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Grenzen hinaus, dies zu vermeiden hat dieseNation alle die Convenienzen erfunden, dieihre gesellschaftlichen Verhältnisse charakterist-ren, denn sie bedarf des Zügels mehr als ir-gend eine andre.
Am Abend dieses Tages unterhielt mansich viel über einige obgleich schwach begonneneVersuche, eine politische Opposition zu mani-festen. An einem Ende der Stadt, im Fau-bourg St. Germain, hatten Studenten dieReform, in einem andern, der Vorstadt St.Antoine, Arbeiter die Republik leben lassen.Die handfesten Sergeants de Ville, die kei-nen Spaß verstehen, hatten diese hasenfüßigenOpponenten sehr leicht zu Paaren getrieben.Diese Classe der Polizeidiener, unter denensich Kerle mit wahren Galgengesichtern befin-den, flößen dem Volke, obgleich fie nur sehrleicht bewaffnet sind, weit mehr Schrecken alsdie vollkommen militairisch eingerichtete Mu-nicipalgarde ein. Die hiesige Regierung ver-fahrt den Grundsätzen der Homöopathie ge-mäß, indem fie der moralischen Krankheit die-ser Stadt, ihrem zahlreichen Pöbel, ein Hei-mittel, wie die Sergeants de Ville, entgegen-setzt. Letztere machen sich bei der Ausführungder ihnen gewordenen Befehle oft ein Ver-gnügen daraus, dem hiesigen Pöbel ihre Ue-berlegcnheit zu zeigen, werden aber dafür vondiesem tödtlich gehaßt.
Der folgende Tag, Mittwoch, war den ei-gentlichen Volksvergnügungen, in den ChampsElysees, dem Garten der Tuileries und aufder Seine, gewidmet. Das Wesentliche dabeiist ein unermeßliches Drängen und Toben, un-ter dem es dem aufmerksamsten Beobachter sel-ten gelingt, einige interessante Gruppen her-auszufinden. Was dabei alljährlich wieder-kehrt und uns immer lächerlich und wider-wärtig erschienen ist, sind die schmutzigen, er-bärmlichen Taschenspieler und Hanswürste inden Champs Elysees mit ihren häßlichen Wei-bern und ihrer Ohr zerreißenden Musik, diekaum auf einem polnischen Jahrmarkt gefallenkönnte. Das hiesige gemeine Volk ist einesder unmusikalischesten, das weit und breit ge-funden werden kann. Bei dem Concert imGarten der Tuileries erschien der König, wiegewöhnlich, einen Augenblick auf dem Balcondes Schlosses, erregte aber unter den Zu-schauern nur geringe Theilnahme. Er ist all-mälig fast nur der König seiner Partei, derer,die ihr Interesse an ihn knüpft, geworden.Es ist dies gewiß nicht seine Schuld, denn werkönnte diesem Volke auf die Länge gefallen,wer von ihm wahrhaft geehrt und geliebt wer-den? Das einzige Mittel es zu beherrschen, ist
sich ihm furchtbar zu machen, was seit Na-poleon Niemanden mehr gelungen ist und soleicht Keinem gelingen wird. Auf dem Königscheint übrigens das Gefühl seiner Unpopula-rität zu lasten, denn er ist seit Kurzem auffal-lend gealtert und man sieht ihn wenig. Zwi-schen ihm und der Mehrheit des Volkes be-steht kein freiwillig sittliches Band mehr. SeineUnentbehrlichkeit allein hält ihn aufrecht.
Die durch die politische Neuigkeit einergegen Frankreich gerichteten Quadrupelallianzund die Commentarien darüber in den Zeitun-gen entstandene Aufregung unter der Bevöl-kerung hatten eine noch größere Menschen-masse, als gewöhnlich, an diesem Tage ver-sammelt. Die Beleuchtung der öffentlichenGebäude war, wie immer, schwach und spär-lich, das Feuerwerk aber größer und prächti-ger als sonst und wir hörten mehrmals die lä-cherliche aber charakteristische Bemerkung, daßHerr Thiers dies so befohlen habe, um zuzeigen, daß die Franzosen durch den Verrathder Engländer und die feindlichen Absichtender Russen keinesweges eingeschüchtert, son-dern gutes Muthes wären und sich des Lebensfreueten. Man hatte die beiden Ufer der Seinevon dem Pont royal bis zum Pont Louis XVI.mit mehrfachen Linien von Lampen besetzt, ei-nigen Zelten, unter welchen am Nachmittagedie Autoritäten und geladenen Gaste dem Fi-scherftechen beigewohnt, und einem der großenBadehäuser das Ansehn von Tempeln und Pa-villons gegeben, was eine gute Wirkung her-vorbrachte. Am besten aber nahmen sich, mit-ten im Flusse, eine Menge kleiner mit buntenLichtern verzierten Barken aus, die wie glü-hende und stammende Blumensträuße einher-fuhren. Das Feuerwerk war so reich, daßdas trübe Gewässer von dessen Widerscheineeinen Augenblick lang in einen von goldnenoder purpurrorhen Fluthen erfüllten See ver-wandelt wurde, als habe sich ein ganzer bren-nender Abendhimmel, um sich zu erfrischen,in dasselbe niedergelassen.
Die neuesten politischen Nachrichten habeneinen gewaltigen Eindruck hervorgebracht unddie unter der Restauration und seit der Ju-liusrevolution etwas eingeschlummert«; Abnei-gung gegen die Engländer wieder angefacht.Dieses Ereigniß, zu welchem Resultat es auchführen mag, beschäftigt in diesen Tagen alleClassen der hiesigen Bevölkerung. Das Mili-tair mag hier, ohne Zweifel, wie überallKrieg wünschen, da ein Soldat im Friedennicht viel besser als ein Arzt ohne Kranke undein Advocat ohne Processe ist, der Bürger aberdenkt nicht ohne Bangigkeit an einen großen
Kampf. Die Erinnerung an die vielen Nie-derlagen in den letzten Kriegsjahren und diebeiden Invasionen Ist den Franzosen wieder-gekehrt. Die Zeitungen und ihr drohenderTon sind diesmal nicht der Nester; der öffent-lichen Meinung, sie suchen dieselbe vielmehr zubegeistern, als daß sie durch sie angeregt wür-den. Wir glauben uns nicht zu irren, wennwir behaupten, daß eine wahrhaft kriegeri-sche Stimmung in Frankreich nur ausnahms-weise, in einzelnen Classen des Volks, beson-ders unter dem Landmanne herrscht, daß diestädtischen Bevölkerungen aber etwas unkrie-gerisch geworden sind. Die Liebe zum Gelde,zur Bequemlichkeit, zu einem gewissen Lurus,herrscht in den gebildeten Ständen hier mehrals anderswo vor. Viel tragt hierzu der im-mer mehr um sich greifende Materialismus,die vollkommene Abwesenheit von Ideen unddie absolute Herrschaft der Facten bei. Zu-gleich ist die Stellung des eigentlichen Kriegs-standes in diesem, an militairischem Ruhm soreichen Lande, nicht die rechte und angemessene.In den Journalen und bei allen öffentlichenVeranlassungen hört man hergebrachtermaßenden Militairstand erheben, in der Wirklichkeitist dies aber ganz anders. Eine Anzahl fähi-ger junger Leute, besonders wenn solche ein-flußreiche Verbindungen und Vermögen be-sitzen, machen hier im Generalstabe, der Ar-tillerie und Marine, eine viel raschere Lauf-bahn als in den deutschen Heeren, der gewöhn-liche Infanterie- und Cavalerieofficier aberführt ein enges , trauriges, gedrücktes Dasein.Sein Sold reicht kaum für seine nöthigsten Be-dürfnisse aus. Er nimmt in einem Lande, wodas erste aller gesellschaftlichen Bande, die Ehe,in genauer Proportion des beiderseitigen Ver-mögens geschlossen wird, eine sehr untergeord-nete Stellung eil«, denn er ist meist arm undhat keine Aussicht in eine bessere Lage zu kom-men. In einem großen Staate, wo es unmög-lich ist, den zahlreichen Officierstand angemes-sen zu bezahlen, muß eine verständige Regie-rung darnach trachten ihn so viel als möglichaus der wohlhabender« Jugend zu besetzen undden ärmern Theil desselben durch einen gewis-sen Glanz, eine wenn auch nur scheinbar hö-here Stellung für die beschränkte und abhän-gige Lage, in der die Subalternofficiere sicheigentlich befinden, zu entschädigen. Von demAllen geschieht aber hier das Gegentheil. Diereichere Jugend dient in Frankreich selten. IhrStolz und Hang zur Ungebundenheit würdesich durch die militairische Disciplin verletztfühlen. Der langweilige Garnisonsdienft inden Provinzen würde ihr unerträglich sein, sie