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Die Hauptsache bleibt, behauptete ich zudiesem Zweck, daß die Philosophie für sich zurErholung und für Andere zur Erbauung —einigen Spaß machen und darum möchte ichrecht ernsthaft bitten, weil es unabsichtlich häu-fig , aber selten absichtlich geschieht.
Jünemann machte Einwendungen undfragte, ob man mit dem Glauben an Gott,mit dem Tode, mit der Liebe Spaß treibendürfe?
Mit der Liebe gewiß, sagte der Doctor,der sogleich in meinen Ton einstimmte. Sieist ein Handschuh, der links und rechts paßt.Sie fängt lustig an und endet ernsthaft; siefängt ernsthaft an und endet lustig. Abälardund Graf Gloster (im König Lear) wissen ihrbeide Manches nachzusagen.
„Der Weise lacht nicht," sagte Jünemannernsthaft.— Dann vermuthe ich, erwiederteJäp, daß über ihn gelacht wird. Das istallerdings auch etwas werth; aber bester ist esauch, den Lachern zuvor zu kommen, zumal dadieses nicht schwer ist. — Ich habe immer denErnst bewundert, mit dem eine Kuh das Ge-schäft des Fressens betreibt. — Karthäuser-ernst setzt Gedankenlosigkeit voraus. — Hinterdem Spaße steckt eben so oft etwas Ernsthaftes,als hinter dem Ernst etwas Spaßhaftes. Dieernsthaftesten Menschen sind oft die spaßhafte-sten , z. B. Görres. Dagegen machten Platonund Johannes Chrysostomos den Aristopha-nes zu ihrem Bettgenossen und ich selbst, derich auch zu den Ernsthaften gehöre, verkehremit Niemand lieber, als mit dem göttlichenFalstaff.
Der Mensch besteht aus Spaß und Ernst,sagt ein Weiser*), der die Menschen besserkennt, als alle Philosophen der Gegenwart.Warum, fuhr ich fort, will der Philosoph sichnur von einer Seile zeigen, nicht von bei-den? — Da die Weltleute nichts von ihmlernen wollen, so lerne er klüglich von ihnen.Denn diese haben mehr Recht, als die Philo-sophen zugeben (wenn auch weniger, als sie jselbst meinen), die, statt das Leben reflerions-weise anzufeinden, durch innige Hingabe andasselbe und Hinnahme desselben, es so gut,wie der Philosoph — zu sechs Fuß Rasen übersich bringen.
Der Anfang zum Spaß ist auch längst ge-funden, meinte Jäp: jeder Philosoph defi-nirt, was Philosophie sei, so definire er aucheinmal, was ein Philosoph ist und ich bin der !festen Ueberzeugung, er mag treffen oder nicht,es kommt etwas Lustiges heraus.
*) Jean Paul im Kampanerttml. j
Die humoristische Weltanschauung, erklärteJünemann, der schon mehrere Mal hatte spre-chen wollen, ist keine gesunde, sondern einekranke. Sie zerstört nicht nur das wirklichBestehende, sie erkennt auch keine Ideale an.Sie wähnt Alles mit den Füßen und gefälltsich darin, wie der Rabe des Noah über denWassern der Zerstörung zu schweben: sie sehezu, daß sie selbst den Kasten nicht aus demAuge verliere, um dort, wenn die Flügel lahmwerden, noch ein Unterkommen zu finden.
Vermuthlich hatte ich mich an einen Steingestoßen und daher mußte ich hinken. Denndieses auf den letzten Theil des Bildes zu be-ziehen, wäre ungerecht gewesen, da der ersteTheil nicht übel war. Jäp aber schien denletzten Theil fest zu halten und versetzte: Aufdem Sterbebette soll selbst Shakspeare, Luther,Talleyrand kleinmüthig geworden sein. Ichglaube aber, daß wir das festhalten dürfen,was der Mensch in seiner Kraft denkt, nichtdas, was ihm seine Ohnmacht abgewinnt.
Die Philosophen, fuhr der Doctor fort,stimmen, wenn sie einmal einen aufrichtigenAugenblick haben, meist darin überein, daßsie nichts wissen können. Dies ist Grund ge-nug , den Humor zu rechtfertigen. Sokratessagte, er verdanke seinem Wissen nur so viel,zu wissen, daß er nichts wisse. Schellinggreift dies fein genug auf und behauptet, diessei kein Grund, von der Philosophie zurückzu-treten, sondern im Gegentheil ein Grund, sie.zu studiren, um ebenfalls zu dieser Ueberzeu-gung zu gelangen. Der Humorist ist vollkom-men einverstanden und das grade nehmenihm die Philosophen verdammt übel.
Hegel, nahm ich das Wort, hat es JeanPaul wenigstens sehr übel genommen, sonstwürde er ihn in der Aesthetik nicht so unge-recht abgefertigt haben. Er spricht davon, daßbei Jean Paul „eine Metapher, ein Witz, einSpaß den andern tödte, daß man Nichts wer-den , Alles verpuffen sehe."
Wir wollen gern zugeben, setzte Jäp fort,daß Jean Paul ein weit größerer Dichter ge-wesen wäre, wenn er nicht außerdem noch soviel gewesen; daß er in der Wissenschaft größererschienen sein würde, wenn ihn weniger Wis-sensdurst getrieben hätte; daß er gewiß unterden größten Philosophen dastände, wenn we-niger Dichtergenie in ihm gesteckt hätte. —Weil er wußte, daß der Mensch nicht Vielwissen kann, so wollte er Vielerlei wissen.Weil er wußte, daß der Philosoph, je mehrerfindet, desto mehr suchen muß, aberauch wußte, daß der Dichter, je mehr er demGeiste zumuthet, desto mehr ibm abringen
kann, so überschüttete ihn die Fülle der Ge-danken oft zu sehr.
Dennoch, versetzte ich, möchte ich den sehen,der demDichter in seinen mannigfachsten Wen-dungen des Gedankens auch nur einen wesent-lichen Widerspruch nachwiese oder seine Ansich-ten mit Grund widerlegte. Eine solche Festig-keit und Hoheit wäre bei einem Dichter, dermit so vielem Bestehenden in Opposition tritt,so vielen Erscheinungen der Vergangenheit undGegenwart eine komische Seite abgewinnt, nichtmöglich, wenn er nicht die höchsten Ideen derMenschheit in einer Reinheit festhielte, miteiner Zartheit behandelte, mit einer Andachtverehrte, wie sie unserer größten Geister wür-dig ist. Er spottet wohl über Religionsfor-men, nie über Religion. Er giebt, wie Pla-ton, einem Sauhirten einen Fürsten und einemFürsten einen Sauhirten zum Ahnen, aber erweiß sehr wohl, daß auf der wahrhaften Würdedes Einzelnen die Würde des ganzen Geschlechtsberuht und wenn er mit der Liebe, wie sie er-scheint, manchen Unfug anstiftet, so erkennter sie auch auf der andern Seite als das Bandan, welches alle Vernunftwesen, welches Gottmit seiner Welt auf das innigste vereint. —Wenn überhaupt der Humorist auch Alles ver-nichtete, so würde er doch die Macht des sub-jectiven Geistes, der da vernichtet, anerkennenund damit ist alles im Menschen wahrhaft Be-gründete wieder festgestellt.
Der Vorwurf, den Hegel ausspricht, ent-gegnete Jünemann, soll zunächst besonders diekünstlerische Form treffen. Es fehlt Jean PaulsErzählungen die historische Wahrscheinlichkeit,der dramatische Fortschritt, der poetische Adel.Die Begebenheiten haben nicht selten etwasunangenehm Allegorisches, die Gestalten etwasBizarres, Koboldhaftes und die Handlungtreibt sich meist in der Sphäre des gemeinenLebens herum. Im Hesperus z. B. kommenwir vor allen Zurüstungen nicht vom Fleckund in den Blumen-, Frucht- und Dornen-stücken steht uns das Mitleid häufig eben sonahe, wie das Lachen.
Das ist meist zuzugeben, gab Jäp zu, aberwir werden dort durch den Reichthum der Ein-zelheiten so sehr beschäftigt, daß wir gar nichtvon der Stelle wollen. Der Dichter weiß,daß, obwohl wir auf Erden manchen Aergerausstehen, es uns auf derselben im Allgemei-nen doch ungemein gefällt und wo die Gegen-stände uns zu sehr zu afsiciren drohen, tritter selbst, wie ein verbindlicher Aufseher vonAntikencabinetten, zu den Damen heran, ver-wickelt sie in ein angelegentliches, angenehmesGespräch und führt sie so, ohne daß ihr Zart-