lichen Weinbaugesellschaft ein Diner, wobeiLieder und Festreden wechselten. Auch eine !Traubenausstellung, Verkauf und Actienver-loosung der Bacchusgaben sollten stattfinden;allein man hatte nicht bedacht, wie nöthig diePolizei Lei Volksfesten sei, und für deren Auf-sicht nicht gesorgt. Da ergab sich denn, daßdie Populäre in patriarchalischer Einfalt dieSchranken durchbrochen, die Trauben verspeistund den Wein ausgetrunken hatte. Somitwar es um die Ausstellung, Verkauf undActienlotterie geschehen, welche bis zur An-kunft des Königs und des Hofes verspätt wor-den waren. Dieser erschien auf der an diesemSonntage besonders belebten Eisenbahn um4 Uhr in einem besondern Wagenzuge und nunfand ein Winzeraufzug, einen auf dem Fassereitenden Bacchus in der Mitte, statt, undVivats erschallten dem Monarchen, der beidergleichen Volksfesten selten fehlt, und des-halb gegen seine Vorgänger eine'große Popu-larität erlangt hat. Auch der Königin undden übrigen Gliedern des königlichen Hauseswurden Toasts gebracht, und gegen 2 Uhr ent-flohen die Herrschaften wieder mit Dampf densich drängenden Volksmassen. Der Regen, derdiese Pointe des Festes störte, hätte durch diePolizei freilich auch nicht verhindert werdenkönnen. Er verdarb Allen die Lust zum Ver-weilen, welche in den übervollen Räumen derRestauration nicht mehr Schutz vor ihm mndSitz und Erfrischung finden konnten, undum 2 Uhr bediente sich der größere Theil derGäste des von Leipzig kommenden Personen-zugs zur Rückfahrt, wogegen die Zurückblei-benden Abends noch ein Tänzchen machten.Ein trauriges Ereigniß bezeichnete übrigensim dresdener Bahnhöfe den festlichen Tag.Ein unvorsichtiger Mensch aus der dortigenGüterspedition hatte sich um 2 Uhr an einenPfeiler der Bahnhalle gestellt, wo der durch-gehende Wagenzug für einen Menschenleibnicht mehr Platz läßt, wie er gehofft hatte.Die Folge war, daß er unter die Räder ge-rissen und zermalmt wurde.
^ Aus Leipzig, Anfang November.
Es durste wenig Städte geben, die, gleichLeipzig, auf verhältnißmäßig so kleinem Raumedoch so viel des Bedeutenden in sich vereinigen.Leipzig ist im Verhältniß eine der volkreichsten
Städte Deutschlands, alles ist hier eng zu-sammengedrängt, jedes Räumchen benutzt undbewohnt. Die Bewohner Leipzigs sind einmaldas Weitläufige nicht gewohnt und da sich hierAlles wo möglich auf einem sehr beschranktenTerrain concentriren will, so erscheinen dieaußer unserer „City" gelegenen Stadttheileauch größtentheils todt und öde. Dennoch liegtaber jetzt ein beträchtlicher Theil unserer Stadtaußerhalb der Thore — nämlich der seit meh-reren Jahren begonnene neue Anbau, der nochfortwährend im Wachsen begriffen ist. DasAnsehn dieses Anbaues, wo fast jedes Haus,von einem Garten umschlossen, von den andernisolirt steht, contrastirt seltsam mit der engge-bauten alten Stadt. Binnen wenigen Jahrenwird Leipzig eine Mauer, gleich der projectir-ten um Paris, nöthig haben, wenn auch zufriedlichen: Zwecken als letzteres. Trotz dieserErweiterung sind jedoch die Preise der Woh-nungen im Allgemeinen im Steigen, ein Be-weis , daß der lebhafte gewerbliche und mer-kantile Verkehr hier keineswegs im Abnehmen,welcher sich überdies mehr und mehr zu stei-gern verspricht, wenn Leipzig, wie es wahr-scheinlich ist, der Mittelpunkt des norddeut-schen Eisenbahnnetzes wird. (Es scheint, daßdie Landstraßen in der Nähe von Eisenbahnenjetzt unsicherer werden, weil einsamer: — neu-lich fand man auf der nach Würzen führen-den Straße, wenige Stunden von hier, einenFuhrmann an seinem eigenen Wagen erdrosseltund beraubt!) Die Frequenz auf unsern beidenvollendeten Bahnen nimmt mehr und mehr zuund selbst der Eintritt der rauhen Jahreszeitmacht keinen zu großen Unterschied. — Wirhaben bereits im Oktober den ersten Schnee ge-sehn, aber der Winter scheint keinen Ernstmachen zu wollen, denn seit einer Woche er-freut uns nun schon wieder das heiterste Wet-ter. Gleichwohl bietet der Winter uns, diewir durch schöne Natur nicht verleitet werdenközrnen, dem Sommer den Vorzug zu geben,des Angenehmen mehr. Nachdem die sommer-lichen Gartenconcerte (Gott sei Dank!) schonseit längerer Zeit verstummt sind, fangen, au-ßer den regelmäßigen Winterconcerten (Ge-wandhaus, Euterpe u.s. w.) nun auch die au-ßerordentlichen an überhand zu nehmen. Esvergeht im Winter selten eine Woche, wo wirnicht eines oder mehrere zu hören hätten. —— Am letzten des Oktobers hatten wir wiedereinmal den jetzt gegen frühere Zeit seltenern
Anblick eines Fackelzuges, den dieStudiren-den bei Gelegenheit des Rectoratwechsels hiel-ten und dann mit dem alterthümlichen 6 an-cleumus das akademische Jahr beschlossen.
Tageszettel.
—* Hassenpflug hält sich seit einigerZeit in Berlin auf und wird, wenn maneinigen Aeußerungen in gutunterrichteten Zir-keln Glauben schenken darf, im preußischenStaatsdienst" verwandt werden. Hassenpflug istder Schwager der Gebrüder Grimm, die alsMitglieder.der Akademie der Wissenschaften,welches sie-schon früher waren, zu einem Auf-enthalt in Berlin eingeladen worden sind. —*
—* Von dem Regierungsrath FriedrichvonHeydenin Breslau, dem genialen Ver-fasser der „Jntriguanten" und vieler andernNovellen und dramatischen Dichtungen, er-scheint ein N 0 v elle n -C y clu s in drei Bän-den, von dem man sich etwas Ausgezeichnetesversprechen darf. —* ,
—* In einer Stadt in Mecklenburg er-eignete sich vor Kurzem der sonderbare Um-stand , daß die Direktion einer herumziehendenSchauspieler-Gesellschaft, welche dort Vorstel-lungen gab, einen jungen Schauspieler, wel-cher sich zum Engagement meldete und der jü-dischen Glaubens war, nicht eher zum Auf-treten zulassen wollte, als bis er zum Chri-stenthum üb erg etreten sein würde. Derjunge Mensch ging in der That darauf ein undsah bei der Sache um so mehr Vortheil, alses dann üblich ist, durch Einsammeln von Bei-trägen in der Stadt einen neuen Anzug für denKonvertiten zu Stande zu bringen. Nach kur-zen Vorbereitungen fand die Taufe öffentlichstatt und der neu Bekehrte" wurde bei der Truppemit vier Thalern monatlicher Gage als ersterLiebhaber und Held angestellt. Zugleich stol-zirte er an den öffentlichen Orten der Stadt indem neuen Anzug umher, welchen ihm seineBekehrung eingebracht hatte. —*