Band 
1840, Juli-Dezember.
Entstehung
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630
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bewillkommt wurden. — Mathilde, dieNichte des freundlichen Wirths, hatte man bisjetzt noch vergebens erwartet. —

5 .

Auf einem kleinen alterthümlichen Altandes Schlosses, wo von den dichtbelaubten Ka-stanienwipfeln die nächste Umgebung den Au-gen entzogen war, saß einsam in Betrachtun-gen versunken Blankensee und schaute überdas dunkle Blättergrün hinaus in's Freie.Rechts sah man da einen Fahrweg und mehrlinks einen Pfad für Fußgänger über die Fel-der führen, beide Wege hatten dasselbe Ziel,ein nahgelegenes Städtchen und wurden durchdie nahen bewaldeten Höhen dem Auge baldentrückt.

Es war ein schöner Morgen und Fried -r ich war schon seit Sonnenaufgang einsam aufeinem Spaziergang durch die Felder begriffen.Blanken fee hatte sich seit dem letzten Ge-spräche vorgenommen, gegen den Freund überdie betreffende Sache zu schweigen; wenigstenseine Zeitlang wollte er nicht davon reden. Eshatte ihn überrascht, als Friedr^i ch erklärte,daß ihm selbst vor der festgeglaubten Erschei-nung graue — vielleicht war dies ein guterAnfang, sie ganz vergessen zu lernen.

Während er so dachte, sah er draußen aufdem Fußpfade zwei Gestalten die Höhe herab-wandeln, die, dies schloß er aus dem lang-samen gemächlichen Gange, in vertraulichenGesprächen begriffen sein mußten. Die eineder Gestalten war unverkennbar Friedrich,die andre eine Dame. Als sie näher kamen,fingen sie an schneller zu gehen, bis das Ka-stanienlaub sie den Blicken verbarg. Blan-ke n se e war schon im Begriff hinab zu gehen,aber unwillkürlich versank er in neue Betrach-tungen, bis er sich selbst und alles Umgebendevergaß und zuletzt in jenen Zustand kam, woman eigentlich gar nichts mehr denkt und denman im gemeinen Leben dennoch oft mit „ge-dankenvoll sein" bezeichnet. Der Geist scheintda seine eignen Geschäfte in fernen Regionenzu haben und läßt, während er seinen Spa-ziergang macht, den Körper wie einen Haus-rock nachlässig liegen. Man kann einem sol-chen hingeworfenen Körper dann wohl zehn-mal eine Frage vorlegen oder bei Namen an-rufen, ohne daß er Notiz davon nimmt undwenn er's endlich beim elften Male doch thutund emporfährt, so entschuldigt er sich damit,daß er in Nachdenken versunken gewesen sei.So war es hier.

Blanken fee fuhr plötzlich empor undsah seinen Freund Ernst, den Ungläubigen,vor sich stehen, der eben angekommen war.

„Man hat Dich überall gesucht, seit län-ger als einer halben Stunde," sagte Ernst,„ und während Du hier träumst, gehen wun-derbare Dinge vor. Während der alte Herrvon Stunde zu Stunde auf einen Boten vornnächsten Postamt wartet, daß er dem Kinde,seiner Nichte, den Wagen dorthin entgegen-schicken soll, da ist das Mädchen dort schonangekommen und hat sich entschlossen, diedreiviertel Stunden des Wegs bis hieher zuspazieren und zwar aus dem einfachen Grunde,um den Alten recht außerordentlich zu überra-schen. So hört' ich sie sagen."

„Also ist sie schon da?" fragte Blan-ke n s e e.

„Freilich. Als ich vorhin zum vordemThor in den Hof einritt, traten zum entgegen-gesetzten eben Friedrich und die junge Dameherein."

„Ach, ich sah sie ja kommen" —-

„Sahst sie und bliebst ruhig hier sitzen?Als ich § riedrich da in's Gesicht sah und seineBegleiterin neben ihm betrachtete, dacht'ich:es hat gnte Wege mit dem Schwärmer undwenn er nicht schon völlig geheilt ist, so wirder's in den nächsttn fünf Minuten."

„ Ich wundre mich dennoch über die schnelleUmwandlung."

„Sieh erst das Mädchen — sie heißt Ma-thilde, glaub' ich — und Du wirst Dichnicht mehr wundern. Sie begegnen da einan-der im Felde, geben sich zu erkennen und aufdem kurzen Wege bis hieher sind sie so ver-traut mit einander geworden, als wären sieseit Jahren bekannt gewesen."

„Und was sagte Waldau zu der wun-derlichen Ankunft?"

„Der ist abwechselnd erzürnt und erfreut;eigentlich aber doch nur das letzte. Er ist froh,daß er die Kleine in seinen vier Pfählen sicherangekommen weiß und macht ihr Vorwürfeüber den tollen Einfall" —

„Und seine Schwester?"

„Die ist geschäftig und sorglich, weiternichts; sie wird ihre Vorwürfe, die, wie mansagt, oft sehr verständig sind, zu gelegenerZeit im Stillen geben. Sie, nämlich Ma-thilde, spricht wenig und hört desto mehr,denn Friedrich beträgt sich wie ein galanterjunger Herr der vergangenen Zeit und sprichtentsetzlich viel; er unterhält sie und damit är-gert er den alten Herrn nicht wenig, der siegern um tausend Dinge befragen möchte."

„So wird es wohl Zeit, daß ich michauch vorstelle?" sagte B l a n k e n se e und er-hob sich von dem gothischen steinernen Sitze,wo er bis jetzt geruht hatte.

„Uebereile Dich nicht. Jetzt hat sie sich zu-rückgezogen, um sich von der Reise ein wenigzu erholen und Du wirst sie erst bei Tischewieder sehen. Wir können indessen FreundFriedrich ein Bischen necken und mit seinenGespenstergeschichten ausziehen." —

Sie begaben sich hinunter zu dem Geschwi-sterpaare. Blair kensee war nachdenklich,Ernst heiter und Friedrich — war in Zeitvon einer Stunde ganz verändert, er war selig.Molly, Herrn Waldau' s wirthschaftliche,gesetzte Schwester, war gegen die ErwartungAller beinah lustig gestimmt und billigte Ma-th ild en s Benehmen ganz und gar. —

Endlich bekam auch Blankensee Ma-thilden zu sehen. Man hört oft sagen: „DiesGesicht kommt mir sehr bekannt vor und dochseh ich's zum erstenmal" — so ging es B la n -kensee, als er die junge Dame erblickte. Siekonnte nicht eigentlich schön heißen, aber derAusdruck ihres Gesichtes hatte etwas Bezau-berndes, sie bestach das Auge des Beobachtersim ersten Augenblicke gleich so sehr, daß ergar nicht daran denken konnte, die regelmäßigeForm der einzelnen Theile dieses so interessan-ten Gesichts einer Kritik zu unterwerfen. Eswar ein Gesicht, das man, wenn es auch keinWort sprach, nur immer hätte anschauen mö-gen, um auf's Beste unterhalten zu sein. Bin-nen wenigen Stunden war sie mit Allen ver-traut und ganz heimisch. Für Friedrichaber schien sie ein Magnet zu sein, er richteteseine Worte nur an sie, hörte nur, was siesagte und wußte sich stets in ihrer Nähe zuhalten. — —

„Nun, was sagen Sie zu den jungen Leu-ten, Blanke nsee?" fragte am NachmittagWald au. „Das Mädchen ist wie ein Zau-bermittel erschienen und unser Freund ist nunwieder auf gutem Wege, nicht so?"

„Gewiß!" sagte Blankensee. „Sowunderbar mich auch die schnelle Wandlungdünkt, so freut sie mich doch."

„Aber — im Vertrauen — mich nicht!"antwortete der Alte, der seine Pfeife unter-dessen angebrannt hatte. „Daß die Liebe blindund schnell bei der Hand ist, das weiß ich; Siekönnen mir's glauben, wenn ich auch ein alterHagestolz bin, denn das wär' ich nicht geblie-ben, wenn's nur auf mich angekommen wäre.Aber daß der junge Mann eine fest- und tief-gewurzelte Idee so mit einem Male rein ver-gißt, das halt'ich für kein gutes Zeichen. Erist ein Flattergeist, wankelmüthig; morgen —ich wollte drauf wetten — morgen ist ihm dasMädchen gleichgiltig und er glaubt wieder Ge-! spenstergeschichten."