Band 
1840, Juli-Dezember.
Entstehung
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487
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lebt fast ausschließend in Paris. Auch ist derMaßstab, der hier an die äußern Verhältnissegelegt wird, ein größerer als in den meistendeutschen Ländern. Eine Hauptmann- undMajorsstelle, die bei uns schon für etwas An-sehnliches und Wünschenswerthes gilt, giebthier dem Individuum, das sie bekleidet, in derWelt und wir meinen nicht die große, sondernnur die mittlere, keine Bedeutung. Ein sol-cher kann in seinem Regimente viel gelten,außer diesem Kreise ist er fast unbeachtet. DerArzt, der Kaufmann, der Unternehmer irgendeiner Art hat die Aussicht sich Vermögen zuerwerben. Die Plaidoyers des Advocaten ste-hen in den Zeitungen. Der Richterstand wirdhier meist mit wohlhabenden Personen, häufigAbkömmlingen der alten Parlamentsfamilien,besetzt. Der Osficier ohne Vermögen aber istauf eine unwandelbare Mittelmäßigkeit gewie-sen. Man weiß, wie wenig er hat und er ge-nießt deshalb in einem Lande, wo der Besitzvon Geld Alles entscheidet, nur einer sehr rela-tiven Schätzung. Wir glauben, daß diese Um-stände auf die moralische Stellung der franzö-sischen Armee sehr nachtheilig einwirken. Diefranzösischen Officiere gelten bei denen, die sieam besten kennen, den Engländern, für Mu-ster von Tapferkeit und Disciplin, aber esfindet sich unter ihnen weniger Schwungkraft,weniger Geist und Charakter als unter bessernUmständen der Fall sein würde. Im Fall ei-nes großen Krieges würde sich dieser Mangelbald fühlbar machen. — ,

Die Regierung hat vor Kurzem den Gene-ralbericht über die Verwaltung der Criminal-justiz im Jahre 1838 bekannt gemacht. Gegenalles Erwarten hat sich die Zahl der großenVerbrechen vermehrt. Es kamen 239 Ankla-gen auf Mord, sehr oft unter Verwandten undHausgenossen begangen, vor. Die Gesetzge-bung selbst ist vortrefflich und einer civilisirtenNation würdig, aber die intellektuelle Bildungdes Franzosen steht zu seinem moralischen Ge-fühl in keinem Verhältnisse, erstere ist eben sosehr als letzteres wenig entwickelt. Auch istdie hiesige Jury meist zu nachsichtig, mit derErklärung der Milderungsgründe (cireonstcm-C68 att6ruiaut68) zu freigebig. Die Richterselbst sind in der Anwendung der Strafen sehrstreng, die Geschwornen binden ihnen aber zuoft die Hände.

In der theatralischen Welt ist jetzt Allesauf Reisen, die Oper und das italienischeTheater haben Ferien. — In der Literatur istaußer dem dritten Bande der Geschichte derfranzösischen Literatur bis zum zwölften Jahr-hundert von Ampere, einem der ersten Ken-

ner der deutschen und skandinavischen Litera-tur in Frankreich und Professor am College deFrance, nichts Bedeutendes erschienen. DiesesWerk, dessen letzten Band, die Epoche vonKarl dem Großen an, wir noch nicht kennen,hat einem großen Bedürfnisse der hiesigen Li-teraturliebhaber abgeholfen, denn die achtBände der lu-stoire litternire cle b'runca der Be-nediktiner, die denselben Zeitraum behandeln,sind bei aller materiellen Gründlichkeit, durchden Mangel an philosophischem Geist und denmatten und charakterlosen Styl nur für deneigentlichen Gelehrten, der gewisse Facta sucht,Urtheil und Idee aber schon mitbringt, brauch-bar, für den Laien aber fast ungenießbar. Son-derbar und unhistorisch bleibt es jedoch immervon einer französischen Literatur zu sprechen,ehe es eine französische Nation giebt und einesolche eristirt vor dem neunten Jahrhundertenicht. Es giebt keine innere Verwandtschaft,kein nationales Band, zwischen den gallo-römischen Dichtern, Historikern und Kirchen-vätern und den Troubadours, Trouveres undChronisten des Mittelalters und dennoch wirddies Alles zusammen französisch genannt.

? Aus der Schweiz.

Die Auflösung der Reactionim T e ss i n.

(Beschluß.)

Jenseits des lVIonts (Neuere im äußersten Kan-tonstheile, der sich ins lombardisch - venetianische Kö-nigreich hineinstreckt, an den Gestaden des Lugano-sees hob die Aufregung nach jenen verhängnißvollenSitzungen des Staats- und Großen Rathes an. InMendristo konnte die Auspflanzung eines Freiheits-baumes durch die Negierungstruppen, die jedoch übeldabei wegkamen, noch verhindert werden, in Luganoschon nicht mehr. Ja die zwei Hauptstädte Luganound Bellen; sagten sich am 4. December 1839 vonder Regierung in Locarno förmlich los. Lugano luddie Regierung zu freiwilliger Abdankung ein; die Re-gierung verweigerte diese. Da trat am 6. December1839 der Bürger Jakob Luvini - Perseghini, eidge-nössischer Oberst, seine „Expedition der Pa-trioten" an. Die Municipalität von Bellen; setztesich in den Besitz des Zeughauses daselbst und sandtedem Commandanten der Expedition den nöthigen Be-darf zu. Luvini setzte sich von Lugano aus mit einemGewalthaufen in Marsch gegen Locarno, vor Locarnovereinigte er sich mit dem Zuzuge aus dein obernTheile des Kantons, denn von allen Seiten brach dasVolk gegen die Regierung auf. Der Staatsrath, schongrößtentheils von seiner Wache verlassen, schien mitLuvini unterhandeln und eine Deputation des Stadt-rathes das Vermittelungsgeschäft übernehmen zu wol-len. Allein Luvini nahm keine Bedingungen an, erforderte unbedingte Abdankung des Staatsrathes unddie Uebergabe der Stadt. Dieser verpflichtete er sichmit Ehre und Leben für Sicherheit der Personen und

des Eigenthums, insofern man seine Schaar nichtfeindlich behandle, sondern gut aufnehme. Er ver-lange nichts anderes als die Herstellung eines verfas-sungsmäßigen und gerechten öffentlichen Zustandes.Da brachte Locarno dem Commandanten die Schlüsselder Stadt; am 8. December zog Luvini mit tausendbewaffneten Tessinern ein. Die „gemäßigten" Mit-glieder des Staatsrathes hatten sich geflüchtet. DieExpedition zog in die Kirche des hl. FranziscuS zurMesse und dankte Gott für den unblutigen vaterlän-dischen Sieg. Darauf wurde auf dem Marktplatzeeine Volksversammlung abgehalten. Mehrere tausendBürger wohnten derselben bei. Die Versammeltenerklärten im Namen des Tessinervolkes das Heil derRepublik und die Verfassung für das höchste Gesetz,und die Behörden, von welchen es so schmählich ver-lassen und verrathen worden sei, des öffentlichen Ver-trauens verlustig, ernannten an die Stelle des auf-gelösten Staatsrathes eine provisorische Regierung,an deren Spitze Franscini und verlangte endlich dierichterliche Bestrafung der reactionairen Rädelsführer.Dann löste sich die Versammlung auf und Jeder kehrtefriedlich an seinen Herd zurück.

Die provisorische Regierung erließ den folgendenTag eine Proklamation, die mit folgenden Wortenschließt: „ Wir versprechen von unserer Seite, gleichals hatten wir einen feierlichen Eid geschworen, alleunsere Sorgen und Mühen dem zu weihen, daß ge-währleistet seien: die Achtung für die hl. katholischeReligion und ihre Geistlichkeit" ( ganz Tessin ist katho-lisch ) — „ Achtung für die Pflichten und friedlichenBeziehungen zu den benachbarten Machten und fürfreundschaftliche Beziehungen zu der schweizerischenEidgenossenschaft — Achtung für das Leben, Achtungfür das Eigenthum, A ch tu n g für d i e M einun -gen eines Ieden und Aller!" Von gleichemDatum ist die Abdankungsurkunde von 6 gemäßigten,nach Sardinien geflüchteten Mitgliedern des aufgelö-sten Staatsrathes. Die provisorische Regierung ord-nete die neue Wahl der Behörden an, erstattete demeidgenössischen Vorort Bericht über die Vorgänge undließ am 12. December dem Wahldecrete eine Prokla-mation gegen Bestechungen und Unordnungen nachfol-gen. Von den Hauptbeförderern der Reaction wurdekeiner, von den bisherigen Mitgliedern des GroßenRathes fast nur freisinnige, diese beinahe alle wiedergewählt. Die Zahl der geistlichen Mitglieder sankdiesmal aus ein Dutzend herab. Auch die Wahlender Candidatcn zu den Friedens- und Bezirksgerichten,ebenso die spater beschlossene und vorgenommene Wahlder Gcmeindräthe fiel gegen die Reaction aus. DerVicar Calgari irrte trostlos in den Klöstern und Ne-actionsncstern der Schweiz umher. Am 19. December1839 eröffnete der Pfarrer Sala als Alterspräsidentdie Sitzung des Großen Rathes. Dieser nahm, als-dann Luvini zum Präsidenten ernennend, die zustän-digen Wahlen des StaatSratheö und der Gerichte vorund wies den Behörden wieder ihr verfassungsmäßigesGeleise an. Der Staatsrath wurde mit den Mit-gliedern der provisorischen Regierung besetzt, Frans-cini zum Präsidenten desselben ernannt. Eben so wur-den auch die andern Wahlen im Geiste der Verfassungabgethan. Die verfassungswidrigen Beschlüsse gegendas Associationsrecht, gegen die Preßfrcihcit, gegendie Gebrüder Ciani u. s. w. wurden aufgehoben; denPatrioten, den drei Hauptstädten und dem OberstenLuvini der öffentliche Dank decretirt; der Staatsrathbeauftragt, dem Erzbischof in Mailand und dem Bi-schof in Como die Zusicherung zu ertheilen, daß der