Band 
1840, Juli-Dezember.
Entstehung
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623
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einige Pfennige von der Obsthändlerin und dieHere wurde witzig und fragte, ob ich ein Huf-eisen gefunden und verkauft hätte? Aus Freudeüber die Anspielung konnte ich nicht antwortenund mußte die Spitze einstecken.

Nun wurde der Philosophengangeingeschlagen und dort umschlossen uns baldrecht anmuthige Weißdornhecken und geköpfteWeiden und wir wateten recht hübsch imSande.Die 8epteni mirLeuIa. ckeuse lagen zum Theilvor unseren Augen und die Saale bildete zwi-schen ihren Hirsefeldern und Wiesen uns ge-rade gegenüber ein recht romantisches — Knie.

3 .

Es war die Rede davon gewesen, daß Ott-fried Müller in seiner Archäologie den erder-schütternden, umwälzenden Dreizack des Nep-tun ursprünglich auf eine Tunfischharpune zu-rückführt und daß die elysäischen Felder nachMaccard auf Nichts hinauslaufen, als auf ei-nen Busch in einer Höhle ohnweit Neapel. —-Ich fragte, ob mehr Kraft dazu gehöre, denMarmorblock in einen Gott, oder dazu, denGott in einen Marmorblock zu verwandeln?Jäp antwortete, daß es gerade die Gewalt desmenschlichen Geistes beurkunde, daß er ausMeerschaum sowohl die Venus, als — Ru-kaer Pfeifenköpfe machen könne. Aber Jüne-mann wollte in dem Schicksal des Dreizacksdes Gottes das Schicksal aller Poesie und Kunstüberhaupt erblicken.

Was der frischeste Geistesdrang der Völker,behauptete er, als die mit ihrem Innern ganzund gar zur Einheit verwachsene Wahrheit ent-wickelte und was die Zeitalter als die Blütheihres gesammten geistigen Lebens emportriebenund einmal entfaltet, als das Göttliche glaub-ten; was der dem Gesammtbewußtsein nochnicht entfremdete Künstler als sein zweites undbestes Ich liebte und mit Begeisterung darzu-stellen trachtete: das schneidet endlich die Ge-genwart unter der schärferen Lupe der Kritikund freien Beleuchtung der Reflerion von denNerven und Adern, die es mit unserem inner-sten Leben verknüpfte, ab. Wir sagen unsvon dem Schönen los, um dasselbe desto festerzuergreifen; aber der Traum ist zerstoben;der Magnet, der die Eisentheilchen krystalli-sirte, ist weggerückt; der lebendige Athem, derdie Gestalt beseelte, ist entflohen und das Ge-bilde ist zerstört. Wir geben uns nur nochillusionswe ise den vorhandenen Kunst-werken hin; nicht mehr mit Liebe und*Andachtund deshalb ist die Zeit, fie zu schaffen, vor-über. Doch es ist dies sowohl die Folge, alsauch die Ursache von der neuen Gedankenrich-

tung der Gegenwart. Der nach Selbstbewußt-sein ringende Geist findet nur noch im Wissenseine Befriedigung: in derIdee, welche überder Erscheinungswelt steht, nicht in dieserselbst, die nur Wahrheit enthalt, sofern sieder Idee entspricht. Nur auf den Höhen derPhilosophie findet deshalb der Geist seine Be-friedigung, deren Gipfel in ewige Klarheit ge-taucht, unwandelbar auf den flüchtigen Wech-sel der Wolken und der sich ablösenden Jahrs-zeiten der Thäler herabsehen und ihre Glet-schermilch Herabtropfen lassen, alle erhitztenPhantasien der Menschen in dem bunten Ge-wirr des Lebens abzukühlen und die gereiztenNerven zu erquicken*).

Der Doctorandus drohte in dem Augen-blicke, wo er von Abkühlung sprach, selbstwarm zu werden. Das war noch zu früh. Erschritt gewaltig aus und wir andern hatten einganzes Stück Weges nachzuholen. Vielleichtwollte er uns sogleich auf recht abstraktes Ge-biet versetzen, um von da aus seine Strategiedes Geistes gegen uns spielen zu lassen. Dennnachdem die Poesie mit drei Worten abgemachtwar und unser Philosoph die Philosophie imAllgemeinen gelobt hatte, lag es nahe, aufdas Lob einer b e stimmten Philosophie über-zugehen. — Das wurde jedoch durch Jäp ver-eitelt.

Gut, sagte dieser, dem Nibelungenlied efolgt die Nibelungen?läge. So mag dennnach den Thaten der Poesie die Klage sich er-heben, daß jene keine Thaten mehr verrichtet.— Jedermann hat ein Recht afff eigene Welt-anschauung, der Frosch im Schilfe sowohl,wie Hegel und wie jedes Zeitalter, so auch dasunsere über die mannigfachsten Gegenstände.Daß aber in der Gegenwart so wenig auf poe-tischem Gebiete geschieht, daß kein Shakspeare,kein Goethe dichtet, beweist nicht, daß nichtsmehr geschehen, daß keiner mehr geboren wer-den kann, sondern nur daß wenig geschieht.Daß keiner geboren ist, kann nicht einmal be-hauptet werden. Denn er könnte ja noch inden Windeln stecken. Meint der preußischePhilosoph, daß, nachdem die Kunst die dreiKunstformen des Symbolischen, des Classischen,des Romantischen durchlaufen hat, der Baumausgebrannt sei und absterben müsse und daßdie darauf nistenden Vögel sich bei Zeiten aufdie solideren Höhen der Philosophie übersie-deln mögen, so ist damit nichts prophezeihet,

*) Die Gletschermilch, das aus den Spalten derGletscher hervorquellende Waffer, soll, auch Lei dergrößten Erhitzung getrunken, der Gesundheit nichtschaden.

sondern nur bewiesen, daß Hegel eben Philo-soph, aber kein Kunstgenie ist: daß der Phi-losoph überhaupt wohl die Nachhut, aberkeineswegs den Vortrab im großen Heerzugeder Jahrhunderte fuhren kann.

Sie lieben beide die schiefe Schlacht-ordnung, meine Herren, redete ich dazwi-schen und hatte Mühe, durchzudringen: Hegelgeschieht jedenfalls Unrecht. Es ist keineswegsseine Meinung, daß es mit der Kunst aus sei.Er hat ja die Idee, welche der Kunst zumGrunde liegt, die diese Kunst zu verkörpernstrebt, inniger und fester, als irgend wer, er-faßt, als göttlich und ewig hingestellt undsomit ihre Unerschöpflichkeit nicht zugegeben,sondern behauptet. So wenig der menschlicheGeist je monoton werden und versiegen kann,eben so wenig wird die Kunst, sein geistinnig-stes Product, je versiegen.

Schon deshalb, redete Jäp ein, sollte keinPhilosoph dergleichen behaupten, weil dieKunst in ihrer beständigen Regsamkeit ihmnicht nur den höchsten, sondern auch — be-quemsten Beweis liefert, daß die innere Weltdes Menschen mit der äußern, ihn umgeben-den Welt nur eine ausmacht. — Doch ich be-denke nicht, daß Philosophen das auch leugnenkönnen.

Die Idee, fuhr ich fort, aus dem Gebieteder Kunst in das der Philosophie, als zu et-was Höherem aufzusteigen, ist von Hegelin der Aesthetik allerdings angedeutet, be-stimmter schon von Hotho*) bezeichnet; abervon ersterem wenigstens mit der bestimmtenBeziehung, um die Bedeutsamkeit der Kunstdesto Heller zu beleuchten. Beide suchen in derPhilosophie das Mittel, die innersten Geheim-nisse der Kunst zu ergründen, die Schönheit inder Wahrheit zu begründen und so im bewuß-ten Gedanken die Pietät gegen das Kunstwerkwieder zu gewinnen, die den frühern Jahr-hunderten meist ein ahnendes Gefühl einflößte.Wenn in der Blüthezeit der classischen undromantischen Kunst die in die Erscheinungs-welt hineinstrebende Idee den Künstler gleich-sam zwang, ihr einen Körper zu geben unvdas Kunstwerk den Beschauer unwiderstehlichergriff, so muß jetzt der Künstler die Idee um-spannen und mit Gewalt in das Dasein rückenund der Beschauer das Kunstwerk mit allerKraft ergreifen, um sich in seine Seele hineinzu versetzen. Wenn dieses dann die wahrhafteVerkörperung der Idee enthält und jener dendem Kunstwerke wahrhaft gemäßen Stand-punkt einnimmt, so muß die Wirkung die-

*) Vorstudien für Leben und Kunst.