinneso schwach und dunkel sind, müssen wir zu demGeiste unsere Zuflucht nehmen, der wohl auchbei jenen Alten war, nur nicht abgeschiedenwie jetzt, sondern mit dem Herzen noch imBunde.
Was Du mir von dem Katholicismussagst, liebes Klärchen, und was Du mir sagstvon Deiner eigenen Religion, das trifft genaudamit zusammen. Der reine Mensch mußwohl in die Geisterwelt hinüber, wenn dieSinne nicht Stich halten und die Umgebungenverderbt sind.
Grüße Charlotte und theile ihr, wenn Duwillst, Einiges aus meinem Briete mit. WasDu für Dich behalten mußt, wirst Du schonwissen.
Französische Tageszustande.
Im August.
Von Eduard Arnd in Paris.
1. Die Stellung der Julirevolution zu den verschie-denen Classen der Bevölkerung. 2. Die Ver-einigung der Asche der Julitodten.
Die Juliusfeste, seit der tragischen Kata-strophe von 1835 immer mehr zu einer blos of-
ficiellen Feier herabgesunken, sind dieses Jahrmit etwas mehr Theilnahme und Begeisterung,als sonst, begangen worden. Die Revolution,die sie vergegenwärtigen sollen, ist es jedochnicht, der sie diesmal diese erhöhte Bedeutungzu verdanken haben. Diese lebt in der Thatnur noch, hier und da, in einigen Zeitungsar-tikeln , in den Reden mancher Deputirten undin den Erinnerungen des niedern Volkes; un-ter den höhern Classen, obgleich sie auf derenStellung und Geschick mehr Einfluß als aufdie der Massen ausgeübt, ist sie schon zur Ge-schichte und zwar zur „alten" geworden. Ohnedie kirchlichen Ceremonien, welche die Regie-rung befiehlt, die Concerte, Feuerwerke undIlluminationen, welche die Behörden veran-stalten, würde ihre Feier sich hier auf dieProcessionen einiger Arbeiter beschränken, diemit dreifarbigen Bändern am Hute zu denGräbern ihrer gebliebenen Cameraden ziehenund dort einige Jmmortellenkränze niederlegen.Die Geld - und Handelsaristokratie, die durchdieses Ereigniß in den Besitz des Landes, sei-ner Verwaltung und seiner Reichthümer ge-kommen, würde für dasselbe weder Kanonenlösen, noch Lampen bezahlen, noch sich umdessen Feier im Geringsten bekümmern, dennobwohl durch diese Revolution zur Herrschaftgelangt, erinnert sie sich derselben nicht gern.Ein altes Sprüchwort sagt: man liebt denVerrath, aber nicht die Verräther — dies istungefähr die Stellung der Juliusrevolution zuden Classen, die durch sie vorzüglich gewon-nen haben. Zwei Umstände trugen jedoch dies-mal zu einer lebendigen Theilnahme an dieserFeier bei: die Einweihung der Juliussäuleund die sich mit reißender Schnelligkeit ver-breitende Nachricht von einer, wenigstens derhiesigen Meinung nach, gegen Frankreich ge-bildeten Allianz der übrigen großen Machte.Letzteres Ereigniß war es vorzüglich, das nichtsowohl die äußere Bedeutung dieser Tage er-höhte, die Masse der an ihnen Theilnehmen-den, die unter dem beweglichsten und jchau-lustigsten alter Völker immer sehr groß seinwürde, vermehrte, als ihnen vielmehr ein hö-heres moralisches Interesse verlieh und in deröffentlichen Meinung die Grundsätze jener Re-volution, gegen welche dieses neue Bündnißgeschlossen sein sollte, erneuete.
Die Idee, den Ueberresten der bei dieserRevolution umgekommenen Vertheidiger der-selben einen gemeinsamen Ruheort anzuweisenund denselben durch ein Denkmal zu ehren, istvon Seiten der Macht, welche diesem Ereignißihr Dasein verdankt, so natürlich, daß mansich nur über deren späte Ausführung wundern