Band 
1840, Juli-Dezember.
Entstehung
Seite
656
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628

Du sagtest eben,

Daß zweitausend Jahre mindestensZum Verständniß nöthig waren;Zahle jetzt erst drei und sechzig.

(Beschluß folgt.)

Briefe aus Preußen.

n.

Seitdem SchuLarth seine heisere Stimmehat ertönen lassen, um die Unvereinbarkeit derhegel'schen Staatslehre, d. h. des konstitutio-nellen Princips überhaupt, mit dem oberstenLebens - und Entwickelungs-Princip des preu-ßischen Staates auszuschreien, ist dieje Un-vereinbarkeit zum Stichblatt einer gewis-sen Partei geworden. Wer es nicht glaubt,der mag nur die regelmäßig wiederkehrendenCorrespondenzen aus Berlin in der „Leipzi-ger" und der „Augsburger allgemeinen Zei-tung" lesen, wo die alten dürftigen und kahlenGründe allwöchentlich mit neuem Aufputz er-scheinen. Preußen und eine Verfassung warenhiernach so feindliche Elemente, wie Feuer undWasser, und nur zu glauben, daß Preußeneinst eine verfassungsmäßige Form annehmenkönne, schon baarer Hochverrath. Wir möch-ten doch wissen, wo diese weisen Thebanerihre Weisheit her haben. Sie müssen minde-stens einen sziirituL kumilimis in ihrem Besitzehaben, und daß sie das Gras wachsen hören,versteht sich wohl von selbst. In der Geschichteverstehen sie aber nicht zu lesen, das leidet kei-nen Zweifel, denn wer diese nur rückwärtslesen kann, der kann gar nichts.

Ihre Argumentation ist einfach, aber wun-derlich. Preußen ist durch die Kraft j einerunbeschränkten Monarchen zu seiner jetzigenHöhe emporgewachsen, ergo — muß Preußenfür alle Zeiten eine unbeschränkte Monarchiebleiben. Es ist wahr, Preußen ist ein jungerBaum, der an der Stütze der unbeschränktenMonarchie sich schnell zu einer überraschendenGröße entfaltet hat. Seine Zweige spielenjetzt mit den Lüften und seine Blätterkroneüberschattet Deutschland. Was soll ihm abernun noch, fragen wir, die Stütze? Diese klugenGärtner wollen indeß durchaus nicht von derStütze ablassen und damit diese nur gar nichtentbehrlich werde, kappen sie die hohen Zweige,beschneiden die Krone und zerstören mit ihrden Lebenskeim und das blos einer verkehrtenTheorie zu Liebe.

Gewiß, Preußen ist unter dem Scepterseiner unbeschränkten Monarchen groß gewor-den. Wenn wir bis auf den großen Kurfürsten j

zurückgehen, so finden wir eine Reihe vonFürsten, die durch die seltensten Herrscherga-ben ausgezeichnet waren. Dieser, selbst einegroße, heldenkräftige Erscheinung, legte inharten Kämpfen und durch seine weise Ver-waltung den ersten Grund zu Preußens Macht.Sein Nachfolger, Friedrich I., erhöhte das äu-ßere Anseht: und den äußern Glanz des Staa-tes, indem er sich die Königskrone aufsetzte.Friedrich Wilhelm!., dem sein großer Sohnin seinen Schriften den Tribut der Verehrungund Anerkennung abgetragen hat, übte zwareine tyrannische Gewalt, aber während alleanderen deutschen Höfe in Schwelgerei undundeutsches Wesen versunken waren, huldigteer dem System einer klugen Sparsamkeit undbereitete dadurch die Erfolge seines großenSohnes vor. Dieser endlich erhob Preußenzu einer europäischen Macht, und mehr alsdas, er weckte in seinem Volke den Keimeines Nationalbewußtseins, das sich in derStunde der Gefahr mächtiger erwies, als seineEroberungen. Denn dieses Gefühl war esdoch, die Ueberzeugung, daß der Staat, denFriedrich der Große gegründet hatte, den seinGeist umschwebte, den Preußen die moralischeKraft zu ihrer Wiedererhebung verlieh::. Vonseinem Nachfolger brauchen wir nichts zu sa-gen: der Abstand wäre zu groß. Die Regie-rung Friedrich Wilhelms III. war eine der er-eignißreichsten für Preußen. Unter ihm hatdas Land seine größte Krisis bestanden undseine Wiedergeburt gefeiert, die freilich nurbegonnen, bei Weitem nicht zu Ende geführtwurde. Jedenfalls wurde unter ihm der Grundzum neuen Preußen gelegt. Und nun Fried-rich Wilhelm IV.? Wem hätte nicht dessen kurzeRegierungszeit schon das unbedingteste Zu-trauen zu seinen persönlichen Eigenschaften ge-geben. Alle seine Worte, alle seine Handlun-gen, die zur öffentlichen Kenntniß gekommensind, haben den Charakter der edelsten, könig-lichen Gesinnung, des redlichsten Willens, dasVolk zu beglücken. Wo ein solcher Charakterin der Geschichte erscheint, wir wiederholen esgern, da wäre es thöricht, eine Verfassung zuwünschen, blos um Garantien zu haben.

Und alle diese Fürsten, von denen jedereinen Ehrentempel in der preußischen Geschichteverdient, waren unbeschränkte Monarchen imvollen Sinne des Worts, theilweise Tyrannen.Die provinziellen Freiheiten, die sie vorfanden,haben sie stillschweigend beseitigt oder aufge-hoben und ihren Willen und ihre Einsicht zurobersten Macht erhoben. Wer wollte sie des-halb tadeln? Der Absolutismus war damalsan der Tagesordnung, war ein nothwendiger !

und wohlthätiger Durchgangspunkt. Diesverkennen, hieße in eine eben so große Einsei-tigkeit verfallen, wie diejenigen, welche denAbsolutismus, den morschen, wurmstichigen,ausgehöhlten Absolutismus, denn das ist er imLaufe der Zeiten geworden, für immer festhal-ten wollen. Wer die wohlthätige Wirkung desAbsolutismus bezweifeln wollte, der brauchtenur auf Polen hingewiesen zu werden, das zuGrunde gegangen ist, weil es der königlichenGewalt nicht hier, wie in andern Staaten,gelang, sich fest zu consolidiren. So straft dieGeschichte diejenigen, die ihrem Rufe nichtFolge leisten. Auch Schweden kann als Bei-spiel gelten, das, ehe ein kräftiger Entschlußdie Macht des Adels brach, auf die schamlosesteWeise von Parteien verwüstet wurde, die garkein vaterländisches Interesse hatten. Damalswar der Absolutismus das Zeitgemäße undder Fortschritt.

Aber ist er es jetzt noch? Der Wind hatsich seitdem gedreht und bläst aus einer ganzentgegengesetzten Richtung. Der Absolutis-mus, den damals die Zeit trug, weil er dernothwendige und letzte Uebergang zur Freiheitwar, ist jetzt das Unzeitgemäße, Retrogradegeworden. Und so gewiß es eine Zeit gab,wo er der Fortschritt war, so gewiß ist es, daßer jetzt in Opposition mit dem fortschreitendenLeben der Geschichte getreten ist, und daß die-ses ihn ausstoßen wird. Nicht er sollte dasLetzte sein, und wenn er alle Staatskräfte ver-schlungen hat, so war es nicht, um sie bei sichzu behalten, sondern um sie wieder heraus-zugeben. Der Zug der Zeit heißt Freiheit,freies Spiel aller Kräfte, nicht eine Persön-lichkeit, ein Name.

Nun möchten wir denn doch wohl wissen,unter was für einer besondern ConstellationPreußen steht, daß ihm der Weg zur verfas-sungsmäßigen Bildung für immer verschlossenbleiben sollte? Preußen ist bis jetzt ein unbe-schränkter Staat gewesen, und hat sich dabeiso lange ganz wohl befunden, als sich keineanderen Wünsche regten. Darin sehen wirnichts Absonderliches. Es hat den geschicht-lichen Proceß durchgemacht, den alle anderenStaaten durchgemacht haben. Auch Frankreichist eine absolute Monarchie gewesen und bateine Reihe kräftiger und großer Fürsten gehabt,die des Landes innern und äußern Glanz Ge-fördert haben. Aber die französische Nationist doch eigentlich erst durch die Revolutionentstanden; diese erst hat die provinziellen Un-terschiede nivellirt und Frankreich an die Spitzeder Bewegung gestellt. Elisabeth von Eng-land nahm die Zügel der Regierung in ihre