Band 
1840, Juli-Dezember.
Entstehung
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631
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603

„Wir wollen das Beste hoffen," sagteBlankensee, „und wenn" —

Wald au aber hatte sich kopfschüttelndschon weggewendet und knüpfte mit Ernst einGespräch an.

6 .

Das Wunderbare war, daß Friedrichnicht durch Wochen und Tage, sondern durcheinige Stunden verwandelt wurde. Eben des-halb konnte er selbst nicht zum Nachdenkenkommen.

Endlich gelang es Blankensee, alsMathilde gerade nicht zugegen war, denSchwärmer zum Sprechen zu bringen und zwarindem er ihn auf das alte, sonst gern vermie-dene Thema brachte. — „Du bist seit dreiStunden sehr vergeßlich geworden!" schloß erseine Anrede.

„Nein," antwortete Friedrich, „ichhabe das Alles noch sehr wohl im Gedächtnisse,glaub' auch noch, was ich gestern glaubte;nur eines hab' ich glücklicherweise abgeworfen,nämlich das Bangen, das Grauen vor der ge-fürchteten Erscheinung. Ich habe Mathil-den sogar die Geschichte erzählt, aber für der-gleichen Dinge scheint sie keinen Sinn zu ha-be«, sie ist zu lebenslustig dazu."

„ Was sagte sie, als Du erzähltest?"

„Sie meinte, das Alles könne sehr leichtmöglich sein, wenigstens sehe sie keine Gründefür die Unmöglichkeit. Grauenvolles wollte siedabei gar nicht finden."

„Das gefällt mir an ihr nicht," bemerkteBlankensee. „Sie ist heiter, unterhaltendsogar, spricht über Alles; das wäre recht gut,aber sie scheint mit dabei sehr kalten Sinnes,eine der gleichgiltigen Naturen, die sich mitAllem begnügen, nichts tadeln, die keine Freudestören, aber auch keine erhöhen, die über nichtszürnen, nicht erglühen, mit einem Worte, dieeigentlich weder kalt noch warm sind."

„Vielleicht, weil sie Dich fast ganz über-sieht?" fragte Friedrich. „Aber Du ver-kennst sie in der That! Du weißt das Feuerihrer Blicke nur nicht zu deuten und hältstes für einen kalten Glanz. D, wie gewaltigwirkte sie schon im ersten Augenblick auf mich.Ich war diesen Morgen in einer fürchterlichenStimmung, ich irrte wahnsinnig umher. DieThoren alle haben mich verspottet, verlacht —man muß einen Freund gehabt haben, wieich; man muß ihn geliebt haben, wie ich ihn;man muß ihn in der Fülle der Jugendkraft vorsich stehen gesehn und im nämlichen Augenblickegetödtet haben: das Alles muß man, um mei-nen Zustand zu verstehn."

Blankensee blickte den Freund besorgtan, er fürchtete, ihn in jenen Zustand zurück-fallen zu sehen.

Aber Friedrich sagte lächelnd: „Das istnun vorbei! Die fürchterliche Angst ist von mirgewichen. — Ich weiß kaum noch, was ich zuthun Willens war, ich wollte, glaub'ich, ei-nen Felsen erklimmen und mich thurmhoch her-unter auf's Gestein stürzen — da begegnetesie mir. Hast Du einmal gelesen, wie einerzu schmählichem Tode verurtheilt wurde, wiedann im letzten Augenblicke ein Bote erscheint,der die Beweise der Unschuld des Verurtheiltenbringt, wie ihm da das Armesündergewandzum Purpur wird und das Schaffott zur Eh-renbühne, und wie jauchzend ringsum derBeifallrus der Menge stürmt — doch, washilft Dir's, wenn Du so etwas gelesen hät-test! ich habe das empfunden! Die stummeNatur jauchzte mir zu, ich fühlte, daß mirAlles vergeben war und sie war der Friedens-bote, sie zerriß das blutige Urthel vor meinenAugen und ich athmete leicht und frei. — —Daß unsre Gefühle so schnell wechseln können!Ich ward mit einem Mal ruhig und besonnen,mein Herz begann friedlich zu schlagen. Icherzählte ihr auf dem Wege bis hierher Alles,ruhig hörte sie zu und mit jedem Worte, mitjedem Schritte fiel eine Centnerlast von mei-nem Herzen. Man muß sich als Verbrechergefühlt haben, um den reinen Herzensfriedenschätzen zu können."

„Ich wünsche Dir Glück zu Deiner Beru-higung und — und zu Deinem Glück!" sagteBlankensee. „Ich war heute besorgt Dei-ner langen Abwesenheit wegen; Du warst,ohne jemand etwas zu sagen, hinweggegan-gen, aber ich sehe nun, daß der glücklichsteZufall" —

„Die glücklichste Schickung, willst Du sa-gen!" rief Friedrich. „Doch sieh, da ver-plaudre ich die kostbaren Minuten mit Dir,während auf ihr Gespräch Andre lauschen!"Mit diesen Worten verließ er eilig den Freundund das Gemach, denn draußen im Gartenverschwand Mathilde eben mit Ernst undWaldau's Schwester hinter der nächstenBaumgruppe und er beeilte sich, sie zu er-reichen.

Zu Blankensee aber gesellte sich nun deralte Wald au, der sehr froh war, doch einenGesellschafter für sich zu finden, „'s ist einlangweiliger Sonntagnachmittag," sagte er;„ zwar bin ich dergleichen gewohnt und wennich einmal allein bin, so weiß ich die Lange-weile nach meiner Weise zu bannen. Aberheute, wo ich drei Personen über die gewöhn-

liche Zahl um mich weiß, da verlang' ich auchUnterhaltung; doch nun laufen sie Alle durchden Garten; Ernst weiß zu den klugen Re-den meiner Schwester ein ernsthaftes Gesicht zubehaupten und sie erzählt ihm im besten Ver-trauen Geschichten, worüber er sich innerlichhalb todt lacht. Die andern beiden — dochja, das ist's eben, wovon ich sprechen wollte.Die beiden Leute sind wahrhaftig förmlich ineinander verliebt und das ist mir eine verteu-felt bedenkliche Geschichte. Wie soll's enden?ehe der Herbst kommt, muß das Mädchen nachHause zu ihrem Vater und statt daß sie sich hierhat erholen sollen, kommt sie nach Hause undbringt wer weiß was Gedanken mit, die" —

„Ich sehe kein Unglück bei der Sache,"antwortete Blankensee. „Es ist nur zuwünschen, daß beide die Gesinnungen gegeneinander behaupten, die sie jetzt zu haben schei-nen. Friedrich besitzt Vermögen " —

„Es ist Alles rechk gut, was Sie sagenwollen; aber ehe sich Alles so schön gestaltet,können wir noch viel erleben und ich habe keinZutrauen zu dem Verhältnisse. Wie ich Ihnenschon sagte: ich mag die allzuschnellen Ueber-gänge nicht leiden. Ließe sich das, was wirAlle schon heute offenbar erkennen, in vier-zehn Tagen etwa erst ahnen und in vier Wo-chen fing' es an gewiß zu werden, dann wollt'ich gar nichts sagen. Aber wenn ein halb-verrückter Mensch, der vor Kummer und Angstganz verzweifeln will, in der nämlichen Stundesein tolles Glaubensbekenntniß ändert, aus ei-ner Narrheit in die andre fällt und sich blind-lings verliebt, so kann daraus nimmermehrGutes entsteh«. Vielleicht schon morgen glaubter seinen alten Schnickschnack wieder und kehrtihr den Rücken, die stch's dann zu Herzennimmt und statt der völlig Genesenen schick' ichdem Vater dann ein abgehärmtes Gerippe, odermuß ihm gar ihren Tod schreiben."

„Nein, so weit wird es nicht kommen,"sagte Blankensee, dem die Uebertreibungendes alten Herrn höchlich mißfielen. „Sie thunihm sehr Unrecht, wenn Sie ihn für einenFlattergeist halten."

„Daß er das ist," entgegnete Wald au,„hat er uns heute erst bewiesen; und wennmeine Befürchtungen auch nicht einträfen, sokönnen sie doch in Erfüllung gehen und indem Falle hab' ich viel zu verantworten. DieSache muß anders werden und ich habe schondarüber nachgedacht. Friedrich muß vorder Hand wieder von hier fort. Wenn er fernist, so werden wir am ersten prüfen können,ob seine plötzliche Zuneigung zu ihr Grundund Dauer hat. Kehren aber die alten Ideen