Band 
1840, Juli-Dezember.
Entstehung
Seite
481
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auf dem einzigen Wege, der Dich zu ihnenführen kann, auf dem Wege der Buße undLäuterung.

Flavian stand auf, und sah Origenesschweigend mit einem Blicke an, der ihm ver-hieß, daß er pünktlich thun werde, was er ihmgerathen habe zu thun. „Ich habe, sagte erendlich, wahrend Du sprachst, auch noch inmeiner Brust eine andere Stimme vernommen,die mir gebietet, Dir zu folgen; es war Neo-demias Stimme. Gepriesen sei Dein und Neo-demias Gott, wenn er auch der meine werdenwill!"

Bald verließ Flavian die Stadt und gingin die Wüste. Er wanderte jetzt einem festenZiele zu, er glaubte. Das letzte Buch, unterdem Titel „Thebaische Wüste", enthält Legen-den und historische Thatsachen, beglaubigtdurch das Zeugniß der Kirchenväter und derZeitgenossen, und hier zeigt der Verfasser, inwelchem Sinn er sein Buch gelesen wissen will,indem er sagt: „Mag die ungläubige Jetztweltimmerhin ihrer (der Christenbewohner derthebaischen Wüste und deren Wunderthaten)spotten, und sie als Schwärmer und Fanatikerverlachen; sie darf aber auch dann mit dem,was sie die fortschreitende Vervollkommnungder bürgerlichen Gesellschaft nennt, groß thun;denn diese Vervollkommnung haben wir einzigdem Christenthum zu verdanken, und die Ein-siedler der thebaischen Wüste sind es, die sieins Leben gerufen, und die bewunderungs-würdige Einwirkung des Christenthums ausWelt und Geschichte vorbereitet haben u.s. w."

Und in diese thebaische Wüste, in der ineinzelnen Höhlen mehr denn funfzigtausendEinsiedler lebten, zog Flavian, ward einChrist, und verlebte unter Entbehrungen undgänzlichem Mangel irdischer Annehmlichkeitenein ruhiges, gottergebenes Leben, umgebenvon den frommen, demüthigen Brüdern, dieihr Leben ihren leidenden Mitgeschöpfen ge-weiht. — Aber auch die Kaiserin Fanstina,ermattet und belastet von den Sorgen undKämpfen des Lebens, vernachlässigt -von demjungen Kaiser, ihrem Sohn, und in nie enden-dem Sehnen nach Flavian, den sie in derWüste wußte, zog in die thebaische Wüste undsuchte einen jener heiligen Männer, von denender Ruf ihr so Herrliches verkündet, zu spre-chen. Ihm beichtete sie ihre Sünden, und derheilige Mann gebot ihr über den Nil zu schif-fen zu den frommen Schwestern in der the-baischen Wüste und wenn Dich die frommeSchwester Eutropia aufnimmt unter die Läm-mer, die sie weidet, so freue Dich von ganzemHerzen u. s. w.

Und Faustina in Sklaventracht fuhr überden Nil, und klopfte an die Pforte eines tiefin den Felsen eingehenden Raumes, in demmehrere Zellen errichtet waren.

Eine Frauenstimme fragte: Wer bist Du?Ich heiße Faustina und wünsche eine demüthigeMagd des Herrn zu werden. Was suchst Du?Den Frieden Gottes! Die Pforte öffnete sichund schloß sich dann für sie — auf immer. —>Und der Bruder Flavian sah Faustinen erstwieder, als sie, eine Leiche, im Sarge vor ihmlag, und er für sie die Sterbegebete sprechensollte. Er fiel abermals er sie erkannte, todtneben ihr nieder, und theilte mit ihr das! Grab! —

Vermischte Nachrichten.

O Aus Leipzig. — Die Magde-burg-Leipziger Eisenbahn und einrussisches Volkslied zu ihrer Einwei-hung. — Am 18. August wurde die Magde-burg-Leipziger Eisenbahn feierlich eröffnet. Eineungeheure Menschenmenge hatte sich versammelt, umden Zug von Magdeburg ankommen zu sehen, derum halb zehn Uhr Vormittags erwartet wurde, abererst halb zwölf Uhr eintraf; es hatte diese Verzöge-rung wahrscheinlich ihren Grund darin, daß sich derZug unterwegs auf den Stationen mit Ceremonienhatte aufhalten müssen. Endlich kamen drei Wa-genzüge, festlich mit Kränzen und Fahnen geschmückt,unter lautein Jubel der Menge und dem Geschmetterder Militairmusik hier an; Jedermann freute sich überdie Vollendung der Bahn, die uns dem Meere sobedeutend naher bringt und die hinsichtlich des Han-dels gewiß eine viel höhere Bedeutung hat als dieDresdner, welche im Grunde nur eine Erleichterungderer ist, die zum Vergnügen reisen, da Dresdenkein Handelsplatz ist, auch wohl nie einer werdenwird. Magdeburg und Hamburg sind dagegen großebedeutende Handelsstädte, deren Annäherung an Leip-zig nicht allein letzterem Ort, sondern überhaupt demganzen sächsischen Handel und Fabrikswesen einennoch größeren Aufschwung geben kann. Es scheintsich das Eisenbahnsystcm in Deutschland so zu gestal-ten, daß Leipzig die Centrale alter Eisenbahnen wird,daß alle von ihr auslachen, ein Umstand, den Leip-zig soviel wie möglich herbeiführen mußte; denn hättedieser Ort gezögert, Eisenbahnen zu bauen, undwäre ihm irgend ein anderer hierin zuvorgekommen,so würde Leipzig bald seinen Handel und seine Be-deutung verloren haben und zu einer gewöhnlichen,bedeutungslosen Mittelstadt herabgcsuukcu sein. Soaber als Mittelpunkt des deutschen Binnenhandels,als Sitz des deutschen Buchhandels, läßt es sich er-warten, daß Leipzig eine immer größere Bedeutsam-keit erreicht, daß es bald noch mehr an örtlicher Aus-breitung gewinnt, und daß der alte gute Ruf, dendie Leipziger Messen haben, nicht verschwinden wird.

Seltsam war es jedoch, daß das Mchikeorpszum Empfang der Wagenzüge einen Marsch überein russisches Volkslied spielte. Haben wir Deut-sche nicht selbst gute Volkslieder genug, daß wir beieiner so feierlichen Gelegenheit, die nicht allein je-

den Sachsen und Preußen, sondern überhaupt jedenDeutschen mit Freude erfüllen muß, eine Melodievon den Russen borgen müssen? Wir Deutsche, diewir vorgeben, ein Volk zu sein, das seinen Werthkennt, — wir borgen uns eine Melodie von den —Russen, um ein für Deutschland höchst wichtiges Un-ternehmen zu verherrlichen! In Frankreich und Eng-land hätte ich keinem Musikmeister rathen wollen, beieiner solchen Gelegenheit einen so abscheulichen Miß-griff zu machen. Der Franzose hätte seine Marseil-laise, der Engländer sein Hüls Brltannin gespielt,aber nicht das traurige, monotone Horngeheule derRussen angestimmt, bei deren Melodien man zu frie-ren und die Streiche der Knute zu fühlen glaubt.

*** Zur Philosophie des Scandals.— Könnten die höchsten Zwecke der Geschichte durchlauter edle und reine Mittel verwirklicht werden,so setzte dies einen so vollkommenen Zustand derMenschheit voraus, daß man jene idealen Zwecke,denen sie zustrebt, eigentlich als schon erreicht undverwirklicht in ihr ansehen könnte. Es ist aber da-für gesorgt, daß die menschliche Gesellschaft keinenzu raschen Sprung in die ideale Vollkommenheit hin-ein unternehme! Au schwerem Ballast auf ihrenFlügeln fehlt es ihr nicht, und genauer besehen, be-steht dieser Ballast aus — Sch m u tz. Jede Ge-schichtsepoche führt ihren Schmutz und ihren Scan-dal mit sich, die nicht etwa nur als zufällige Krustean den Erscheinungen kleben, sondern vielmehr eineelementare Gewalt ausüben und als Elementsich mitten in die kämpfenden Richtungen Hineinsetzen,ihnen dienen, um sie zu zerstören, und sie zerstören,um ihnen zu dienen. So hat der Pöbel sich beivielen wichtigen Umwälzungen der Geschichte als einGcschichtselemeut erwiesen, aber er hat da-durch für sich selbst nicht mehr Geltung erlangt, alsder Pflasterstein hat, der einem Revolutionshaufenzur Bewaffnung dient. Durch diesen Pflastersteinkönnen Principien entschieden werden, aber er selbstist das Priuciplose und daher nichts als ein dienstba-res Element. Und diese Dienstbarkeit ist ebendie Bedeutung des Pöbels, und dadurch ist erder Geist des Scanoals und des Schmutzes, weilihm die höheren Organe abgehen, mit denen er sichan eine durch sich selbst wahre Richtung festsaugenund sie in ihrer selbstständigen Wahrheit vertretenkönnte. Der Pöbel vermicthet sich daher an alleParteien, aber er nimmt eigentlich nicht Partei.Partei kann nur das Volk nehmen, dessen nationa-les Lebcnsgeäder sich in Richtungen zertheilt, welchedurch die besten und bedeutendsten Charaktere derNation vertreten werden.

Man hört und lieft jetzt so oft Klagen über einezunehmende Pöbclhaftigkeit in der Litera-tur, daß man sich zn der Betrachtung aufgefordert'fühlen kann: ob im Geistesleben einer Nation d emPöbelhaften ebenso die Bedeutung eines Ele-ments einzuräumen sei, wie sie sich im Geschichts-leben schon so oft als unabweisbar gezeigt hat? —Diese Frage würde sich aber schon dadurch in sichselbst auflösen, daß man dem litcrarischen Pö-bel noch nicht den Werth und die Bedeutung desPflastersteins, von dem ich gesprochen, wirdzuerkennen mögen. In der geistigen Entwickelungeiner Nation, welche durch die Literatur ihren Aus-druck hat, kann es feuerspeiende Gährungsprocessealler Art, aber es darf und soll keine Straßen-