Band 
1840, Juli-Dezember.
Entstehung
Seite
648
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klappernde Welt und ihr, der Armen, allmäch-tig verkünden im dichterischen Feuerscheine:was Gott und was Frühling!

Warum darf ich kein Dichter sein? Undwarum so schwer belastet von den Gefühlendes Dichters?

Fern von den deutschen Universitäten denkeund träume ich diese als die heiligsten Tem-pel der Wissenschaft mit lauter gottbegeister-ten Priestern und andächtigen Schaaren ge-füllt; denn der Name nniversitas!, er durchzit-tert mich, die Gesammtheit oder Einheit, dieabsolute Gottheit der Wissenschaft, siedurch-tönt mich mit lallender Andacht; — wennich nun aber den heiligen Tempeln freudigentgegentrete, da sehe ich sie urplötzlich inTrümmern zerbröckeln, auf dem ehrwürdigenSchutt ihres gigantischen Zweckes hat man mitHülfe ihrer stolzen, zerbrockenen Pilaster kläg-liche Dörfer gebaut und klägliches Bettelvolkläuft lärmend daher und ahnt nur wenig oderauch nichts von der Heiligkeit dieses classi-schen Bodens! Man kann das Pompeji undfeine Schätze nicht ganz ergraben, weil esvon schmutzigen Dörfern überdeckt worden ist.Dies ist die Ironie unserer Zeiten!

Göttingen ist im Innern so nüchtern, wieseine traurige, sterile Umgebung. Die östli-chen Berge der Stadt sind kahl wie Ratzen undvon blöckenden Schaafen idyllischer beweidet,als die Wissenschaft von den Studenten. DieLeine tragt den Pfützencharakter und vor Göt-tingen's Thoren fällt uns ein Mangel an grü-nen, kühlenden Baumgängen auf, der durchdie kleine, hagere, schattenlose Allee vor demGeismarthore in keiner Beziehung aufgehobenzu werden vermag. Die Bürger der Stadt ha-ben nur an die Studenten und die Miethpreiseihrer Stuben, die Studenten nur an die Viereund die Kollegien ihrer Professoren, die Pro-fessoren nur an die abgetriebenen Fächer desLehrens gedacht. Auf Natur und Natürlich-keit wurde hier wenig Rücksicht genommen,man ließ sie traurig verkümmern und sich umGöttingen her das elendeste Cactusdasein fri-sten, so lange, bis sie dann wieder zu beidenSeiten nach Heiligenstadt und Münden hin zuLeben und Lust, zu Bergen und Wäldern ju-belnd emporsteigt. Sucht doch in Göttingen,Freunde, nie etwas anderes als Studenten undFleischergesellen, als die Bibliothek und Uni-versität mit ihren Vehikeln, den ,, Universi-tätsverwandten" und habt ihr gekostet von je-nen berühmten Mettwürsten, die der alte Lich-tenberg schon in seinem „Timnrns" köstlich ge-schildert , so segnet das Reich von dieser fleisch-lichen Welt und flüchtet, wie ich, in die stille,

träumerische Waldeseinsamkeit Mündens, woich gewiß meine Clause aufschlagen möchte,stände sie nicht an der Brandung des Meeres.

Imposante Gebäude hat Göttingen kaum;das große, neue Entbindungshaus, diesen Wir-kungskreis des berühmten Osiander's, kaufeich hier auf hübschen Stammb uch sb lät -tern; etwa für schwangere Damen unsererHeimath. Das neue Universitätsgebäude er-hebt sich an der Stelle eines früheren Klo-sters. Gebe der Herrgott, so bitte ich, daßkeine giftige Schwade der geistlichen und poli-tischen Hierarchie heimlich emporsteige in diePropyläen der Wissenschaft, dort zerrüttenddie heilige Freiheit des Lehrens und Lernens,das stolze Bewußtsein der Wissenschaft stillund methodisch! —

Das Studentenleben dieser berühmten Lei-nestadt ist, so viel ich beurtheilen darf, abernicht nach den wenigen Tagen meines jetzigenAufenthaltes, sondern nach früheren Besuchen,— das allerunangenehmste für den, der dieWissenschaft ins Leben vermittelnd, eintretendwünscht. Zwischen den Eruptionen einer cyni-schen Rohheit und den gesellschaftlichen Con-venienzen oscillirend, ist es ohne den innern,freien, burschenschastlichen Kern geblieben, ichmeine, ohne den wissenschaftlichen, sich be-wußtwerdenwollenden Geist. Hier bläht es sichadelig flach und anständig mit der Clague unterdem Arm bei süßen Profesforrhee's, dort aberwälzt es sich rücksichtslos im Cynismus derKneipen und singt nach dem alten, berüchtigtenCommersbuche, so daß ihr alle erröthen müßt,wenn ihr es anders versteht. Norddeutschlandsstudirende Noblesse, der die Georgia Augustavon jeher als Eldorado entgegenwinkt, suchtden Adel des Universitätsleben besonders darinauf, jetzt dem liederlichsten Cynismus zu fröh-nen, während sie schon eine Stunde darauf imschwarzen Fracke und im stzste <1e In bauteinaison ganz anständig in die Gesellschaftentritt und mit den Damen theesüß zu scherzenversucht. In großen, barocken Pseisenköpfen,in dicken, zottigen Bullenbeißern, darin thutes der hier studirende Adel alten zuvor; Hein-rich Heine hat die „Wandalen" Göttingens kost-bar geschildert und Eduard Beurmann strebteihm wenigstens nach. Ihr wißt, wie die letz-ten hannöverschen Ereignisse auf die Univer-sitätsverhältnisse betrübend zurückgewirkt ha-ben und wirken und augenscheinlich hat hierder Abgang der leuchtenden Plejaden, das fa-möse Spioniren der hannöverschen Polizei un-ter den Studenten aber noch mehr eine so un-behagliche und gewitterschwüle Stimmung her-vorgerufen , die den Ruf und die Frequenz der

Augusta bedeutsam compromittirt. Die Stadt-philister sind schon untröstlich, denn die Stu-ben müssen nun billiger werden und ein rei-cher, speculativer Bürger, der dicht vordemweender Thore ein imposantes Palais für lau-ter Studentenwohnungen, eine wahre Studen-tenrepublik zu erbauen beabsichtigt haben soll,ließ es ganz richtig bei dem originellen Projekte.

Im ullrichschen Garten hat hier der Leo-noredichter sein Denkmal. Aber vom alten,todten, verwitternden Bürger möchte ich nichtserzählen, sähe der Todte nicht mit verzerrtemGesichte, als glasaugiges und hohlwangigesGespenst in die moderne Zeit hinein undspukte er hier an der Leine nicht wieder in ei-ner poetischen Studentenbündnerei auf! Un-sere Studenten perfectioniren die edle Poesie inGöttingen so furieuse und bürgerlich, daßschon einer von ihnen im neuen Hurre-Hurreund Hopp-Hopp-Geschmacke das Jubelfest derGeorgia folgendermaßen:

Was springt dort über den Zaun, Zaun, Zaun?

Der Zaun ist gar nicht klein! u. s. w.

anzusingen vermochte! So also strebt nunheutzutage unser poetischer Sturm und Drangdurch die Wetterschwüle dieser dunkelnden Zei-ten aus?! Wo man das Nolandsschwert desGeistes und der Wissenschaft wuchtig führensollte, bläs't man die Rohrpfeife Pan's rechtliederlich, statt der Sturmhaube setzt mandie klappernde Narrenmütze auf's Ohr unddoch versteht niemand ein originaler, Shak-speare'scher Narr zu sein; sondern man wühltsich gleich einer ecklen Made in den eckelhafte-sten Alltag wohlgefällig hinein. Das war einanderer Sturm und ein feuriger Drang, alssich die Stoltbergs, als Leisewitz, Sprengel,Boje, als Bürger, Hölty und der Verfasserdes „Siegwarts" sich hier in Göttingen ein-ten; denn das war die dunkle, ob auch nebel-getrübte Ahnung einer heranbrausenden Neu-zeit, die dem Pegasus bang durch die Nervenfuhr, so daß er sich bäumte und den qualmen-den Boden stampfte und ihm schausten die Nü-stern und-er schnupperte scheu in die Lüfte hin-aus. Ich sehe die alten, für uns gestorbenenGeister daher wandelnd durch den nebeldurch-zitterten Abend; da führt Hölty sein gewasche-nes Liederschäfchen am rothen Bande umherund Bürger schwingt anakreontisch den Becherund singt candirte Zoten und weint und ringtum Molly zugleich; Stollberg und Voß wan-deln hier noch vereint als Dioskuren und Lich-tenberg, diese schiefe, schlotternde, buckligteHogarthsgestalt, leckt mit der rauhen Bären-zunge listig hinein in den Honig des sumsendenBienenvolks. Und da blitzt es und donnert ge-