Band 
1840, Juli-Dezember.
Entstehung
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485
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haben, sagt'der Vers., wohl Christus und seineApostel dergleichen gethan und gelehrt? Ha-ben die guten Leute wohl bedacht, daß dieganze Erzählung von den 11,000 Jungfrauenwahrscheinlich erdichtet ist oder auf irgend ei-nem Mißverständnisse beruht? Daß sie viel-leicht Neberresten von Menschen Ehre erweisen,denen, wäre eine genaue Kunde von ihnen ge-blieben, nicht einmal menschliche, geschweigedenn göttliche Ehre gebühren würde? Warenes aber auch wirklich ausgezeichnete, tugend-hafte Menschen, starben sie für ihren Glauben,so ehre man ihr Andenken und stelle ihre Tu-genden zum Muster auf, ihre Gebeine gehörenjedoch dem Staube an.

Im November 1838 kam der Verf. nachSachsen, der Wiege des Protestantismus, woer nicht mehr umhin konnte, anzuerkennen,daß in der evangel. Kirche das Christenthumsich reiner darstellte, als in der durch Men-schensatzungen, durch Ueberbleibsel des Heiden-und Judenthums, durch Herrschsucht und An-maßung ihrer Priester entstellten römischen.In dieser Gemüthsstimmung führte ihn dasBedürfniß seines Herzens in die Nicolaikirche.Als nun aber nach Beendigung der vortreffli-chen und rein christlichen Predigt die gläubigeGemeinde sich versammelte, das Liebesmahl desHerrn, das Andenken an seinen Versöhnungs-tod zu feiern, „da wurde mir's zu enge, daempfand ich tief, wie einsam ich dastand, aus-geschlossen aus einer Kirche, die ich nicht mehrfür die wahre halten konnte und dennoch fernvon jeder andern christlichen Gemeinschaftund es reifte in mir der Entschluß, meine bis-herige Kirche auch der äußern Form nach zuverlassen, um nicht ferner im Widersprüche mitmir selbst zu leben. Ach, wie viele mögen sichmit mir in derselben Lage befinden. Mochtensie meine Worte beherzigen und kühn den vonmir eingeschlagenen Weg zu ihrer Beruhigungebenfalls wählen. Die Verbindung mit einerKirche, deren Glauben man nicht theilt, zu-mal wenn sie dies unbedingt fordert, ist wahr-lich nicht von Nutzen."

Die sächsischen Landesgesetze verordnen, daßderjenige, welcher von einer Confession zurandern übergehen will, sich zuvor bei demPfarrer seiner bisherigen Kirche melde. VierWochen später, wenn der Austretende bei sei-nem Entschlüsse beharrt, stellt ihm der Pfarrerüber seinen angezeigten Austritt ein Zeugnißaus und erst dann darf ihn die andere Kircheaufnehmen. Der Verf. erklärte daher unterm20. Novbr. d. I., an demselben Tage, der vorzwei Jahren in Cöln einen so mächtigen Ein-druck auf ihn machte, dem Pfarrer der leip-

ziger katholischen Gemeinde seinen Austritt ineinem mitabgedruckten Schreiben, um dessenwillen allein schon das Büchlein lesens- undbeherzigungswerth ist. Nachdem sich der HerrPfarrer in mehreren mündlichen Unterhaltun-gen überzeugt hatte, daß der Verf. von seinemVorsätze nicht abzubringen war, erhielt der-selbe nach Ablauf der gesetzlich vorgeschriebe-nen vierwöchentlichen Bedenkzeit die Bescheini-gung seines Austritts aus der römisch -kathol.Kirche. Hierauf bat er den Herrn Superin-tendenten Dr. Großmann um Aufnahme in dieevangel. Kirche, indem er zugleich sein Glau-bensbekenntniß übergab, welches wiederumhöchst lesens - und beachtungswerth ist. DerHerr Superintendent erklärte ihn hiernach fürfähig und würdig in die evangel. Kirche ein-zutreten und äußerte sich unverhohlen dahin,„daß, je weniger die Kirche darauf ausgehe,Andersdenkende zu ihrer Meinung zu bestim-men, sie desto größere Freude habe, wenn dieZahl ihrer Glieder durch die Kraft der Wahr-heit angezogen sich mehre."

Französische Tageszustande.

Im August.

Von Eduard Arnd in Paris.

(Beschluß.)

3. Die Juliussäule und die Feierlichkeiten bei ih-rer Enthüllung. 4. Stimmung über die Qua-drupel-Allianz. 5. Die Verhältnisse des Ofsi-cierstandes in Frankreich. 6. Statistik der Ver-brechen. 7. Neueste Literatur.

Die Juliussäule, auf dem großen unregel-mäßigen Platze der Bastille erhoben, machtdieses ungünstigen Locals wegen, ihrer schö-nen Verhältnisse ungeachtet, keinen großenEindruck. Die Umgebungen tragen zu einemWerke der Architektur und Skulptur fast ebenso viel als dessen eigene Natur bei. Zu demGenius der Freiheit, der sie krönt, ist die Ideevon dein Merkur von Johann von Bologna imflorentiner Museum, genommen worden. DasGerüste, auf welches der Sarkophag gestelltwurde, um von der Geistlichkeit eingesegnetzu werden, die Tribunen für die Autoritätenund privilegirten Zuschauer, waren, wie fastimmer hier, elegant verziert und der Feierwürdig. Die Enthüllung der Statue und dieTrauermusik, die Herr Berlioz zu dieser Ver-anlassung componirt, machten einen erheben-den Eindruck. Einige Augenblicke nachher be-fanden wir uns, dem wüthenden Gedränge aufden Boulevards zu entgehen, auf der Placeroyale, wo die Statue Ludwigs des Dreizehn-

ten steht. Hier erhob sich , einige Schritte vonuns, plötzlich eine Art panischen Schreckens.Männer, Frauen und Kinder schrien, stürz-ten über einander. Tische, mit Früchten undKuchen zum Verkaufe, wurden umgeworfen,Alles lief wild durch einander. Bald nachherwurde es wieder ruhig. Wir konnten uns denGrund dieser plötzlichen Bewegung nicht erklä-ren. Später erfuhren wir, daß einige Leuteaus dem Volke mit einem Posten National-garden Händel angefangen, und daß dieserStreit eine Bewegung hervorgebracht hatte,die zwar nur einen Augenblick gedauert, den-noch aber hingereicht hatte, mehrere Menschengefährlich zu beschädigen. An einem andernOrte war ein Officier von seinem Pferde ab-geworfen worden. Die, welche ihn an derErde liegen sahen, glaubten, er sei vom Volkegetödtet und liefen, die Repressalien der Sol-daten fürchtend, im wildesten Tumulte hin undher. Die sonderbare Reizbarkeit dieses Volkesnimmt nicht nur jede zufällig entstandene Ver-anlassung zur Unordnung begierig auf, ver-größert dieselbe, sondern bringt sie hervor,sucht sie, wie etwas Angenehmes und Freudi-ges , auf. Unordnung ist das Element desFranzosen. Die grobe, sinnliche Unordnung,die sich mit drohenden Worten und Geber-den, Widerstand gegen eine bestimmte Einrich-tung u. d. g. kund giebt, Herrscht bei den nie-dern Classen, die einer ertremen Meinungs-verschiedenheit, entgegengesetzter Systeme, ge-hässiger Vergleiche und Anschuldigungen, beiden Vornehmen: vor. Als Gegengewicht zudieser Neigung haben die hohen: Classen einesehr verfeinerte Gesellschaft erfunden, in dersich, dein Scheine nach, Alles höchst regelmä-ßig, anmuthig und verständig bewegt und dieihnen eine Menge von Dingen, die ihrem Da-sein fehlen, wenigstens äußerlich ersetzt. DieFranzosen von Rang und Bildung legen sichbei ihren Vergnügungen mehr Zwang als beiihren Geschäften auf, während die ruhigereStimmung andrer Nationen als Gegengewichteiner rauschenden: ungeregelten: Heiterkeit nö-thig hat, ein Unterschied, von dessen Wahr-heit die Beobachtung der gesellschaftlichen Hal-tung unter den verschiedenen Nationen leichtüberzeugen kann. Nichts, selbst unter dem ge-meinen Manne, erinnert in Frankreich an dietolle Lustigkeit vieler deutschen Volksfeste unddie phantastische Laune des Italieners bei fest-lichen Gelegenheiten sticht sonderbar von sei-nem gewöhnlichen Ernste ab. Eine zu großeHeiterkeit artet bei dem Franzosen sehr leichtin Tumult und Erceß aus, sein Wesen von ei-ner gewissen Regel befreiet, schweift über alle