Band 
1840, Juli-Dezember.
Entstehung
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607
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müsse, wenn das Uebel nicht ärger werdensollte. —

3 .

Wenige Tage später machte Blan? enseeseinem ehemaligen Vormunde, Herrn Wal-dau, einen Besuch. Dieser Herr lebte inländlicher Stille, auf seiner schönen Besitzung,einige Meilen von der Hauptstadt gelegen.Von letzterer nahm er wenig Notiz, kam niedahin, und wenn ihn nicht dann und wanneinige befreundete Stadtbewohner besucht hät-ten, so wäre sie gar nicht für ihn in der Weltgewesen. Auf dem Gute hatte Alles ein alt-modisches Ansehen, dennWaldau, der einhalbes Seculum hinter sich hatte, war demNeuen abhold und glaubte seine Jugenderinne-rungen am besten dadurch frisch zu bewahren,wenn er in seiner Umgebung alles in dem Zu-stande ließ, wie er's als Jüngling gekannthatte.

Wald au's Schwester, eine gemüthlicheJungfrau von fünfund vierzig Jahren, hatte imallgemeinen dieselben Grundsätze wie der Bru-der. So streng aber auch beide am Alten hin-gen, so waren sie gegen Andre doch sehr tole-rant gesinnt, und die wenigen Freunde ausder Stadt und Umgegend fanden sich, wennsie zu Besuch kamen, stets heimisch und behag-lich bei dem freundlichen Geschwisterpaar, wel-ches hier ein idyllisches Leben führte.

Mit der Herrschaft harmonirte auch diewenige Dienerschaft, die mit jener alt gewor-den. Moderne Bewohner würden überdiesnicht recht in das alte klosterartige Wohnhausgepaßt haben. Die grauen steinernen Ziera-then an Thüren und Fenstern, die alterthüm-lichen Giebel, die melancholisch über uralte Ka-stanien hinwegschauten, Alles vereinigte sich,ein Bild der guten vergangenen Zeit darzu-stellen. Wenn draußen in der Welt der Wech-sel der Mode sein tolles Spiel trieb , wennda Kriege durchgekämpft, Friedensschlüsse ge-knüpft und zerrissen wurden, schwüle Julitagevorüberzogen und in geringer Entfernung so-gar eine Eisenbahn angelegt ward, so bliebWald au und seine Besitzung von All der-gleichen unberührt, und er schüttelte den Kops,wenn modische Gäste ein Langes und Breitesvon solchen Dingen erzählten. —

Blankensee traf den alten Freund, wiegewöhnlich, sehr beschäftigt mit den mannig-faltigsten landwirthschaftlichen Anordnungen.„Haben Sie Ihr langweiliges Treiben wiedereinmal satt und wollen sich an unserm frischenLandleben erquicken?" rief er dem Ankommen-den entgegen. „Das ist schön! Sie thäten amBesten, immer hier zu bleiben, zumal jetzt, wounsre Gesellschaft um eine recht artige Person

vermehrt werden wird. Es ist nämlich meineNichte, die den ganzen Sommer bei uns woh-nen will, ein Kind von achtzehn Jahren. DaSarme Mädchen ist eben erst von einer tödtlichenKrankheit genesen und die Aerzte wollen, daßsie nun einige Monate in einer freundlichengesunden Gegend zubringen soll. Ihr Vater,der in einem feuchten sumpfigen Landstriche derNiederlausitz seine Besitzungen hat, konnte na-türlich an keinen schönern und gesündern Auf-enthalt für das Kind denken, als an den hie-sigen , wo sie noch dazu bei Verwandten undFreunden sein wird. Ich erwarte sie nun schonseit einigen Tagen und meine Schwester freutsich selber wie ein Kind auf den Besuch. Dock-Sie werden sie ja sehen! — Wie steht es indeßmit Ihnen? Hat sich Friedrich endlich überseinen Mord, wenn man's so nennen will, be-ruhigt?"

Blankensee hatte bereits daran gedacht,den Erwähnten zu einem längern Aufenthaltauf dem Lande zu bereden, wo er eher als inder Stadt Gelegenheit zu finden hoffte, denFreund in heitere Stimmung zu versetzen. Erbenachrichtigte Wald au jetzt von dem mysti-schen Glauben Friedrichs und schloß mitder Bemerkung, daß er für letzter» doch lieberein andres Asyl suchen wolle, als das GutWaldau's, dessen Nichte eS nicht gern sehenwürde, wenn ein Halbwahnsinniger mit ihrunter einem Dache hauste.

„Im Gegentheil," erwiederte der Alte,„seine Gegenwart wird mich freuen, denn indem, was Sie mir von ihm erzählten, finde ichgar nichts Wahnsinniges. Er hat seinen beson-dern Glauben, gut! Dieser Glaube mag ein un-gewöhnlicher sein, aber er liegt mit der Naturnicht mehr im Widerstreite, als so Manches,was man den Leuten von der Kanzel zu lehrenpflegt. Was von Millionen aus einmal ge-glaubt wird, das schilt so leicht niemand un-vernünftig; aber was ein Einzelner glaubt,das wird gleich für Narrheit ausgeschrien —das ist der Fehler aller Zeiten und Völker.In meiner frühern Jugend kannt' ich einmalzwei Parteien: bei der einen gehört'es zumguten Ton, Alles frischweg zu leugnen undgar nichts zu glauben; die andre hielt starrund fest an jedem Popanz und an jeder Mähr,die sie von den Vorfahren ererbt hatte. Wiees heut zu Tage steht, das kümmert mich nicht;ich selbst aber habe gelernt, während ich jeneParteien betrachtete, niemand zu verdammen;und eins ungewöhnliche Ansicht ist des-wegen noch keine verwerfliche. — Sollteindeß für Ihren Freund das bunte Treiben derStadt nicht dennoch heilsamer sein, als unsereEinsamkeit?"

„Das glaub' ich nicht, sagte Blanken-see; erstlich könnten wir ja schon dafür sor-gen, daß er selten ganz allein wäre; und dannHalt' ich auch das Landleben, in einer Gegendwie diese, einem solchen Gemüthe für weitzuträglicher, als das betäubende Getöse derStadt, was eher verletzend wirken dürfte."

„Sie haben wahrlich recht! woher hätt'ich auch meine Munterkeit bei fünf und fünf-zig? Bringen Sie Ihren Freund mit, es sollihm nicht an Zerstreuung fehlen. Wir wollenihn für die Freuden der Jagd empfänglich ma-chen, er soll von früh bis Abends mit unsdurch die Felder streifen, und am Abend, wennwir müde sind, setzen wir uns um's Kamin,und erzählen alte Geschichten."

„Nur keine Geiftergeschichten!"

„Warum nicht? Sie meinen, man müsseden Teufel nicht an die Wand malen? Das isteine ganz falsche Ansicht, alle Wände muß mandamit vollmalen, groß und klein, dann siehter, daß man ihn nicht fürchtet und hält sichhübsch ferne. Schicken Sie mir ihren Freundzur Cur, ich will mir die ganze Sache von ihn:selber erzählen lassen, und ehe zwei Stundenvergehen, soll er drüber lachen. Und meineNichte — bei Gott! die hätt' ich beinah ganzvergessen; aber welcher junge Mann wird inGegenwart eines so kostbaren Kindes an dü-stern Gespensterspuk denken? Sie können sichkeinen Begriff machen, wie lebhaft das Mäd-chen ist, tausend Schwanke hat sie im Kopfeund wer bei ihrem Geplauder ernsthaft bleibenkönnte, müßte ein wahrer Höllenbraten sein.Ich habe sie selber seit acht Jahren nicht ge-sehen, sie zählte damals etwa zehn, aber ichdenke noch immer mit Vergnügen an das Kindund freue mich aus seine Ankunft."

„Acht Jahre," sagte Blankensee lä-chelnd, „sind eine lange Zeit; sie muß sich seit-dem verändert haben und wird nicht mehr daslustige Kind sein."

„Gewiß ganz dieselbe noch! Ich weiß ja,wie sich die Mädchen verändern. Mit demMunde ist sie vielleicht etwas stiller geworden,dafür haben nun die Augen reden gelernt undmit diesen wird sie Geschichten erzählen, daßdem melancholischen Friedrich seine Gespen-stergeschichte ganz langweilig vorkommen soll.Auch meine Schwester wird ihr Bestes thun,denn wenn die zum Schein auf seine Ansichteneingeht und mit ihrem trockenen vielbewunder-ten Verstände Gründe dafür ausstellt, so wirdsich sein phantastisches Hirn schon anders besin-nen. Ein Finsterling kann er überhaupt nichtsein, sonst wäre der wackere Junge nicht bravmit Pistolen umgesprungen; etwas vernünfti-ger hätt' er freilich zielen sollen." —