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zurück, so haben wir ihn dann wenigstens nochzu rechter Zeit entfernt, um das Mädchen trö-sten zu können. Jeder Tag, den wir mit Zö-gern verlieren wollten, würde das Uebel nurärger machen. Nun, was meinen Sie dazu?"
Blankensee kannte den Alten und wußte,daß er sich seine Plane nicht leicht durchkreuzenließ, auch mußte er im Allgemeinen ihm Rechtgeben. Geduldig setzte er sich mit ihm zumSchachbrett, nachdem er versprochen hatte, dasschwierige Geschäft zu übernehmen und denFreund noch heute auf gute Manier von demBeschlossenen in Kenntniß zu setzen.
Friedrich konnte von dem Allen freilichnoch nichts ahnen; für ihn und Mathildenwar die übrige Außenwelt so gut wie gar nichtvorhanden. Er würde zu den BefürchtungenWaldau's gelacht haben und die Zumu-thung, sich zu entfernen, hätte er nur fürScherz genommen. —
(Beschluß folgt.)
Der Philosophengang.
Von A. B o ck.
(Beschluß.)
4 .
Sich an Jünemann wendend fragte derDoctor diesen, ob nicht eben so gut, wiederKünstler sich vom Kunstwerke, so der Philo-soph sich von seinem Systeme lossagen dürfe,ohne daß dieses deshalb zusammenfiele.
Jünemann schien anfangs ausweichen zuwollen und erwiederte, daß noch kein Philo-soph je sein System wie ein Gemälde als fertighingestellt, sondern sein ganzes Leben an denAusbau desselben gesetzt habe. Dann leugneteer, daß der Vergleich Passe, weil die Philo-sophie nicht das Besondere, sondern das All-gemeine, nicht die Erscheinungen selbst, son-dern das den Erscheinungen zum Grunde Lie-gende, das diese Zusammenhaltende zum Ge-genstände habe. — Die Frage ist übrigenshöchst sonderbar, setzte er hinzu.
Deshalb thu ich sie, entgegnete Jäp. Ichkomme dabei nicht in Verlegenheit, etwas Fal-sches, wiewohl auch nichts Wahres auszusa-gen; denn die Stoiker wußten schon, daßWunsch, Bitte, Frage keins von beiden ist. —Wenn es erlaubt ist, will ich der Uebung we-gen noch eine Frage thun. Wird Hegels Sy-stem das letzte aller Systeme sein?
Das war in der That eine verzweifelt miß-liche Frage. Zwar wußte sich Jünemann zuhelfen und erklärte, daß der ein schlechter He-gelianer sein müsse, der nicht behaupte, Hegels
? System sei unumstößlich; daß es aber dasletzte sein werde, würde Hegel selbst schwerlichbehauptet haben. Allein Jäp hatte an der frü-heren Unterhandlung, die durch Jünemannveranlaßt war, nur Theil genommen, weil,wie er sagte, kein Ding so geduldig sei, wiedie Wahrheit, die dem Menschen, wie demBildhauerlehrlinge das Wachs gegeben sei, da-mit er sich im Modelliren übe. Jetzt wollte erder Unterredung seinen eigenen Stempel auf-drücken. Daher fuhr er fort: Ehe ich nichtweiß, daß ein bestimmtes System das letzte ist,nehme ich keins an, denn hätte ich heute Einsangenommen, so käme morgen ein Anderesund die Arbeit ginge von Neuem los.
Hätten Sie sich aber das letzte System wirk-lich angeeignet, — und eins muß endlich dochdas letzte sein — so könnten Sie, setzt' ich hin-zu, sich ruhig iu die Erde legen, denn aufder-selben gäbe es dann für einen Doctor der Phi-losophie nicht viel mehr zu thun. Vermuthlichwürde dasselbe das Wesen aller Dinge so gründ-lich, so allseitig und sicher erörtert haben, daßnichts weiter übrig bliebe, als dasselbe von ei-nem andern Planeten aus, wie Maler bei ih-ren Gemälden thun, xar ciistauce zu revi-diren.
Das sei ganz seine Meinung, versetzte derDoctor.
Jünemann leugnete es aber entschieden, daßein solcher Satz aufgestellt werden könne. 2e-! der Mensch, sagte er, ist des göttlichen Gei-stes theilhaftig. Zwar kann er in seinen ein-zelnen Gedanken, weil im Endlichen befangen,irren; aber sein ganzes Leben, wie es das Her-ausleben des Geistes ist, erhält, in der We-senkette als nothwendiges Glied ruhend, seineBedeutsamkeit und dadurch seine Wahrheit. —Diejenigen, welche an der Objektivität derWahrheit rütteln, bedenken nicht, daß sie selbstdaraus fußen, indem sie Etwas behaupten,sei es was es wolle. Es führt zu Nichts, dienegative Seite des Menschen aufzugreifen unddie Baugerüste einzureihen, statt das, waswir u n w i l l k ü r l i ch anerkennen, fest zu hal-ten und den Bau zu fördern.
Der Bau selbst ist fertig, nahm Jäp wie-der das Wort: die ganze Masse der Wahrheitist ein vorhandenes Gaspräparat, zu dem dieeinzelnen Genies und die geniereichen Zeitalternur die Luft hinzutreten lassen, um dasselbe zuentzünden und sichtbar zu machen.
Dann begreife ich nicht, ließ ich mich ver-nehmen, warum es so entsetzlich lange dauert,
! ehe alle Laternen brennen und jeder Winkel! und jede Sackgasse, ja nur die Hauptstraßen des! menschlichen Bewußtseins erleuchtet werden?
Ein äußerer Grund, antwortete Jüne-mann, der an der eingeschlagenen Richtungdoch Vergnügen zu finden anfing, — ist der,daß der Staat die Beleuchtung an denMin-destfordernden verpachtet und Niemandohne polizeiliche Erlaubniß illuminiren darf.
Vortrefflich! rief Jäp aus und ein inne --rer Grund unserer interessanten Finsterniß,fuhr er rasch fort, liegt darin, daß unserePhilosophen, um ein Licht anzuzünden, vor-her zehn auslöschen. Ein Weltweiser ver-schluckt den andern, um — wieder verschlucktzu werden. Ein jeder zerstört die Ideen frü-herer Denker, um dasselbe zu sagen was jene,wie Hühner gern fremde (oft eigene) Eier ver-speisen, um wieder ein Ei zu legen. JederPhilosoph halt, gesetzt auch, er erklärte an-dere Systeme nicht für falsch, — er ignorirtsie meist vornehm — doch seins für das einzigrichtige und ich verdenke ihn nicht darin. Ja,wenn jeder Philosoph erklärt, daß ihn nurEiner verstanden habe, so geschieht das ausGründen, die gar nicht zu verachten. Je grö-ßer die Zahl der Erbschaftstheilnehmer, destozersplitterter die Erbschaftsmasse. Wer seinGut zusammenhalten will, der überträgt esam besten auf einen Universalerben, — der esverschleudert!
Ich verdenke den Philosophen aber dennoch,wendete ich ein, wenn er sein System auf Ko-sten anderer anpreist. Denn wie Männer fremdeKinder mehr lieben, wenn sie eigene haben, sosollte der Philosoph, wenn er ein eigenes odermehrere eigene hat, auch fremde Systeme an-erkennen. — Wenn nachzuweisen ist, daß keinezwei ganz gleiche Blätter auf einem Baume,keine zwei ganz gleiche Physiognomien gefun-den werden, so ist es eben so gewiß, daß keinezwei ganz gleiche Geister auf Erden erscheinen.Schleiermacher behauptet sogar mit subtilsterDistinction, daß ein Gedanke von zwei Kö-pfen gedacht, — schon der Jdeenassociationwegen —> nicht derselbe bleibe. In der Wahr-heit dieses Gedankens sehe ich die Versöhnung.Es ist damit die Unendlichkeit der Wahrheitbehauptet und Sie stimmen Leide, meine Her-ren , darin überein. Der Eine geht nur daraufaus, selbst in der Lüge noch eine Wahrheit zufinden und der Andere, in der ausgesprochenenWahrheit noch eine Lüge zu erhäschen, um sieauszumerzen.
Vielleicht, fuhr Jünemann fort, schafftHegels viel angefochtener Satz Rath: „ was ist,ist vernünftig," wenn ich hinzufügen darf, wasvernünftig ist, — ist. Darüber können wirnicht hinaus.