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Seine Lust sich schaffen will!
Ganz entblößt von allen Freuden,
Welche jenen unerfleht doch,
Unverstanden freundlich nahen."
Sprach's und dachte seiner Eltern,
Welche sich, Jsraeliten,
Zu dem Christenthum gewendetUnd darin ihr Heil gefuuven.
„Wie so arm ist euer Sprößling,
Der vom Volke hoch geehrt wird.
Weil er manche hundert SprücheDurch prophctschen Geist gesprochen!
Gern wohl gab' ich diese Gabe,
Die mir unverstanden einwohnt,
Für des Glaubens Quelle hin.
Da ich sehe, was ich schaun muß,
Und nicht schaue, was ich will.
Gern wohl gab' ich —" und er stockte,Seinen eignen Worten zürnend.
„Nichts mehr!" sprach er, seine AugenAus dem Händegrab erhebend.
Sah er über die FoliantenNach dem Rücken eines BuchesUnd er lächelte hinüber:
„Altes Nibelungenlied!
Willst du mit dem ewig jungenReize, der in deinen WortenWebet, mir die Brust zerreißen?
Willst du mich hinüberziehen.
Mit den goldnen Lettern angelnd.
Daß ich mit dir kosen soll?
Nun! ein andermal, mein Kind!
Jenes Buch paßt bester wohl:
Oedipus von Sophokles."
Nahm's und, in der Hand es werfend,Las er, wie es sich geöffnet.
Jenen Chor aus Thebe's Greisen:„Erdentsproßne, ach! wie muß ichEuer Schicksal doch beklagen,
Die ihr mir als nichts erscheinet!
Wer nimmt größres Glück von hinnen,
Als so viel der Wahn ihm leihet,
Bis er von dem Wahn herabstürzt? "Schweigend legt' er die TragödieAuf die Bibel, und im AugeFlammte hell die Seele wieder.
„Wahn nur spendet, Wahn nur Freuden?Wahn nur, und ich lebe noch?
Giebt's ein Leben ohne Lust?
Nein, beim Himmel! denn der Feigste,Freudenleer hinausgestoßen,
Zieht den Tod der Plage vor.
Eben darum, weil ich lebe.
Und ich lebe außer'm Wahne,
Giebt's auch wahnbefreite Lust.
„Auf denn, Rüstzeug meiner Seele!
Brich die Wege hin durch's DunkelZu den Welten, die im Geiste,
Fühl' ich's doch, schon träumend schlummern.Sprich das Werd« diesem Chaos,
Daß nur seinen NebelfluthenLebenskräftig, wonnespendendJene Geister sich erheben.
Die, von Anbeginn dir dienstbar.
Ewig Unterthan dir bleiben,
Fühlst du dich als ihren Herrn,
Brich dir Wege hin durch's Dunkel!
Brich, hier- bin ich, selbst mich selber,
Zwing' ich nur, was viele zwang schon,
Das Verständniß dieses BuchesUnd es schwingt sich aus den TrümmernMeines Wesens Nostradamus'
Schöpfergeist als Gott empor.
Wahubefreit nur sei die Lust!"
Also sprach er, und es glühteHell im Aug' der Wahn, die Hoffnung. —Jetzo klopft' es an die Thüre,
Und in EremitenkleidungTrat ein gar bescheiden MännleinStill ins Zimmer, er verneigteTief sich und hub an die Worte:
„Hoher, hochgelehrter Herr!
Viel hab' ich von euch vernommen,
Als dem ckootor meäioinue,
Daß ihr manch Arcanum fandet.
Daß ihr auch mit selt'nem GlückeSternenkunde dann getrieben:
Sicherlich ein hohes Streben!
Und es lohnte euch der Himmel,
Als ihr so in fremde WeltenBlicktet, mit prophet'schem Geiste.
Ich verehre euch, Herr Doctor!"
Gut! was wollt ihr sonst von mir?
„Ha! jetzt IllsoloZica!
Lest die Bibel, ist das schönsteAller Bücher und — wie faßlich!"
Faßlich?
„Wohl! ein Kind begreift's."
Ja, ein Kind!
„Und auch das Alter."
Ich bin alt und grau geworden!
„Alt? Ihr seid ja noch nicht siebzig."
Und es sagte Nostradamus:
„Welches Alter denn verlangt ihr,
Daß es, wie mit Kindes Einfalt,
Ruhig diese Schriften lese?"
Mindestens zweitausend Jahre!
„Wie? zweitausend Jahre, ist dochDiese Schrift noch nicht so alt?
Sagt ihx nun, sie sei euch faßlich,
Sprecht ihr, denk' ich, nicht verständig,
Oder seid ihr noch ein Kindlein? "
Nein, Herr Doctor! nein! kein Kindlein!Hab das Alter, das ich nannte.
Lachend sagte drauf der Doctor:
„Seid wohl gar der ewge Jude?"
Ei, Herr Doctor! — ist es möglich?
Wißt ihr nicht, der ewge JudeZählt ja kaum jetzt sechzehnhundertJahre? Wie? und glaubt ihr wirklichAn das Mährchen dieses Mannes?
Nein: ich sprach mit Hiob schon. —
Zieht nicht kraus die Miene, Doctor !
Denkt, ich sei ein Humorist!
„Kanntest du vielleicht auch Luther? "
Fragte donnernd Nostradamus.
Doctor Martin Luther ist mirWohl bekannt.
„Und warst du —"
Was denn?
„Ich beschwör' dich, sprich! wer bist du? "Lächelnd sagte drauf der Fremde:
„Hört ich doch an allen Orten,
Ja du selber thust in SchriftenDieses kund, es sei dein GeistTief prophetisch, ei! so weißt duSicherlich, wer vor dir steht." —
Zitternd, sich am Sessel haltend,
Starrte Nostradamus auf denFremden; dieser sagte wieder:
„Gelt! das nächste schaust du nicht.
Dieses blieb dir fern, sonst hättestDu mich wohl im Nu erkannt.^
Schaudernd raffte NostradamusSich zusammen, zitternd schrie er:
„ Warst mit Luther du befreundet ? "
Nein! er war ein stolzer Mann.
Wollt ihm übersetzen helfen,
Trat zu ihm und sagte: Luther!
So ist dieses Wort zu nehmen,
Sprach es freundlich, da jedochEr auf seine Kunst zu stolzUnd zu störrisch von Gemüth war,
Mußten wir uns wohl verfeinden.
„Und er warf nach dir —"
Ja Wohl!
Mit dem garstgen Dintenfasse.
'S war nicht fein und zeigt am EndeWenig Bildung.
Nostradamus
Zitterte, er hub die Bibel,
Hielt sie in der Linken gegenSeinen Feind, und mit der RechtenChristi heil'ges Zeichen schlagend.
Sprach er angstvoll diese Worte:
„Fliehe vor den heil'gen Schriften!
Fliehe vor des Kreuzes Allmacht!
Satan, hebe dich hinweg!
Satan! —" und das Wort erstarb ihm,Denn mit Ruhe sah der FremdeAuf den Doctor und er sagteErnst die Worte: „Wärst du gläubig,Nostradamus! müßt ich fliehen;
Glaubst du nicht, so hilft kein Kreuz."
In den Sessel sank der andre.
Und am Boden lag die Bibel.
Wieder nahm das Wort der Fremde:„Wie so schwächlich ist dein Wesen!
Fehlt doch den Gelehrten immerThatkraft, sowie Wirklichkeit.
Konntest erst doch trefflich sprechen:
„Brich dir Wege hin durch's DunkelZu den Welten, dir im Geiste,
Fühl' ich's doch, schon träumend schlummern.Sprich das Werde diesem Chaos,
Daß aus seinen NebelfluthenLebenskräftig, wonnespendendJene Geister sich erheben,
Die, von Anbeginn dir dienstbar,
Ewig Unterthan dir bleiben,
Fühlst du dich als ihren Herrn!
— Fühlst du dich als meinen Herrn?"
Also hätt' ich dich beschworen?
„Bin ich doch von jenen GeisternSicherlich der Oberste.
Lebenskräftig, wonnespendend
Ist mein Wesen, glaubst du jetzt auch
Daß ich feindlich dir gesinnt sei."
Feindlich bist du allen Menschen.
„Feindlich bin ich nur den Schwachen,Doch den Starken spend' ich Wonne.
Dieses Buch da willst du zwingen.
Sein Verständniß, das schon vieleFesselte, mit Urkraft fesseln.
Gut! ich helfe dir dazu."
Du?
„ Gewiß!"