Band 
1840, Juli-Dezember.
Entstehung
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618
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dem Roste desLocomotivs emporfliegende Kohlefürs Erste das Kleid einer Dame in Brand ge-setzt, und das Umgreifen desselben nur durchihres Gatten Bemühung verhindert worden,der übrigens beim Hinabwerfen der Kohle sichzwei Finger bis auf die Knochen verbrannte.Dieser hatte mit den Seinigen absichtlich zu ei-ner kurzen Spazierfahrt den offenen Wagen ge-wählt und auf seine Bedenklichkeit, daß dieseram Tender hänge, von dem Wagenaufseherdie kurze Antwort erhalten, dies sei die Wa-genordnung nach Oberem. Auf die öffentlichmitgetheilte Beschwerde des Beschädigten beider Compagnie, womit er einen Antrag aufSchadenersatz, wenigstens für das verbrannteKleid der Frau, wenn auch nicht für die Brand-wunden des Mannes, verband, war die eben-falls öffentlich gewordene Antwort, daß dieGesellschaft bei dergleichen Unfällen sich nichtzu einer Entschädigung verpflichtet halten könne.Ohne Untersuchung dieser Frage ist es keineFrage, daß dergleichen Unfälle überhaupt ver-hütet werden müssen, wo sie zu verhüten sind.Dies ist aber hier sehr leicht dadurch möglich,daß bedeckte und nicht ossene Wagen an denTender gehängt werden, und die sich derselbenbedienenoen Personen, weil sie nur 1 Thaler8 Gr. bis Leipzig zahlen, gleichgültig einerwirklichen körperlichen Gefahr ausgesetzt wer-den , abgesehen von dem Funken- und Aschen-regen, der ihre Kleider in solcher Nähe desLocomorivs ohnehin trifft. Von Leipzig auswar die Wagenordnung in solcher billigenRücksicht geschehen und da man in Dresden denWagenzug meist wieder so abgehen ließ, wieer von dort ankam, daß also nun die offenenWagen vorn waren, so übte man in Leipzigeine bequeme Humanität, indem an der Wa-genordnung nichts geändert ward. Ein hiesi-ges Blatt erklärte, das Publicum habe fürDresden dieselbe ebenso angemessen zu fordern,wie sie von Leipzig aus geschehe und der Ue-Lelstaud ist seitdem abgestellt.

Das sociale Leben Dresdens zerfälltin eigenes und fremdes. Die Durchreisendenund Zugvögel von Charakter bilden hier einso scharf gesondert hervortretendes Element ausder Bewohnerschaft, daß ein Fremder, der sichansiedeln will, Mühe hat, dies den Dresdenernbegreiflich zu machen. Sie betrachten ihn danngeraume Zeit immer noch als Beiwerk ihrerschönen Stadt, außerhalb der Barribre der Ver-hältnisse und bewegen sich gegen ihn ceremo-niös und abgeschlossen. Daher hört man dieKlage der Fremden, daß sie sich nicht rechtheimisch hier fühlen, wenn sie es auch bereitsgeworden sind; daß sie wohl ihre Person, nickn

aber ihr Gemüth in die Gesellschaft aufgenom-men finden. Geistreiche oder nur gemüthreicheKreise sind aus den bekannten Ursachen unserergesellschaftlichen Entwickelungen auch hier sel-ten, wie überall in Deutschland. Der Gesell-schaftston wird von warmen natürlichen In-dividuen, welche einen eigenen Charakter zuhaben sich getrauen, im Allgemeinen als steifund frostig bezeichnet, und wenn man weiß, wiehaarscharf der verstorbene König Friedrich Au-gust die Etikette im Auge behielt und beschützte,so darf man sich über die nachhaltige Wirkungdavon nicht wundern. — Ich habe noch nichtin einer andern Residenz von gleicher Größegelebt, bin auch nicht alt genug, um entschei-dende Vergleiche zwischen hier und andern Or-ten, zwischen jetzt und frühern Zeiten anstellenzu können; indeß erscheint es mir hier schonals ein freundliches Lebenszeichen der Gesell-schaft, daß die bessern Elemente derselben anöffentlichen Orten sich nicht mehr, dem Prin-cipe der Zopfperiode zufolge, nach dem äußernRange, sondern nach dem innern Cohäsions-gesetze der Moral und Intelligenz vereinigen,während die schlechter:: Elemente in einer Artchemischer Nothwendigkeit von selbst ausschei-den. Es wäre eine Aufgabe für das kleineVereinswesen, z. B. der hiesigen deutschen Le-segesellschaft, die Verrenkung der nationalenSocietätsverhältnisse zum Bewußtsein zu brin-gen und auf einen natürlichen, also vernünf-tigen Standpunkt zurückzuführen.

Aus Gräfenberg vernehm' ich durchPrivatmittheilung, daß die sonst so unbekannteeinsame Berghöhe wieder kürzlich ein großesGenesungöfest sah, welches ein österreichischerEvelmann seiner Gattin zu Ehren gab. DerWald des Hirschbadkammes war längs seinemSaum hin mit Festons verziert; Abends pras-selte ein Feuerwerk und darin brannte ein Le-behoch dem genialen Naturarzt Prießnitz, vondem man mit Recht behaupten kann, er habeeine physische Wiedergeburt der Menschheit ein-geleitet. In Böhnersdorf, einem von den Cur-gästen vielbesuchten nahen Orte, war kürzlicheine große Illumination durch Kiehnkörbe ver-anstaltet , aber vor dem Anzünden — gestoh-len worden. Bunte Papierlampen vertratenhierauf die Stelle. In Freiwaldau gab dieFürstin Hohen lohe - Oehringen, welche seit län-gerer Zeit, sowie die Fürstin von Anstalt-Cöthen, die Wasfercur braucht, ein kaltesSouper, wobei jedoch der Champagner nichtfehlte, der bei dergleichen sonst hoch verpöntist. Freilich waren nur die Couverts der ein-geladenen Nichtkranken damit versehen; indeßließ auch mancher Kranke hinter dem Rücken

des präsidirenden Prießnitz sich zu einem Glaseverleiten.

Tageszettel.

— * Berlin wird wahrscheinlich nochin diesem Jahre das Friedensfest begehen,zu dessen Feier die Aufrichtung der Frie-denssäule auf dem Belle-Alliance-Platz,als Andenken des seit fünfundzwanzig Jahrenbestandenen Friedens, von dem verstorbe-nen König von Preußen bestimmt worden.Die Figur der Victoria, welche auf dieserSäule Platz finden soll, sieht man in dem vonRauch gearbeiteten Modell auf der gegen-wärtigen Kunstausstellung in Berlin. Merk-würdig ist, daß diese Victoria, in der leiden-schaftlichen und bacchantischen Haltung, welcheihr der Künstler gegeben, mehr einer Krie-ge sfurie, als einer Friedensgöttingleich sieht. Selbst die Friedenspalme,welche die Figur schultert, hat vollkommendas Ansehen einer Geißel. Aengstliche undauf das Prophetische versessene Gemütherwollen darin eine schlimme Vorbedeutung er-blicken. — *

-— * Ein Korrespondent der Leipziger All-gemeinen Zeitung bemerkt, daß die Börse zuStettin „geistreich illuminirt" gewe-sen. Das vielberüchtigte und schicksalsvolleWort geistreich ist sonach jetzt bis auf dieLampenputzer heruntergekommen. Dasnicht minder zu Tode gehetzte Prädicat phi-losophisch ist freilich nicht viel besser daran,denn die Hallischen Jahrbücher des Hrn. Rügewürden ohnsehlbar die stettiner Börse wahr-haft philosophisch illuminirt gefun-den haben. — *

— * Die Preußische Staatszei-tung hat sich bei Gelegenheit der Huldigungin Berlin veranlaßt gesehen, die Rede, welcheder König in Königsberg gesprochen, zu wie-derholten Malen abzudrucken. Man hat beidiesem neuen Abdruck eine Variante bemerkt,indem er eine Stelle enthält, welche in denfrüheren Mittheilungen dieser ausgezeichnetenWorte fehlte. — *

— * Die Vossische Buchhandlungin Berlin, als Verlegerin der Werke Les-sing's, hat sich an Herrn Gervinus umeine Biographie Lessing's gewandt.Wenn der geschätzte Literarhistoriker diesen