Band 
1840, Juli-Dezember.
Entstehung
Seite
633
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605

Um so schlimmer, versetzte Jäp, wenn Phi-losophen sich das Ansetzn geben, als wenn sieder Menschheit unerhörte Neuigkeiten verkünde-ten; da selbst der Philosoph, welcher nachMalebranche's feiner Bemerkung (im Gegensatzzum Mathematiker) nicht das ErkennenderWahrheit, sondern die Wahrheit selbst liebtund auf die Wahrheit der Wahrheit losgehenmöchte, sich mit dem Glauben, sie gefundenzu haben, begnügen muß. Schauen wir nurrückwärts. Das Meiste, was auf diesem Ge-biete geschehen ist, besteht darin, daß Un-wahrheiten widerlegt sind. Was noch nie-mals mit Erfolg angefochten ist, gehört nichtdem Philosophen, sondern dem Men-schen an. Was übrigens an die Stelle derUnwahrheit getreten ist, bleibt so lange dasRichtige, als kein überlegener Kopf es bestrit-ten hat; nicht als ob die philosophische Wahr-heit die philosophische Unwahrheit voraus-setzte, wie nach Herbart das Recht den Streit,sondern weil wir die Wahrheit als etwas vonGott Gegebenes nicht schassen, sondern nurannäherungsweise erkennen; den lichten Strahlderselben nicht in seiner Einheit, sondern nurin seinen Brüchen und Spaltungen anschauen;eigentlich also nicht die Wahrheit, sondernnur Wahrheiten finden, da wir dieselbenicht umschließen, sondern von ihr umschlossenwerden. — Wir spalten Gedanken wie Klötze!

-Thöricht wäre es, fuhr Jäp eifrig fort,

die Unfehlbarkeit der Vernunft leugnen wollen,weil das hieße, aufhöern zu denken. Denn ichkann nur leugnen, wenn ich etwas besser weißund dies „besser" liegt in der Sphäre derVernunft. Aber die Vernunft ist gegeben(im mathematischen Sinne), sie hat, wie derZapfen in der Maschine, ihren Spielraum,ist frei innerhalb der Grenzen, liegt aberauf Conner des Endlichen. Selbst die über-raschendsten Blitze des Gedankens sind durchdie festesten, wenn auch vorn Menschen selbstunberechenbaren Regeln bedingt, die von derewigen Allmacht gegründet, wie verborgeneFedern hinter dem menschlichen Geiste liegen.

Doch jener Spielraum ist wieder weit ge-nug, entgegnete Jünemann, —zwischen Ge-burt und Grab des Einzelnen, zwischen Ge-burt und Grab der Jahrhunderte, die uns dieGeschichte überliefert, ist ein Tummelplatz ge-geben, den Wenige erkannt in seinem ganzenUmfange, Keiner durchmessen hat. — DasGebäude der Philosophie, fuhr der Doctoran-dus zusammenfassend fort, ist eine auf derSpitze stehende Pyramide. Wäre dieselbe aufeinen breiten Fuß gestellt, so wäre der Ab-schluß damit unabänderlich gegeben. So aber

ist sie, wie die Pyramide der Geschichte, un-endlichen Wachsthums fähig. Alles Gesagteerkennt die neuere Philosophie auch an.

Erkennt sie auch an, fragte Jäp wieder,daß sie zu der Bewegung des menschlichen Gei-stes überhaupt in das Verhältniß tritt, in dasdie Logik von Zeno zur Philosophie überhauptgestellt wird, nämlich als Schale zum Ei?

Sie erkennt an, daß sie das ganze Gebietumschließt, sagte Jünemann. — Besserwäre es jedoch, sie als Staatsgebäude zu be-trachten, in dem die Geister die Bürger sind.Bei Hegel muß man wenigstens zugeben, daßer das namentlich in der Politik herrschendeStreben der Gegenwart, Massen zu concen-triren, verstanden hat und daß er, weil er dieGegenwart durchschaut, die Stimmen gesam-melt und darnach entschieden hat.

Ist dieser Geistesstaat republikanisch? fragteich. — Dann wenigstens noch sehr aristokra-tisch, fügte Jäp hinzu. Die Abstraktionenthun ungemein vornehm, wenn sie sich derIndividualität der Wirklichkeit annehmen sol-len. Sie wollen die Nebel des Jenseits auf-klären und lassen das Leben in Nebel aufgehen;was durch Rückwärtslesen sehr leicht ist (er-gänzte ich), wie Jean Paul bemerkt hat.

Diese Entdeckung eines bedeutsamen Zu-falls machte stutzig. Wir waren weniger nocheigentlich, als tropisch vom Fleck gekommen,da der Doctor, um besser gesticuliren zu kön-nen, häufig stehen blieb. Obgleich der Wegsich noch nicht wieder bog, so wollt' ich dochdas Gespräch abbiegen. Denn dieser Gegen-stand ließ sich höchstens zu einem Nuhe-punkte, nie zu einem S ch lusse führen.

5 .

Die Reisen nach dem Nord- und Südpoledes Denkens, nahm ich deshalb das Wort,sind vergebens. Auch der Capitain Roß hatumkehren müssen von seiner Nordpolerpedition.Es ist dem Menschen nicht vergönnt, den Fußin das Leere zu setzen. Wollt ihr's, nun —«gnitter le siöcle und opfert wie Sokrates demAeskulap einen Hahn. Dann wird es sich fin-den, ob eine andere Welt den Menschen auf-nimmt, in der man die auf der Erde ausge-stellten Wechsel honorirt.

Vorläufig wollen wir uns aber, unterbrachmich Jäp, noch etwas herumtummeln in dengemäßigten Zonen der praktischen Klugheit undin der heißen der Poesie. Mit der Philosophieallein kann ich wenigstens nicht auskommen.Selbst der großartige Gedanke des Spinoza,der die weite Welt als ein großes Ganzes be-trachtet, wo alle Einzelheiten, alle Einzelwesen

organische Glieder des großen Baues sind,wo das Ganze Freude empfindet, wenn dasEinzelne sich freut und das Ganze leidet, wennder Theil Schmerz empfindet, — kann michnur poetisch ansprechen. Ich würde mich demGedanken ganz hingeben, —- wenn ich nichtetwas daran auszusetzen hätte. Zum vollenOrganismus gehört auch, daß das Glied sichfreut, wenn das Ganze sich freut und das GliedSchmerz leidet, wenn das Ganze ihn leidet.Davon habe ich aber keine Empfindung, obdas All sich freut oder Schmerz empfindet.

Der letzte Theil der Behauptung, verbes-serte Jünemann, gehört auch weniger dem Spi-noza, als den Stoikern an, die da sagten:wie ein Schnitt in den Finger den ganzen Kör-per afficire, so die Verletzung jedes Organsvom All empfunden werde. Der Beweis fehltfreilich.

Deshalb, fuhr Jäp fort, möchte ich vorallen Dingen die Einzelwesen in ihre Rechteeingesetzt sehen, die sie grade als solche inAnspruch nehmen dürfen. Zum Theil setzensie sich auch selbst hinein ohne die Philoso-phen. — Diese dürfen, setzte er ironisch wer-dend hinzu, im Sande Zirkel beschreibenund den fehlenden Knopf anllRock eines Stu-denten als point <ls vue der philosophischenPerspektive auffassen, wenn sie auch nur da-für sorgten, daß jeder Andere sich in der ei-gensten Eigenthümlichkeit seines Innern bewe-gen dürste. Nichts, als Selbstbewußtsein undAlles giebt sich von selbst! Nur innere Frei-heit und nicht blos Briefe über die Freiheitist nothwendige Folge. — Jene ist die einzigeWonne des Vernunftwesens, da es sich darinselbst entwickeln kann. Wie das Gras seineBestimmung erfüllt, wenn es wächst, so erfülltder Mensch seine Bestimmung, wenn er wächst,— am Geiste. Deshalb findet ein jeder,wenn auch mehr oder weniger am Schaffenseine größte Freude und das sollte ihm amwenigsten vergällt werden.

Wir schritten gewaltig rasch aus. Unbe-wußt standen wir, so schien es, mit der Außen-welt in einiger Correspondenz, denn ein Ge-witter stieg in der Ferne auf, das uns mit derTraufe drohte, einige Wahrheiten des Pan-theismus einzuschärfen. Ich rieth deshalb dieStadt zu suchen.

6 .

Einen Seitenweg nach derselben also zu-rückspazierend, wünschte ich unserem Gesprächauch die Analogie des Jrrwifches zu geben,daß es vor dem Verlöschen noch einige rechtverschmitzte Sprünge machte.