456
Emeuten in ihr geben. Der Pöbel in der Lite-ratur hat daher keine Rolle, die man zu irgend einemvernünftigen Behuf an ihn austheilen könnte, undwo er spielt, spielt er auf seine eigene Hand in einerabgesonderten Sphäre, die sich schon von Weitemdurch ihre Staubwolke verräth. Dieser geistige Pö-bel, an seiner kleinen Scholle haftend, bringt so we-nig Schaden und. Gefahr, daß man Unrecht thut,durch Klagen über ihn die Zeit zu verschwenden unddarüber einen Augenblick lang die großen und tüchti-gen Erscheinungen unserer heutigen Literatur zu ver-gessen. Der Pöbel kann und soll Niemanden ärgern,wie er auch Niemanden beleidigen kann, denn er hat,nach dem ewig anwendbaren Ausspruch Goethe's,das Geschäft der Hunde, welche den zu Pferde Sitzen-den beweisen, daß sie reiten. Es bleibt daher fürden Pöbel in dieser Region immer das Gerathenste,einen Civilisationsact mit sich vorzunehmen, um sichzu entpöbeln, denn als Pöbel kann er hier nuneinmal schlechterdings nicht zu irgend einer Geltungund Wirksamkeit gelangen. Dem Pöbelhaften in dergeistigen Lebenssphare eine Geltung zuzugestehen, istdaher ein großer und schwerer Irrthum, durch denmanche Talente in unserer Zeit schon so gut wie ver-loren gegangen sind. Die strengste Einsamkeit istdem wahrhaft Strebenden förderlicher, als das Bünd-niß mit dem effectvollsten und glänzendsten Scandal,das wir manche Schriftsteller unserer Tage habeneingehen sehen, anfangs aus einem falsch begründe-
ten Glauben an die Macht des Pöbels, dann aus in-nerer Anbequemung an die diabolische Süßigkeit derGemeinheit.
Wir kommen zu diesen Betrachtungen durch daskürzlich erschienene Vorwort zu dem noch nicht er-schienenen Leben Börne's, von K. Gutzkow,das eigentlich nur ein aus selbstsüchtigen Zweckenübereilter Ausfall auf das Buch: H. Heine überBorne ist.
Das Verhältniß von Börne und Heine, unddas Wesen dieser beiden Charaktere überhaupt, kannbei dem qualmigen Laternenlicht, unter das es hierGutzkow gerückt hat, um so weniger zur Entscheidunggebracht werden, als die Absicht, durch Schmähungdes Heine'schen Buches das eigene herauszustreichen,dabei auf eine zu unverholene und wirklich ekelhafteWeise in die Augen fällt. Wir verspüren deshalbunser Votum über Heine und Börne, zu deren un-bedingten Verehrern wir bekanntlich niemals gehört,und die zu beurtheilen sich jetzt mehr als je ein klarerAbschluß darbietet, auf eine spätere Mittheilung und ilassen heut nur einige Bemerkungen nachfolgen über !diesen neuen Literaturscandal, welchen der schmutzige !Ausfall Gutzkow's auf den früher von ihm so sehr !verherrlichten Heine uns vorführt. !
Man kennt an dem Hamburger Telegraphenschrei- ?ber den Takt, mit dem er die Schleusen des Scan-dals aufzuziehen versteht! Nun ist Heine „kein Poet,sondern nur ein poetischer Dilettant", und dieser
kühne Ausspruch braucht gar nicht erst begründet zuwerden. Dann heißt es: „Börne griff seine Feindean; Heine die Freundinnen und Gattinnenseiner Feinde". Und was thut denn Herr Gutzkow?Er wirft Heine'n im Angesicht des ganzen PublicumSdas Verhältniß mit einer Freundin vor, gegen daser zugleich als Moralrichter den Stein aufhebt, indemer es öffentlich ein unsittliches nennt. Heißtdas etwa die Freundinnen seiner Feinde schonen?Diese Vermischung des Scandals mit der Moralität,indem er erst Schmutz auswirft und dann Krokodils-thränen darüber heult, ist eine ganz neue Phase derGutzkow'schen Equilibristik. Und durch solche Künstesoll die öffentliche Meinung bestochen werden? Wiedumm müßte doch die öffentliche Meinung sein! In-deß wenn auch Niemand an diese schlechten Sprüngeglaubt, so ist doch noch ein Trost für Herrn Gutzkowvorhanden: nämlich „das Jtzehöer Wochenblatt theiltjetzt sehr gute Correspondenzen über Hamburgmit", oder: „die Zeitschrift Unser Planet hat jetztein sehr unterrichtetes Feuilleton". Ja, die öffent-liche Meinung muß sehr dumm sein, denn sie soll esnicht merken, wenn Herr Gutzkow vor den geringstenseiner Lobhudler aus Dankbarkeit den Hut zieht unddabei aus Leibeskräften winkt, fortzufahren! Wieklein und armselig sind doch diese Operationen, undwozu sollen sie nützen und helfen?
Th. M.
Bei Wilh. Cinhorn in Leipzig ist erschienen und in allenBuchhandlungen zu haben:
Agay Han.
Roman nach dem Polnischen
des A. K.
von Emil Drachvogel.
brosch. 1 Thlr.
Wie ein glänzender, wilder, stürmischer Fremdling mit dem Eise und denSchauern Rußlands und der sinnlichen Gluth des Orients, ist dieser Roman, deruns die wüste Zeit des falschen Demetriuö vergegenwärtiget, in unsere kalte civili-sirte Welt übergesetzt. Welche Gluth, welche Phantasie! Eigenste Repräsen-tation des poetischen Geistes eines Volkes wie die Polen, das auf der Grenzesteht zwischen Morgen- nnd Abendland. Westliche Tiefe des Gefühls undglühende Leidenschaft, funkelnde Pracht des Ostens, im Hintergründe einezähneknirschende, polnische Verzweiflung, ein Todeskampf des Untergangs einesVolks mitten in seiner einstigen, wilden Größe, wo eine polnische Wojewoden-tochter Zarin von Moskau war.
Unter der Erde.
Ein Denkmal für die Lebendigen
von
Franz Dingelstedt.
2 Bde. brosch. 2 Thlr.
Der rühmlichst bekannte Verfasser hat in diesem Werke, das jedenfalls zuseinen vorzüglichsten Producten gehört, sein politisches und religiöses Glaubens-bekenntniß niedergelegt. Indem er einen reichen Schatz von Erfahrungen, Er-
lebnissen und Eindrücken vor uns ausbreitet, laßt er uns zugleich seine Welt-anschauung und den Standpunkt, den er bei den Bestrebungen der Gegenwarteinnimmt, in einem klaren Lichte erkennen. Er führt uns aus den Salons dergroßen Welt in ein wunderbar in sich abgeschlossenes Stillleben, seine gewandteFeder, in der Charakteristik von Personen eben so geübt, als in den Entwürfenvon Schilderungen aller Art, ergötzt sich mit Lust an dem gebotenen Stoffe. ESist kein Roman im Sinne Vieler, in diesen Reflexionen ist Poesie, der Griffeldes Autors wird zum farbenreichen Pinsel, wenn er uns Situationen malt undeine belebende, befruchtende Wärme ruht auf allen Gestalten, wie der Frühlings-himmel auf einer Mailandschaft. Die Hochachtung, in welcher der Verfasserbereits beim Publieum steht, kann durch dieses Werk nur vermehrt, nnd demgeneigten Leser anempfohlen werden, sich mit diesem neuen Roman möglichst baldin Einverstäudniß zu setzen.
Die Zilteiguanten.
Roman
von
VNLNDNUGW vo»
2 Bände, brosch. 2 Thlr.
Dieser Roman gehört unstreitig zu den besten Erscheinungen der jün-geren Literatur. Der Verfasser versetzt uns in die Mitte des siebzehntenJahrhunderts, in eine Zeit, in welcher eben nichts geringere Bedeutung hatte,als das Gemüth, dagegen List, Feinheit, Malice, mit einem Worte, Intriguen,in der Kirche, in der Politik, in der Gesellschaft, in der Liebe, vornehmlichden Umschwung der Verhältnisse bedingten, und der Sieg der Falschheit,unbekümmert um Unsittlichkeit, den Preis gewann, ein heilloser Zustand, dersich vornehmlich auf Frankreich, Italien unb Spanien, weniger auf Deutsch-land bezog. Auf diese geistvolle Geschichtsanschauung begründet der Verfasserseinen Roman, der sich durch einen überaus eleganten Styl, bei welchemLebendigkeit und heitere Laune vorherrschen, im hohem Grade auszeichnetund alle Beachtung verdient.