Band 
1840, Juli-Dezember.
Entstehung
Seite
644
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„es ist nicht allein ein unvollständiges, son-dern auch aus trüben Quellen geschöpftes Werk.Bedenkt man, daß der vom Verfasser verarbei-tete Stoff aus Manifesten, Ukasen, Befehlenund Berichten hergenommen ist, so kann derAusdruck trübe Quellen nicht zu hart undmeine Kritik nicht ungerecht scheinen, weil derunschuldigste Leser schon weiß, was Lei solchenGelegenheiten von der Wahrheitsliebe der Re-gierungen zu halten sei."

Es ist leider eine nicht zu leugnende Wahr-heit, die stärkere und obsiegende Partei machtdie Geschichte und bildet die Meinung, die aufdie Nachwelt als Wahrheit und Gewißheit über-geht. So kommt es, daß in der Geschichte diebedeutendsten Männer und die am größten an-gelegten Ereignisse oft als etwas Geringes oderThörichtes dastehen, während andrerseits Cha-rakteren gehuldigt wird, die keineswegs durcheine große That ihres Lebens dies verdienten,sondern nur durch die Combination der Um-stände , oder dadurch, daß auf ihrer Seite dieMacht und die Freiheit des Worts und derPresse war, zu einem Nimbus und einemRuhm gelangten, der ihnen nicht gebührt! —Nicht der Gedanke eines Ereignisses, sondernder Ausgang bestimmt seinen Werth! Es würdezu weit führen, hier näher erörtern zu wollen,in wie weit dies Wort sich auf Pugatschew an-wenden läßt. Gewiß aber ist, daß, Ware seinkühner und gewaltiger Plan gelungen, hatteer, der heimathlose Kosak, dessen einzige Habeder dürftige Mantel war, mit dem er seineSchulter bedeckte und der dennoch bald einHeer von vielen Tausenden um sich sammelteund Suwarows Schaaren lange trotzte, hätteer es erreicht, sich den Czaarenthron zu errin-gen, so würde ihn die Geschichte einen Heldennennen und er würde die Geschichte machen.Was wir jetzt als Geschichte über ihn haben,ist ein aus den Aktenstücken des gegen ihngeführten Processes entnommenes Resume, inder Ursprache zwei starke Bände betragend undvon dem Uebersetzer zu einem Bündchen vonfünfzehn Bogen zusammengedrängt. Mag die-ser Bericht nun auch parteiisch sein, immerist es als das einzige, was bis jetzt über die-sen merkwürdigen Aufstand bekannt geworden,wichtig und verpflichtet zu Dank gegen dentrefflichen Uebersetzer, der auch uns dies Werkzugänglich gemacht hat. Und merkwürdig wardieser Aufstand und die Erfolge, die Puga-ischew in so kurzer Zeit und ohne alle und jedeäußere Unterstützung errang. Ein Sklave ge-boren, verband er sich mit Sklaven, nahm

er aus der Hefe des Volks, aus den Armenund Namenlosen seine Generale, seine Feld-herrn, seine Hauptleute, seine Soldaten undihm gegenüber stand das disciplinirte Heerder Kaiserin, angeführt von Fürsten und Ed-len, unter Generalen wie Suwarow, Bibikow,Derschawin; und Pugatschew errang Vortheilnach Vortheil, Festung nach Festung und er,der ein Jahr zuvor ein Geächteter und Ge-brandmarkter aus dem Gefängnisse zu Kasanentsprungen, zog als Sieger ein in die ihmunterthänige Beste, unter dem Namen Petersdes Dritten und alles Volk Warfsich vor ihmin den Staub und nannte ihn seinen Befreierund Erlöser von der verhaßten Adelsherrschaft.— Wohl ward sein Weg von Grausamkeitenund Blut bezeichnet, doch war Pugatschew auchsanfterer Regungen fähig; wie er als Peter derDritte einzog in Kasan und sein Weib mit sei-nen drei Kindern vor ihn trat, die er nichtals Gatte und Vater begrüßen konnte, weil ernicht eingestehn durfte, daß er nicht Peter derDritte, sondern Pugatschew, der Kosak, daentftürzten Thränen seinen Augen und sich ab-wendend , weil er ihren Anblick nicht ertragenkonnte; er befahl sie ins Lager zu bringen undfügte hinzu: ich kenne sie, ihr Mann hat mireinen wichtigen Dienst geleistet.

Sieg nach Sieg errang der Kosakenhäupt-ling , — dann wandte sich das Glück und nachmancherlei Niederlagen des kaiserlichen Heeresgelang es dem General Michelsohn, den Em-pörer nahe bei Zarizyn zu besiegen. Pugatschewmußte fliehen, seine Kosaken, bestochen vonGeld und Versprechungen, banden ihn undführten ihn so zu Suwarow, der ihn in einemhölzernen Käfig nach Simbirsk zum GrasenPanin sandte. Dieser richtete an den Gefan-genen mehrere Fragen und als dieser sie dreistund keck beantwortete, gerieth der stolze Grafdarüber in solchen Zorn, daß er dem Gefan-genen „das Gesicht blutig schlug und ihm einBüschel Haare aus dem Bart riß." — Dannward er nach Moskau abgeführt, das Volk,das ihn als Sieger mit Ungeduld erwartethatte, zog ihm schaarenweise entgegen und warnoch jetzt kaum zu verhindern, dem Gefange-nen freudig entgegen zu jauchzen. An einerMauer des Münzhofes ward er angeschmiedet,mit einem eisernen Ring um den Leib, der inder Wand befestigt ward; zwei Monate langblieb er dort und tagtäglich strömten Schaarenvon Neugierigen hin, ihn zu sehn. So furcht-bar war der Blitz und das Feuer seiner Augenund der Donner seiner Stirne, daß, wie man

sagt, viele Weiber Lei seinem Anblick in Ohn-macht fielen. Dann sank sein Haupt von Hen-kershand.

Im Verlage von L. Fort in Leipzigist erschienen: Jeschurun. Taschenbuchfür Schilderungen und Anklängeaus dem Leben der Juden. Auf dasJahr 5661 israelitischer Zeitrech-nung. Herausgegeben von Carl Maienund S iegm. Frank enberg. Dieses jüdi-sche Taschenbuch, das voll frischen und gesun-den Lebens ist, bezeichnet durch sein Hervor-treten eins von jenen Phänomenen, welche derSache des Judenthums in der neuesten Zeit denallermeisten Aufschwung verliehen haben. Diesist die Kraft des Selbstbewußtseins, das offenund frei von sich zu sagen wagt: ich bin einI udeund st eheals solch erineiner ei-genthümlichen Lebenssphäre darin!Noch vor einem Jahrzehnt erröthete dies Be-wußtsein über sich selbst und umging das Ge-ständniß desselben. Jetzt macht es Gedichte ausdiesem freien Geständniß und baut literarischeUnternehmungen darauf. Ob es für die innereEntwickelung des Judenthums heilsam sei, einesolche ALgegrenztheit der Lebenssphäre festzu-halten und zu firiren, wie durch dies Taschen-buch und ähnliche Unternehmungen geschieht,ist eine andere Frage, die wir hier nicht erör-tern wollen. Wir nehmen Jeschurun als reinliterarische Gabe und haben in dieser Bezie-hung Ursache, uns mannigfaltig daran zu er-freuen. Zuerst das Titelbild von Rießer,das ziemlich ähnlich und gut gearbeitet ist. Zuihm gehört ein darstellender Artikel über Ga-briel Rießer, den man vielleicht nicht mit Un-recht den O'Connel des Judenthums genannthat, von K. Sidori. vr. H. Arndt lie-fert ein jüdisches Lebensbild: David Jsaac,das die Geschichte eines jüdischen Hausirers,mit breslauer Lokalitäten, behandelte. DieBriefe eines denkenden Kleinstäd-ters, von Siegmund Frankenberg be-handeln in geistig lebendiger Weise Juden-thum, jüdisches Familienleben, neueres Rab-binenwesen. Der böhmische Dorfjude,von I. Kaufmann ist ein schöngeschriebenesund lebensvolles Genrebild. Legenden von vr.W. Landau, Gedichte von Carl Maien,Ern est ine Maien, MoritzRappaport,I. Fries u. A. machen den poetischen Theildes frenndlich und elegant ausgestatteten Ta-schenbuches aus.