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muß. Die Gegner der Regierung schreiben je-doch die endliche Ausführung dieses Plans we-der auf Rechnung ihrer Dankbarkeit noch ihrerAnhänglichkeit an die Revolution, sondern be-haupten, man habe die Asche der Gefallenennur deshalb an eine Stelle, am Ende derStadt, vereinigt, um die Erinnerung an jeneBegebenheit zu verringern, und durch die Er-richtung eines Monuments der öffentlichenAufmerksamkeit eine mehr sinnliche Richtungzugeben, sie von den Principien, für welchejene Männer gestorben, auf die äußere Form,das artistische Interesse für ihr Denkmal, ab-zulenken. Diese Meinung hört man sehr oft,denn die Skeptik an Allem, was Sraat, Politikund besonders die Personen, welche letztere lei-ten, betrifft, ist hier auf den höchsten Gradgestiegen und würde unter einem weniger kräf-tigen Volke eine gänzliche Indifferenz undThatenlosigkeit, wie man dies bei den Italie-nern, wo dieser Zweifel an dem guten Wil-len, der Einsicht und Moralität der Herrschen-den ebenfalls sehr groß ist, erzeugen. DiesesMißtrauen, diese Geringschätzung ist übrigensnicht, wie man fast immer behauptet, erst durchdie traurige Regierung Ludwigs des Fünfzehn-ten und die vielen Täuschungen, welche dieerste Revolution und Napoleon hervorgebracht,entstanden, sondern hat als ein Zeichen desnationalen Charakters von jeher bestanden undsich nur in andrer Form ausgesprochen. SelbstLudwig der Vierzehnte fand zur Zeit seinesgrößten Glanzes nicht eine so durchaus wider-spruchlose Verehrung, wie gewöhnlich ange-nommen wird. Seine Gegner trugen sich mitallerlei Sagen über seine unrechtmäßige Ge-burt und die geheime Verbindung seiner Mut-ter mit dem Cardinal Mazarin. Eine Anzahljunger Herren aus den größten Familien warnach Candia, den Venetianern gegen die Tür-ken beizustehen, gegangen. Ihre Briefe in dieHeimath wurden, man weiß nicht recht warum,von der Polizei aufgefangen und erbrochenund man fand in manchen derselben den bitter-sten Spott und die feindseligsten Ausfälle aufden König, aus seinen Mangel an persönli-chem Muth, seine Weichlichkeit, theatralischeWürde u. s. w. Die Personen, die ihm zu-nächst standen, zweifelten oft nicht nur an sei-nen großen Eigenschaften, sondern erklärtenihn zuweilen für einen mehr glücklichen alsgeschickten Fürsten. Boileau, sein großer offi-cieller Verehrer, erfand oder verbreitete einEpigramm gegen ihn, das ihn als zum Un-glück der Franzosen geboren hinstellt. Napo-leon selbst galt nur bei dem gemeinen Manneund den Soldaten für einen Gott, in den hö- I
Hern Classen zweifelte man nicht gerade an sei-ner persönlichen Größe, wohl aber selbst zurZeit seines größten Glückes, an der Dauer des-selben. Der Hang zum Zweifel und Spott,der in dem eiteln und gemüthlosen Charakterdes Volkes und der epigrammatischen Schärfeseiner Sprache liegt, hat sich von jeher geltendgemacht. Früher sprach sich derselbe jedochnur in einem geschlossenen Kreise Vornehmerund Literatoren aus, jetzt ist derselbe in allenStänden verbreitet. Es giebt hier gewiß nurwenige Leute und zwar nur solche, deren Mei-nungen mit ihren Interessen übereinstimmen,welche die Dynastie Orleaus für fester gegrün-det als die Napoleons und Ludwigs des Acht-zehnten halten.
Die Translation der Ueberreste der Gefal-lenen von der alten Kirche St. Germain L'Au-rerrois nach dem Platze der Bastille, zeichnetesich wie alle öffentlichen Feierlichkeiten in Pa-ris durch die unermeßliche Menge der Zu-schauer und deren lebendige Haltung aus, wasman nirgends, selbst nicht in London, in sol-chem Grade findet. Wir besinnen uns nochdes Eindruckes, den eine ähnliche Ceremonie,die Todtenfeier für die durch Fieschi's Höllen-maschine Gebliebenen, im Dom der Invaliden,auf einen Kreis von Oesterreichern, Russenu. s. w. hervorbrachte, unter denen wir unsbefanden, und die, obgleich dem heutigen fran-zösischen Wesen abhold, dennoch den imposan-ten Charakter, den Ausdruck von Macht undGröße, den die hiesige Welt bei solchen Gele-genheiten macht, nicht verkennen konnten. Inandern Städten treten in solchen Fällen nurdie öffentlichen Autoritäten, die Machthaberund Sommitäten hervor, die Aufmerksamkeitist einzig auf diese gerichtet, sie allein agirenund das Publicum betrachtet sie mit einer Artscheuer und furchtsamer Theilnahme. Man er-kennt in dieser stummen und demüthigen Stel-lung sogleich den großen Abstand, die tiefeKluft, die in solchen Ländern zwischen der öf-fentlichen Macht und dem Volke besteht. Hierüberspielt das Publicum überall mit, es be-stimmt, entscheidet in letzter Instanz und er-kennt denen, die an seiner Spitze stehen, kei-nesweges eine.höhere Natur, sondern nur eineäußere momentane Ueberlegenheit zu. DieseWeise des Verhaltens und der Empfindunggeht allerdings aus einem höhern Selbstgefühlhervor und ist, sobald nicht die Schranken derMäßigung und der Schicklichkeit verletzt wer-den , ein an und für sich ehrenwerther Zug imVolkscharakter, giebt aber dem öffentlichen Le-ben einen durchaus theatralischen Schein, denn !Niemand stellt dann eigentlich sich selbst, son- !
dern immer etwas außer ihm Liegendes dar,Niemand genießt so an und für sich einer un-bestrittenen Bedeutung. Alle sind Schauspie-ler, fühlen und wissen dies. Den Einen ist fürden Augenblick nur eine höhere Rolle als denAndern zugetheilt.
Das einzige Bemerkenswerthe in dem Zugewar der nicht sowohl reich als sehr geschmack-voll ausgeschmückte, kolossale, von vier undzwanzig Pferden gezogene Wagen, der die Ge-beine der Gefallenen nach dem ihnen bestimm-ten Ruheplatze unter der neu errichteten Säulebrachte. Die Verhältnisse und Zierrathen des-selben konnten in ihrer Art nicht besser seinund gaben einen neuen Beleg von dem Ta-lent der Franzosen zum Decoriren, worin siehöchstens von den Italienern erreicht werden,Deutschen und besonders Engländern aber weitvoranstehen. Einige Abtheilungen Cavalerie,zwei oder drei Generale, Officiere, von, wiehier meist, mittelmäßiger Haltung und aufschlechten Pferden, eine Anzahl Civilbeamter,zwei Wagen mit Geistlichen, von denen einersehr armselig, bildeten diese Procession, die inder That der Bedeutung des Tages nicht ent-sprach. Man war über die Abwesenheit desKönigs, der Prinzen und des Hofes allge-mein erstaunt. Denn das Haus Orleans ver-dankt seine gegenwärtige Stellung nicht demVotum der Deputirtenkammer, denn Karl derZehnte einmal besiegt, blieb dem verständigenTheile der Nation nichts als die Ernennungdes gegenwärtigen Königs übrig, sondern demMuthe derer, die heute beigesetzt wurden undderen Leichname die Stufen des neuen Thro-nes geworden waren. Imposant dagegen wardie auf den Quais und den Plätzen aufgestellteTruppenmasse und die in sehr großer Anzahlherbeigeströmte Nationalgarde, welche mit derLinie das lange Spalier von der Kirche bis zuder Säule bildete. Den größten Eindruck abergewährten ohne Zweifel die zahllosen Zu-schauer in den hohen Häusern der Boulevards,ein Schauspiel, das uns lebhaft überraschte.Von Zeit zu Zeit wurde während des Zugesein Trauermarsch geblasen. Die Haltung desVolkes war übrigens, obgleich anständig, dochdurchaus gewöhnlich. In den Journalen sprachman nachher von dem dankbaren und ehr-furchtsvollen Interesse, mit dem die Zuschauerdie Ueberreste der Juliushelden begrüßt hät-ten. Wir haben hiervon nichts bemerkt. Esherrscht hier, wie in manchen andern Gegen-den die Sitte, daß die einer Leiche begegnen-den Männer als Zeichen religiöser Achtungihre Hüte abnehmen, eine sehr demokratischeHöflichkeit, da Jeder einmal auf deren Erwie-