Band 
1840, Juli-Dezember.
Entstehung
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651
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Blicke auf ihn und die Thaler des Vaterlandesgerichtet. — Bald rollten an der hannöver-schen Seite des Berges die Wagen der Aus-wanderer, denen nun das Vaterland ver-schwunden war, nieder und ich war einsam,wie zuvor, auf der Zinne des Berges, aber vondunkler Wehmuth durchbebt. Das Auge warblind für die Wonnen der Landschaft, denn wassollen mir prunkende Dekorationen, schlepptsich das Elend über den Pomp bleiern undtrübe dahin.

Jener Greis war eine Reliquie des ame-kanischen Krieges. Nun, da sein ganzes Ge-schlecht im Dränge nach Freiheit und mate-rieller Verbesserung aus dem heimischen Dorfebei Jeßberg aufgebrochen war und sich eintransatlantisches Eldorado aufsuchen wollte,nun mußte der Alte seine achtzigjährigen Kno-chen in jene Lander zurückschleppen, gegen dieer dereinst als vom eignen Fürsten verkaufterSöldling rühmlos die Waffen geführt — selt-sam führt uns das Fatum.

Zschokke bezeichnet den Bauernkrieg als dengräßlichen Nothschrei einer gedrückten Mensch-heit. Was früher, in verwilderten Zeitepo-chen zum Bauernkriege geworden wäre, daswird jetzt Auswanderung und Auswanderungist ein gräßlicher Nothschrei des Volks. Sieist keine Krankheit, aber sie ist das Symptomeiner Krankheit. Das sind nur feine, Aristo-kratenlügen, wenn da behauptet wird, diesesdeutsche Auswandern wäre nichts als ein in-haltsloses, abenteuerndes Drangen; das ist diefrevelhafte Verheimlichung einer schrecklichenWahrheit. Nur im Vaterland sind, wieSchiller begeistert ruft, die starken Wurzelnunserer deutschen Kraft; mit den heiligstenBanden sind wir an jene Scholle gekettet, wounser hülfsbedürftiges Leben sich aus demMutterschooße Hervorrang und um so ehernerstets, je entfernter und unerahnter das große,kosmopolitische Gebraust der Zeit über uns hin-rollt. Die Erinnerung hält uns, die Sprache,die heimische Sitte umschlingt uns mit ihrentausend Briareusarmelr tausendfach und nurein steter, blutiger Stachel der dumpfen Ver-zweiflung und des Nimmerbesstrwerdens laßtuns dem allen fanatisch entgegenringen undjagt uns kainsverflucht hinaus in die kaltenSteppen der Welt, über die Meere hinaus,einer ungewissen, schimmernden Verbesserungentgegeuzuringen, die uns nirgend zu Theilwird im Vaterlande, an dem unser Herz hängt.O, dieses Auswandern ist das Verzweifeln derVölker! Es ziehen trübe, düstere Mythendurch unsere Zeiten hin, der Populus fühlt,eS gebe für ihn nirgend Freiheit, er sei der

verstoßene Paria einer glänzenden Nichtigkeit,in den Obern, in den Regierungen findet ernicht mehr die fürsorgende, mütterliche Liebe,sondern nur harte und stolze und pressendeBureaukratie, nur ein elendes Centralisations-system, welches nichts von den Pflichten derGesammtheit gegen das Individuum weiß; dareißt sich der Arme, Verzweifelnde dann losvon den geliebten Penaten, vom heimischenHeerde, vom Widerhaken der Heimath undschleppt sich blutend von Land zu Land, überden halben Erdkreis hin, in tragischer Weh-muth. —

Ich möchte laut von dieser deutschen Ber-geshöhe hinunterschreien in die sonnigen Thä-ler des Hessenlandes, dahin zur stolzen Wil-helmshöhe, wo die Fontainen nutzlos sprudeln,— dahin, zu jener glänzenden Residenz, woein Riesenbau unvollendet verwittert — daßich's gestehe, dahin möchte ich schreien und don-nergleich fragen: Hessen, schämst du dich nichtdieser Kattenburgstrümmer, die man aus Lum-pen zusammengeworben hat und was sollen dirdiese kalten Monumente deiner Schlösser, wenndein biederes und genügsames Volk seinem Va-terlande, arm und zergeißelt, den Rücken wen-den muß, um sich in transatlantischer Wildnißdas zu suchen, was ihm die schöne, deutscheHeimath nicht bietet!

Dies möchte ich schreien und, Freunde, kchschriee gerne noch mehr!

(Fortsetzung folgt.)

Vermischte Nachrichten.

; Aus Dresden.

Tieck's VittoriaAccorombona. —Das erste sächsische Winzerfest. —Ludwigs Tiecks „Vittoria Accorombona"macht hier, im Wohnsitze des Dichters, natür-lich jetzt den Brennpunkt des literarischen In-teresses. Doch können verhältnißmäßig nurWenige das Buch lesen, weil nur Wenigees kaufen wollen, — das ist nicht Sitte inDeutschland; — und selbst die bedeutendsteLeihbibliothek hat es nur zweimal angeschafft.Sie hält förmlich Buch über die Aspectanten,und mit der Zeit dürste wohl noch Mancherwohlfeil zu der Lectüre kommen, dann aberauch die beste Erntezeit darin für die litera-rische Speculation des zweiten Grades, welcheden Leih-Jnstituten anheimfallt, vorüber sein.Sei es nun, daß diese protegirenden Tanten

der Literatur bisher in ähnlichen Fällen imAnkaufe vieler Eremplare schlechte Geschäftemachten, oder ist es wirklich Mangel an groß-artigerm Speculationsgeist, — genug, eswird nicht eine solche Regsamkeit bei den Bü-cherverleihern, nicht ein solcher aufloderndermodischer Heißhunger beim Publicum in Be-zug auf Tiecks neuestes Werk hier bemerklich,wie z. B. in Breslau im Anfange des Jahresbeim Erscheinen von „St. Röche." Dort er-zählte man mir, eine Leihbibliothek habe diesBuch in 18 Eremplaren angeschafft, nehme6 Gr. Lesegebühren, und dennoch sei es nursehr schwer zu erhalten. Freilich werden inDresden nur 70,000, in Breslau gegen 100,000Einwohner gerechnet. Aber auch für die Jour-nalistik bemerkt man mehr allgemeine Theil-nahme, überhaupt mehr Verlagsthätigkeit indieser nordöstlichsten bedeutendenStadtDeutsch-lands, als hier im Herzen desselben, seit derunternehmende Arnold an Lust und Rüstigkeitnachgelassen, und die auf die Massen berechneteLiteratur so verschiedene Chancen erfahren hat.Von besonders trauriger Beschaffenheit ist hiernoch die eigentliche locale Literatur, ein frei-lich überall noch mit wenig angemessenem Geistund bestimmter Folgerichtigkeit angebauetes,ja fast unbekanntes Gebiet. Ich verstehe dar-unter örtliche Zustände und Begebenheiten derVergangenheit und Gegenwart, sowie histo-rische Reflere, welche in einer größern Stadtein eigenthümliches Gepräge erlangen, unddurch deren charakteristische Auffassung danndas locale Leben zu einem eigentlichen Be-wußtsein kommen kann. Auch hier ist bei-spielsweise wieder Breslau anzuführen, wo ineiner langen Reihe von Jahren „der breslauerErzähler" und „der Hausfreund" als Or-gane solcher localen Literatur mit Glück be-standen. In Dresden scheint Herrmann Mey-nerts „Omnibus" eine ähnliche Aufgabe lösenzu wollen. Auch Theaterkritiken werden daringeliefert, woran es bisher gänzlich fehlte. Werhätte vor 20 Jahren geglaubt, daß eine Stadtwie Dresden und eine Anstalt wie die hiesigeHofbühne ohne Theaterkritiken ästhetisch be-stehen könne! Das kritische Debüt Dr. Mey-nerts betrafGutzkow's „Werner", das hiervor Kurzem eitrige Male zur Aufführung kam,und woran er nicht viel sonderlich Gutes ließ.

Am 25. Oktober fand auf dem freien Platzeander „Weintraube", einem eine Meile vonhier an der leipziger Straße und in der Näheder Eisenbahn liegenden Gasthofe, das erstesächsische Winzerfest statt. Der Platzwar freundlich decorirt, und im Saale derRestauration hielten die Mitglieder der könig-