Band 
1840, Juli-Dezember.
Entstehung
Seite
649
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wältig hinein in die gutmüthigen Nebel undtrinmphirend sausen die großen, geharnischtenIdeen des deutschen Lebens: Goethe, JeanPaul und Schiller daher und als es nun aus-geblitzt, da wölkt es sich wieder trübe herabund trübe, trockne Bierkehlen jodeln das Fuu-6eumu8 auf den durchnebelten Straßen sinnlosumher! Hier befallt mich der naßkalte Eckelum unsere so durchnebelte Zeit und um Göt-tingen ganz besonders mit seinen Erinnerun-gen und seiner froschkalten Gegenwart und sei-nen Würsten, worin sich politisches und poeti-sches Fettgift, aber kein klarer Aetherstromund kein glühender Phosphor der freien Be-geisterung zu entwickeln vermag!

Sie sind begraben die alten deutschen Bur-schen, unsere fidelen, bemoosten Häupter mitihren Ziegenhainern und mit ihren Hiebern,mit ihren Paßmatrikeln und all ihrer schäumen-den Lust. Und unsere Universitäten , aus denensich Deutschland immer die Blume seiner gei-stigen Fortentwickelung schöpfen soll, man hatsie bevormundet und machte sie gerne von obenherab zu Wissenschaftslosen Abrichtungsanstal-ten, zu jämmerlichen Specialschulen für denrostenden Mechanismus einer schnöden Brod-wissenschaft. Einst kämpften und rangen un-sere Universitäten gegen den Lindwurm derHierarchie und Junker Jörg triumphirte kühnim Panzer des wissenschaftlichen Bewußtseins;nun opponiren unsere deutschen Universitäten,in denen sich einzig und allein das Bewußt-sein von deutscher Nationalität zu erhalten undzu erwärmen vermochte, nur schwach und za-gend, wie Schleiermacher sagt, der Jllibera-lität, dem Herrscherhochmuthe einer argusau-gigen Staatsgewalt und wir haben alles zufürchten für diese letzten, stolzen, rauchendenTrümmer unserer stolzen, deutschen Gesammt-heit. Cousin preiset unsere Universitäten undwir — ja, wir zerrütten sie uns nun gegen-seitig und nicht auf Mängel am heiligen Ur-zwecke unserer Universitäten, nicht auf Abnor-mitäten des wissenschaftlichen Organon's grün-det man die fanatischen Anfeindungen widerdie deutschen Wissenschaftstempel, sondern mansucht sie rein äußerlich auf in ihren Formen,in politischer Aengstlichkeit und möchte unsdarum zertrümmern und kläglich zersplitterndas, was deutsche Nation gebar in den gewal-tigen Wehen der Wahrheit und Wissenschaftund worin sich die deutsche Nation vor sich sel-ber bethätigt. Die Wissenschaft ist in sich undfür sich , keinen andern Zweck hat sie, als ebensich selber, darum zetert der beschränkte, nie-drige Empirismus über die Nutzlosigkeit diesertheoretischen Hirngespinste und preiset uns

polytechnische Schulen als die wahren Wun-der und Hebel der Zeit an. Ich denke, unseredeutschen Universitäten ragen als die letzten,stolzen Säulen unserer verkommenen Nationempor; fallen auch sie in den Schutt des klein-lichen, abgesonderten Lebensterrains? weilman so viel daran rüttelt und schüttelt? —- O,dann fiele auch Deutschland zusammen und wirwären ein todtes, verschüttetes Volk! —

Wahrend man überall das Gift der Basi-liskenblicke und cäsarische Blitze in unsere Uni-versitäten schleudert, sollten sie da nicht in sichselber geharnischt zusammenhalten in ihrer Ei-nigkeit, am großen, wissenschaftlichen Be-wußtsein und Sonnenherzen, an den uraltenBannern der akademischen Freiheit im Lehren,Lernen und Leben zugleich? Aber siehe, daliegen sie selbst in der gräßlichsten Apathie undVermoderung. Aus diesem kläglichen Frosch-und Mäusegetriebe, aus dieser hochmüthigenAbsonderung der Professoren unter sich und vonden Studenten, aus dieser Eitelkeit und fei-len Gesinnung, die, das Wahre versäumend,um Orden scherwänzelt, aus dieser Flachheitund Wissenschastslosigkeit in der Masse desStudentenpöbels erkennen sich kaum in einzel-nen Symptomen die gewaltigen Nationalbe-deutungen einer akademischen Wesenheit. Michüberschleicht in Universitäten ein Eckel und eineunsägliche deutsche Wehmuth, nur aus derFerne strahlen sie auf im goldenen Morgen-schimmer einer wissenschaftlichen Einheit undnnr, weil ich es dort träume, nicht weiles wahrhaft ist, bricht das deutsche, natio-nale Bewußtsein aus ihnen leuchtend hervor.Nur die lodernde Idee des Individuums schürtauf ihrem heiligen Heerde die großen natio-nalen und wissenschaftlicher Ideen zur stolzenHöhe empor!

In Mündens tiefem Thalkessel erhole ichmich nun träumend von den vielen Durtönenund von den bleiernen Nebeln der Leinesiadt;denn seltsam! die beiden Tage meines Aufent-haltes in Göttingen durchnebelte es. Hier aberliegt der blaue, klare Frühlingshimmel aufden grünenden Bergen und die Sterne spiegelnsich lüstern in den Fluthen, die sich hier einenzu einer meereslustigen Gesammtheit. DasPlätschern der Boote und Weserflosse tönt zumir empor auf die Brücke, stille, frühlings-duftige Nirenschleier weben sich über die Was-serperspective, während droben auf den gol-desgrünen Bergfirnen und im Nheinhardts-walde das Abendroth brennt und sich still, einverblutender König Lear, in die dunkelndenThäler herabneigt. Am Brückenhaupt streift daein Phalanr schweigsamer Männer vorbei,

Nachtfalter, tagscheues Schmugglervolk, ausder Vorstadt Blume wahrscheinlich. Mündenbetreibt das Schmuggeln über die Hessengrenzehinaus nicht ohne Vortheil und hat außerdemeinen wichtigen Handel auf der Weser, Werraund Fulda im Wasserwege und zu Lande vor-züglich nach Hanau, Mainz und Frankfurtherab.

Hinter Münden, der Hessengrenze zu, er-hebt sich ein hoher und dicht bewaldeter Berg.Wilde, romantische Fußgänge führen in man-nigfachster Verschlingung durch ein träume-risches Waldesdunkel auf diese Grenzhöhe,während die casseler Straße sich nur in leich-ten Terrassen allmälig zu ihrer Zinne empor-hebt. Ich ließ den Wagen die Straße fahrenund ging an der Seite eines hessischen, genauden Richtpfad kennenden Bauerweibes emporin den herrlichen Bergwald. Die Heidelbeereblühte, die Nachtigall schlug. Diesen Morgenvergesse ich nicht, er ist mir ein funkelnderEdelstein meines stillen Lebens geworden, anträumerischem Nachklänge reich und würdig inder stolzen Wehmuth des Ultramarins und imbrennenden Schmerze des Purpurs geschildertzu sein! Meine Begleiterin durch diesen herr-lichen Waldesdom hätte ich küssen und jubelndumarmen mögen, aber sie war weder jung,noch hübsch, noch naturbegeistert und der gi-gantische Tragkorb auf ihrem Nucken wehrtejede Umarmung ab. Auf den Höhen des Ber-ges, wo wir die Straße wieder erreichten, ver-ließ sie mich, ihren: Dörfchen entgegeneilendund ich durchschweifte nun einsam, trunken,das Panorama einer Landschaft, die ich kaumzu beschreiben vermag. So, auf deutschen Ber-gesgipfeln zu weilen und in die träumerischen,weiten, offnen Lande hinunterzuschauen, dasist der wahre Reisegenuß und den erkennet ihrnirgend, die ihr in Eilwagen und vierspänni-gen Equipagen durch dampfenden Straßenstaubherrollt. Ein weites, lachendes Thal, mitDörfern und Weilern bestickt und von derFulda durchschlängelt, dehnte sich vor mir inden unmuthigen Farben des Frühlings aus,im Hintergrund flimmerte Cafsel mit seinerschönen Umgebung und der Carlsberg, ausdessen duftiger Bläue die Wilhemshöhe mitihrem Herkules niedersah, zog sich als dunkleLeiste am Horizonte bogenförmig dahin. Ichwarf mich unter den Buchen in's Gras, da ließich mich einsäuseln von meinen wirren Gefüh-len und sah den Heerweg hinunter, der sichvorn Berge durcb's Thal der hessischen Residenzentgegenzog. Am Bergsockel schleppten sichdrei leinenbespannte Karren dahin, von einerMenschenmenge begleitet. So wenig ich ihrer