Band 
1840, Juli-Dezember.
Entstehung
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624
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selbe bleiben: einen Druck verursachen, indemwir etwas Göttliches anschauen und eine Er-hebung bewirken, indem wir sehen, wie dasGöttliche sich im Menschlichen manifestirt.

Aus diesem Punkte, nahm Jünemann wie-der das Wort, dürfen wir nicht stehen bleiben,denn die Gegenwart bleibt nicht darauf stehen.

Hegel thut es wenigstens nicht, unterbrachihn Jäp. Er spricht von der Auflösungder romantischen Kunstform in einer Weise,als waren die Bände eines Fasses gesprungenund als zerfließe der Wein. Er weist derKunst einen weiten, kosmopolitischen Gesichts-punkt an und muthet dem Künstler eine so ab-strakte Kalte zu, die, wenn sie in der Gegen-wart wirklich vorhanden wäre, wahrhaftig nurrussische Eispaläste zu schaffen im Stande seinwürde. — Wir wollen billig sein, fuhr Jäpfort, und zugestehen, daß die Aesthetik hintennicht offen gelassen werden durfte, sondern ab-geschlossen und zwar systematisch abgeschlossenwerden mußte. Daher war es allerdings amzweckmäßigsten, anzunehmen, daß die mögli-chen Kunstformen nicht mehr zu dehnen seienund der Künstler, Architekt wie Dichter, ent-weder in alte Fußtapfen treten, oder wenn erdie Originalität seines Geistes bewahren wolle,Philosoph und zwar Hegelianer werden müsse.

Die Folgerung wollen wir dahin gestelltsein lassen, sagte Jünemann: im Uebrigenspricht Hegel es ganz bestimmt aus, „daß dieGestaltung der Idee nicht mehr die höchsteArt ist, sich das Absolute und die Seele derGegenstände zur Anschauung zu bringen."

Ich habe noch jeden Künstler etwas Aehn-liches von der Philosophie behaupten hören,meinte Jäp. Der Satz ist auch überhaupt sorelativ und abstrakt, daß er gar kein Gewichthat. — Jedem wahren Künstler ist auch heutenoch die Verkörperung und Gestaltung seinerlichtesten Anschauungen sein reinster, innigsterBeruf. — Er sollte nichts Hohes darin er-blicken, da er das Höchste, dessen der Menschen-geist fähig ist, darin sieht? Nimmermehr wirder zugeben, „daß es ihm kein Ernst mehr seinkönne mit seiner Schöpfung." Oder ist unsjeder Gegenstand in der That so klar unddurchsichtig geworden, daß die Behauptung dieKunst stürzte, „der Geist arbeite sich nur solange in den Gegenständen herum, so langenoch ein Geheimes, Nichtoffenbares darin sei,was nur so lange der Fall, als der Stoff iden-tisch mit uns bleibe?" —- Wenn es auf dasGeheime, Nichtoffenbare ankommt, so giebtes dessen in der Welt, in unserer nächsten Um-gebung noch in Menge. Ich vermuthe aber,daß es nicht auf das Nichterkannte, sondern

auf das Erkannte ankommt. Nur was er er-kannt und bis in das Innerste mit seinem Geistedurchdrungen hat, ist der Künstler zu gebenim Stande; nicht, was ihm ein Mysterion ge-blieben. Letzteres anzunehmen, ist zu mystisch.Oder hat Tician z. B. die Unterredung zwi-schen Christus und dem Pharisäer über denZinsgroschen nicht verstanden? — Besser hater sie wenigstens durchschaut, als die meistenTheologen!

Will der Philosoph sich mit Ideen begnü-gen, fuhr Jäp fort, die, wie der Homunkulusim Faust, auf Flaschen gezogen sind, so mager es thun. Mag er sich selbst auf die Flascheziehen, um mit der Sinnenwelt in weiter keineBerührung zu kommen. Erst durch den Ein-tritt der sich auf die Sinnenwelt beziehendenIdee in die Sinnenwelt erlangt dieselbe ihrDasein. — Der abstrakte Philosoph findetin der blos geistigen Anschauung der Idee oftaus demselben Grunde den höheren und höch-sten Werth, aus dem der Fuchs die Füchse be-reden wollte, es sei weit anständiger, keinenSchwanz hinter sich herzuschleppen. Kämeihm einmal über Nacht die Technik in dieHand, oder der Rhythmus auf die Zunge,ich wette, er wüßte nicht, was er damit an-fangen sollte. Ein Kunstwerk brächte er we-nigstens nicht zu Stande, weil noch keine ein-zige der Ideen, von denen er spricht, vor dieZauberlaterne der Phantasie getreten war.

Wenigstens werden Sie zugeben, fiel Jüne-mann dem Redner in die Rede, daß die Gleich-gültigkeit gegen den St off, wie sie die Künst-ler der Gegenwart beweisen, indem sie densel-ben aus allen Zeiten und aus allen Gegendenzusammensuchen, mit Begeisterung nichts ge-mein hat, eine Folge der Auflösung der Kunstist, die nicht mehr als Geschäft der Phantasie,sondern des Verstandes betrieben wird.

Die Thatsache, daß die meisten Künstlergegenwärtig in der ganzen Weltgeschichte her-umtappen, kann ich nicht leugnen, versetzteJäp, — aber Sie, mein Freund, räumen da-mit, daß sie darin eine Auflösung erblicken, zuviel ein. Sie sollten, vom philosophischenStandpunkte aus, das Gegentheil folgern undeinen Fortschritt darin erblicken, wenn jederStoff und jede Form für tüchtig gehalten wird,den höheren Gehalt zu empfangen und dieDarstellung nicht mehr gebunden wird andas,was einer bestimmten Stufe menschlicher Ent-wickelung angehört, sondern Alles ergreifendarf, dessen der Mensch überhaupt fähig ist.

In Bezug auf unsere wissenschaftliche Bil-dung kann ich das allerdings behaupten, sprachJünemann mit Nachdruck, da Jäp anfing, iro-

nisch zu werden; aber was die Wissenschaftfördert, fördert nicht zugleich die Kunst. AllesVorhandene entspricht annäherungsweise einerindividuellen Idee, nimmt eine bestimmte Stel-lung zum großen Ganzen ein und es ist Auf-gabe der Wissenschaft, dies Verhältniß desConcreten zum Absoluten immer näher zuerörtern. — Ich aß meine Kirschen. — NichtAlles aber, fuhr Jünemann fort, was Wahr-heit enthält, enthält deshalb auch Schön-heit (wiewohl das Umgekehrte stets der Fallist). Will die Kunst also den Dienst der Schön-heit verlassen und in den der Wahrheit treten,so mag sie ihren Stoff aus China entlehnenund von den Cimbern und amerikanischenWilden. Will sie weithergeholte Kenntnisseentwickeln, so studire sie Humboldt und verfer-tige Gedichte in der Weise aller dort verzeich-neten Afrikaner und bringe rättowirte Gruppenauf die Leinwand. Aber strebt sie den Idealender Schönheit nach, so entlehne sie ihren Stoffnicht da, wo sicheiniges geistiges Leben ent-wickelt, nicht einmal da, wo sich üb erhauptgeistiges Leben zeigt, sondern da, wo sich dashö chfte geistige Leben entfaltet hat. — Dasthut die Kunst aber nicht mehr und in dieserGenügsamkeit sehe ich Schwäche und Verfall.

So sind wir am Ende doch mehr mit ein-ander einverstanden, als es anfangs scheinenwollte, erlaubte ich mir anzumerken. Ichkann zur Beruhigung, fuhr ich fort, zugleichhinzufügen, daß von jener kosmopolitischen,von vielen Seiten gepriesenen Freiheit unserebesten Künstler — gar keinen Gebrauch ma-chen , weil sie für das Genie dennoch noch vielzu beschränkend ist. Die wahren Künstlerwollen allerdings, wie zu allen Zeiten, sonoch mehr in der Gegenwart, die die vergan-genen Kunstepochen hinter sich gebracht undihnen ihr Mark abgerungen hat, zwar keinerbestimmten Stufe menschlicher Entwickelungangehören, — aber doch der höchstmöglichen.Sie wissen zwar, daß kein Volk so armselig ist,daß sich bei ihm nicht hier und da eine Blütheder Kunst erhob; aber sie wissen auch, daß dieVölker den reichsten Stoff für die Kunst geben,die selbst schon die reichsten Kunstwerke liefer-ten und die, — da wir einmal unsere- eigeneBildung für die höchste halten und halten dür-fen — dieser unserer Bildung am nächstenstehen. Mit einem Wort, der wahre Künstlergenießt der höchsten Freiheit, wenn er sich derhöchsten Nothwendigkeit (und nur dieser) un-terwirft "und in seinen Werken gewissermaßenThaten verrichtet, die nicht in seinem eigenenNamen, sondern im Namen des Menschenge-schlechts geschehen sind. — Dürfen wir das