Band 
1840, Juli-Dezember.
Entstehung
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642
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614

Freunde hinblickend, die ihn verlegen be-grüßten.

„Woher so spät, Lieber?" fragte nacheiner Pause Blankensee. Aber der Ein-getretene drückte seufzend und schweigend bei-den die Hand und verließ dann still und eiligdas Gemach.

„Ich muß ihm nachgehen, der Wahnsin-nige könnte, wer weiß was, vornehmen!"sagte Blankensee, und die Freunde schieden

seltsam bewegt.-

Und wirklich hatte Wald au gleich anjenem Tage alles Mögliche angewandt, umeinem etwaigen Betrüge, der der unheimlichenGeschichte zu Grunde liegen konnte, auf dieSpur zu kommen. Aber all sein Einfluß unddie eifrigsten Nachforschungen, die im Stillenin der ganzen Umgegend angestellt wurden,dienten nur dazu, das Wunderbare des Ereig-nisses zu bestätigen. Wald au selbst wußtesich dabei zu trösten: „Haben doch die Vor-fahren dergleichen erlebt, warum nicht auchwir einmal?" dachte er. Aber unglücklichfühlte sich seine Schwester, die lieber Allesandre, nur keine Gespenstergeschichte glaubenwollte.-

12 .

Wieder waren einige Wochen verflossen.In demselben Hause, wo Friedrich seineWohnung hatte, wohnte auch die reiche Hof-rathin T..., die wöchentlich an bestimmtenTagen eine zahlreiche und bunte Gesellschaftbei sich versammelte. Auch Blankensee undErnst waren heute anwesend , sowie Fried-rich, den sie nur mit Mühe zur Theilnahmehatten bewegen können. —

„Ich möchte doch wissen, was für eineBewandtniß es eigentlich mit ihm hat!" sagteeine dicke alte Dame zu einem gleichfalls sehrdicken alten Herrn, während sie jede BewegungFriedrichs aufmerksam beobachtete. „Dreimalhab'ich nun schon gesehen, wie er angeredetwurde, aber er giebt keine Antwort und starrtunverwandt auf die leere Tapete gegenüber,als ob es da was zu sehen gäbe."

„Es sind seltsame Dinge passirt," — sagteder alte Herr geheimnißvoll, —- „der alteWald au, mein Freund, hat mir einigesWunderbare entdeckt, und obwohl ich's nichtdurchaus glauben mag" —

„Sie kennen den Zusammenhang?" fragtedie Dame eifrig. „Bitte, theilen Sie mirdoch mit, was Sie wissen. Gott! wen hab'ich nicht schon Alles gefragt! Es steckt amEnde gar nicht viel dahinter, doch — "

„Man thut in der That wohl, davon zu

schweigen," fuhr der Herr fort. „Wir sindjetzt so wenig an Wundergeschichten und wasdamit zusammenhangt, gewöhnt, daß eineBegebenheit, wie die erwähnte, bei dem Einennur Lachen, bei dem Andern nur Grauen er-regen könnte, und darum — "

„O, um so eher bitt' ich um die Erzäh-lung !" unterbrach die Dame den Herrn. „Siehaben meine Neugier aus's Höchste gespannt— doch, sehen Sie? jetzt redet den jungenHerrn Niemand an, aber er ist aufgestanden,starrt wieder in's Leere und — o Himmel!verstanden Sie, was er sagte?"

Niemand hatte die Worte verstanden, dieFriedrich irgend jemand zurief, den er alleinsah oder zu sehen glaubte. In demselben Au-genblicke war er aufgestanden und hatte hastigdie Gesellschaft verlassen. Man hörte, daß ersich auf sein Zimmer im obern Stockwerk be-geben habe. Man flüsterte und wechselte selt-same Blicke — es war eine plötzliche Stilleeingetreten.

„Mir ist ganz bang um's Herz geworden,"sagte endlich die alte Dame halblaut zum altenHerrn. „Bemerken Sie, wie still es aus ein-mal ist? so lästig, als ob ein Gewitter heran-zöge — Sie waren ja wohl im Begriff mir zuerzählen; wie—"

Ein Donnerschlag erschütterte das Haus. —

Die ganze Gesellschaft saß wie versteinert.Niemand wagte im ersten Augenblick einenLaut von sich zu geben. Die beiden Freundebegaben sich ahnend nach Friedrichs Zim-mer, und fanden ihn, in seinem Blute amBoden liegend, mit zerschmettertem Haupte.Neben ihm lag das Pistol, womit er seineLeiden geendet hatte.-

„ Das war mein Traum", sagte Blan-kensee nachher, „mein Traum, dessen Erfül-lung die Geschichte beschließen sollte. Wirwollen ihrer nicht weiter gedenken."

Berliner Kunstausstellung.

18 ÄO.

Vierter Artikel.

6. Cardinal Mazarin auf seinemSterbeb ette.

Von Paul de la Röche.

Dies Bild kann nicht zu den Neuigkeitender Kunst gezählt werden, da es schon seit 1830vollendet und vielfach gesehen und bewundertist; indeß freut man sich immer, Gelegenheitzu haben, es wiederzusehen, und besonders in

der diesjährigen Ausstellung, wo es ein wahr-hafter Juwel unter so vielem Schlechten undMittelmäßigen erscheint. — Cardinal Mazarin,bleich und mit jenem hippokratischen Gesicht,das der nahe Tod verleiht, liegt im hohenund prachtvollen Himmelbette, an dessen Schat-tenseite, das Bild schließend, halb verhüllt vonden Vorhängen, man zwei Abbll's gewahrt,auf der Lichtseite, den Mittelpunkt des Gemäl-des bildend, sitzen vier Karten Spielende umeinen Spieltisch, der nahe an das Bett gerücktist, denn eine der Spielenden, eine schöne üp-pige Blondine, spielt für Mazarin, ihrenOheim, und sich halb rückwärts wendend, hältsie ihm die Karten vor, von ihm zu erfahren,welche von diesen sie spielen soll. Ein Abbemit schwarzem Mantel, und gebückter Höf-lingsstellung steht ander einen Seite des Spiel-tisches, während einige Damen an der andernSeite der Spielenden vor dem Himmelbett,den Vordergrund des Gemäldes links schlie-ßend, im traulichen Gespräch mit einigen Ca-valieren sitzen. Rechts erblickt man zwei Da-men in glänzender Hoftracht damaliger Zeit,die eine den Brief lesend, den der Page, derneben ihr an der Thür steht, so eben über-reichte. Hinter diesen sieht man durch eineandere geöffnete Thür in ein zweites Gemach,wo eine Gesellschaft von Herren und Damensichtbar ist. Die Wände und der Fußbodensind mit kostbaren Teppichen in allem Lurusdamaliger Zeit geschmückt. — Dies Gemälde,so klein in seinen Dimensionen — es ist kaumdrei Fuß lang — und dabei so viele Figurenenthaltend, ist mit einer Kraft und Wahrheitgemalt, die in der That in Erstaunen setzenmuß. Da ist eine Sicherheit und Bestimmt-heit in den Contouren dieser kleinen Gesichter,eine Genialität in der Behandlung, Zeichnungund Pinselführung, die wirklich bewunderns-werth erscheint; das Colorit kernigt und natur-treu, Harmonie in der Komposition, Wahr-heit in allen Theilen; der Pinsel selbst in denkleinsten Flachen breit. Das Bild ist ohnePrätension, ohne die so beliebten Lichteffecte,kurz ohne alles und jedes Haschen nach Ge-nialität und Effect gemalt; es ist Wahrheitund Natur, und darum, weil es nichts weiterausdrücken will, weil es sich nicht bestrebt,sogenannte tiefere Motive aufzudrängen undweil der Künstler nicht absichtlich bemüht war,sein Bild und seine Figuren voller Gedankenund Innerlichkeit zu zeichnen, giebt es so Vie-les zu denken, regt es den Beschauenden zueignem Sinnen an. Alles eben Gesagte giltvon einem andern Bilde desselben Meisters vonderselben Größe: