622
anfangs achtete, desto ungeteilter nahmen siemich dann in Anspruch, als sie naher und na-her kamen und ich Auswanderer ahnte. Aus-wandern aus diesem schönen, deutschen Vater-lande — wie überschleicht mich das deutscheWeh und die deutsche Trostlosigkeit! Die Kar-ren waren mit den verschiedenartigsten Dingenbepackt, kleine schreiende Kinder hockten dar-unter; ihnen zur Seite gingen die Männer,in blaue Blousen gekleidet und in ernste Ge-spräche versenkt; dann folgten Weiber und Dir-nen in der hessischen Tracht, in schwarzen, be-bänderten Hauben, in knappen Tuchjäckchenund rothwollnenRöcken; sie strickten und plau-derten; überall tummelten sich die fröhlichenKinderschaaren mit blumenbekränzten Hüten,denen man nur die knabenhafte, jubelnde Rei-selust anzusehen vermochte, noch nicht unter-mischt von den herben Gefühlen einer Aus-wanderung. Auf der Zinne des Grenzbergeswurde Halt gemacht und ich mit „Grüßt Gott,Herr!" zutraulich begrüßt. Die Männertrennten sich in einzelne, flüsternde Gruppen,diese streckten sich sinnend in's Gras, jene stan-den unter den Bäumen und schauten stummund trübe in die sonnigen Thäler hinab. Miram nächsten saß ein junges, hessisches Bauer-mädchen, flüsternd und kosend mit einem jun-gen Soldaten in stillster Liebesvertraulichkeit,schluchzend und weinend. Das war eine große,feierliche Abschiedsstunde von Liebe und Vater-land. Ueber alle Gemüther schwebte sie trost-los dahin, während die schreiende Kinderlustim grellsten Kontraste mit den dunklen Gefüh-len der Männer und Weiber rings tobte unddas Echo des herrlichen Waldes triumphirenderweckte. Da stieg aus dem Linnendache desersten Wagens eine hohe, imposante Greisen-gestalt; unbeschreibliche, stolze Ehrwürdigkeitlag auf den Zügen dieses durchwetterten Ge-sichtes, an dem der Schnurrbart silberweißschimmerte. Die braunen Augen glänzten mu-thig im Kreise umher, nur als sie jenes wei-nende Bauermädchen bemerkten, schienen siemir von den Schatten der Trauer durchzuckt.„Großpapa! Hurrah! Hurrah! Großpapa!"jubelten die Kinder tumultuarisch um die hohe,stolze Gestalt; aber zürnend blitzte das Augeim sinnlosen Kindergewühle umher, drohenderhob der Greis den Krückstock und redete mitder kraftvollsten Männerstimme, so, daß dieKinder Plötzlich verstummten:
„Kinder! Was soll eure Narrheit? Sehtda hinab, da hinunter in's Hessenland! Ichsag' euch, noch manchmal wird euch das HerzePfeifen, wenn ihr da drüben seid über denWassern, um dieses schöne Hessenland! Von
hier aus seht ihr es nun zum letztenmale —das Vaterland! Aber was ist ein Vaterland?wißt ihr, was es bedeutet, ein Vaterland?"
„Ja, wohl, Großpapa! " schrie ein mun-teres Bübchen. „Ich weiß das; das ist jeneshäßliche Land, welches den Heinrich unter seineSoldaten gesteckt hat und daß eure Trete daweint und daß sie ihren guten Heinrich nichtmit sich kriegen kann in unser neues Glücks-land, daran soll es ja auch Schuld sein, dashäßliche Vaterland!"
„ Junge! " schalt zürnend der Greis under schien mir ein stolzer, kühner Prophet, einVerkünder des deutschen Vaterlandswertheözu sein. „Dummer Junge, halte dein läster-lich Maul und bitte tagtäglich zum Herrgott,daß er dein Sündenwort nicht über dich kom-men lasse in der andern Welt. Ihr mögt euchda Freiheit gewinnen und Reichthum, ihrmögt euer Brod da essen können in Ueberfluß,ein Vaterland findet ihr nicht. Hier liegt es,da! Darum saugt es hinein in eure Herzen,daß ihr euch später daran erquicken mögt überden Wassern. Wenn mich die Erde deckt, Kin-der, wird euch eine Zeit kommen, wo ihrtraurig an's deutsche Vaterland denkt und woihr euch weinend zurückwünscht an diese Stätte,auf diesen Berg, um so noch einmal hinuntersehen zu können in das Herz eures Vaterlandesallhier. Oder, wenn's anders wäre, ihr wäretnicht werth, daß ihr Deutsche und Hessen undmeine Enkel seid. Wer von euch sein Hessen-land unter dem fremden Volke mir jemals ver-gißt, den soll der Herrgott, der auch über dieWasser langt, bestrafen für solche Schandthat.Ich habe, Kinder, da drüben über den Wasserngekämpft, ich blieb immer in Ehren ein Hesse,ich liebte immer mein altes Vaterland, obwohlich verkauft war für einen fremden, schimpf-lichen Dienst, ich schwur mir, immer ein ehr-licher Hesse zu sein. Ihr alle hier, Kinderund Kindeskinder, gelobt euch ein Gleichesund tragt euer Vaterland mit euch über dieWasser hinaus; — jetzt aber betet alle euerVaterunser für das Wohl des Landes und Gottsegne den Fürsten!"
Alles versenkte sich, aufgefordert, in's stilleGebet, Alt und Jung! Auch ich, der Profane,betete unwillkürlich die geistbeschwingten Wortedes Herrn. Die Kinder lärmten nicht mehr,jedwede Seele schien durchtönt von der Heilig-keit dieser Abschiedsmomente und alle Blickeschweiften trübe auf des Hessenlandes sonnigeFluren gen Cassel hinaus. Wie eine Jrmen-säule war mir der Alte ehrwürdig; ein Priesterdes deutschen Gefühles wandelte er stolz durchdie schweigsamen Gruppen bis zu jener Stelle,
wo der junge Soldat das weinende Bauermäd-chen herzinnig umschlungen hielt.
„Es muß nun sein!" sprach der Alte mitRührung. „Grete, mach' ihm den Abschiednicht schwer. Laß ihn nur bleiben den bravenJungen im Dienste des Vaterlandes, bis seineZeit um. Dann kommt er zu uns herüberund dann giebt es Hochzeit, Grete — und ihrpflegt meine morschen Knochen, nicht wahr,Grete, das thut ihr?"
„Aber ich kann nicht, ich kann ihn nichtvon mir lassen, Großvater!" schluchzte dieDirne. „So weit, so entsetzlich weit über dasMeer! Wenn der Heinrich jetzt von mir geht,so seh ich ihn niemals — niemals wieder, dasweiß ich!"
„Papperlapp! Ganz einerlei!" fuhr derAlte auf und zog seine Rührung unter dieKruste der Härte zurück. „Es muß aber sein.Mach' mir's kurz mit dem Abschied, Heinrich,nach Soldatenmanier. Die soll sich schon trö-sten, die Grete, und gut bleibt ihr euch doch,wenn auch 'ne halbe Welt zwischen euch kommt.Also, marsch, mein Junge, marsch — Don-ner, du willst nicht? Wahrhaftig, sie setzendich gleich in Arrest, wenn du zu spät in dieCaserne zurückkommst, zu meiner Zeit hättensie dich aus den grauen Esel gesetzt. Alsomarsch, oder du bist kein braver, hessischerSoldat mehr!"
„Ja, es wird Zeit, ich will — ich muß—"gab der Angeredete zur Antwort. „Fort mußich — fort." Ihr glaubt, lieben Freunde,euer Träumer male zu düster und träumerisch,aber ihm fehlen die Farben und Pinsel, umsolche Scenen zu malen, die er sich nicht er-träumt, sondern die er in härtester Wahrheitund bitterster Wehmuth an sich vorüberziehensehen mußte. Wie das unerbittliche Schicksalstand der harte, alte Krieger vor dem Liebes-paar; jeder Kuß und jede Umarmung solltediesem die allerletzte sein, obschon sie sich immererneute. Und endlich entriß sich der Jünglingden wilden Umhalsungen seiner schreienden Ge-liebten, ohne Abschiedswort, wie in purer Ver-zweiflung, so stürzte er fort durch den Kreisder Auswanderer auf die casseler Straße hin,im spornstreichen Laufe den Berg hinab undnur noch selten schimmerte da oder dort seineblaue Uniform und das Blitzen des Säbels ausdenBüschen hervor. Der alte greise Krieger hatsich neben das weinende Mädchen in's Grasgesetzt, er tröstete sie mit zitternder Stimmeund lobte den kräftigen kurzen soldatischen Ab-schied ihres Geliebten und weicher und weicherwurde seine Stimme und die Auswanderer um-standen ihn gruppenhaft, ihre trüben ernsten