Band 
1840, Juli-Dezember.
Entstehung
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670
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derSchauplatz fortwährender Heereszüge. Auchhierher kam die Nachricht von der Schlacht beiJena zuerst als Siegeskunde und erweckte all-gemeine Siegestrunkeuheit. „Man konnte,bemerkt Jmmermann hierzu, wirklich zu jenerZeit vom Staat nicht viel mehr wissen, alsdaß er eine Anstalt sei, worin die SoldatenSpießruthen liefen, der Adel empfange, derBürger und Bauer zu geben habe und dennochjauchzten die Menschen, als hatten sie ein Va-terland, welches ihnen die köstlichsten Fruchteder Freiheit und des Großstnns trage!" DieFreude verwandelte sich bald in die düstersteNiedergeschlagenheit und auch für Magdeburgbegann eine Zeit der Drangsal. Die Franzo-sen rückten ein und begingen Ercesse, Berau-bungen, Mißhandlungen der Einwohner, bisder Commission die Augen geöffnet wurden und„ sie sich um den Marschall Ney bekümmerte."

Mit Preußens Niederschmetterung begannDeutschlands Entwürdigung und Erniedri-gung; der Despotismus hatte seinen Höhe-punkt erreicht. „Die Zeiten, welche einemSchlage, wie er damals alte Verhältnisse zer-trümmerte, folgen, sind eigentlich keine Zeiten.Die Menschen leben nur vom Abend zum Mor-gen, ihren Entschlüssen fehlt jede Consequenz.Alles schnappt in den kurzathmigsten Anstößennach Luft. Der Egoismus zeigt sich in seinerhäßlichsten Gestalt und die Gemeinheit decktscheulos ihre Blöße auf. Die Kinder illumi-nirten Landschaften und setzten Dedikationendarunter an Napoleon, den Unüberwundenenund Unüberwindlichen."

Noch begleiten wir den Verfasser bis zumBeginne seiner Studienzeit in Halte, die balddurch Auflösung der Universität unterbrochenwurde. So weit das Persönliche. An diesesknüpfen sich nun Betrachtungen der damaligenZustände und der geistigen Richtungen, dieeinen solchen Schatz gediegener und wahrerAnschauungen enthalten, daß wir uns nichtversagen können, Einiges daraus mitzutheilen.

Jmmermann nimmt vier Erziehungsmittelder damaligen Zeit an: die Familie, die Lehreund Literatur und den Despotismus. Wirwollen nur Einiges anführen, was er vomEinflüsse der Literatur sagt. „Gerade wegenihres stofflichen und subjektiven Charakters wardie Literatur besonders geeignet, Trösterin ei-nes zerdrückten Volkes zu sein. Die Deutschenhatten in jenen Leidensjahren nur in ihrengroßen Dichtungen das Evangelium, welchessie zur Gemeinde machte, sie über der materi-ellen Noth emporhielt. Das Verhältniß, inwelches sich die Jugend zu den großen Schrift-stellerw setzte, war ein leidenschaftlicher Liebes- j

bund. Besonders zu Schiller und Goethe."kleben jenen äußert er sehr treffend: „Schillerhat das eigenthümliche Genie besessen, schein-bar die Gestalten der Welt heraufzubeschwörenund sie doch so im Feuer des Begriffs aufzu-lösen, daß sie Schatten glichen, die nun einJeder erst mit seinem wärmsten Herzblut trän-ken mußte, um die edlen bleichen Lippen fürsich zum Reden zu bringen. Schillern ist dieWelt dunkel und in dieser Dunkelheit läßt ereinige Figuren ohne individuelle Züge, abervon glänzender Durchsichtigkeit erscheinen. Ge-rade diese erhabene Transparentmalerei mußtedem Sinne der Jugend am mächtigsten zuspre-chen, aber die Zeit ist nicht mehr fern , woSchiller wie Herder Männern keine Nahrungmehr geben wird."

Es wird sodann ein Resume der Stim-mung und des Bildungsganges der Jugend,wie er sich unter den Zeiteiustussen gestaltete,gezogen. „Die Jugend erhielt Energie, dennein Übermenschlich-menschliches trat vor ih-ren Blick. Um vor diesem Koloß nicht zu ver-dunsten, mußte ein Jeder sein bischen Muth,sein Restchen Eigenes zusammennehmen. Aberjenes Übermenschlich-menschliche wirkte nurwie eine gewaltige Naturerscheinung, außerder Regel, zu kurzer Dauer vorbestimmt. Nie-mand knüpfte an dies Phänomen sittliche Aus-sichten, Hoffnungen einer durchgreifenden so-cialen Gestaltung. In Muth und Zweifel,Fassung und Aberwitz, Spott und Verwunde-rung waren die Gemüther auseinandergebro-chen; zwischen diesen Trümmern hin blühtewieder das Reinmenschliche in einfacher Blume.Die künstlichen Mischungrn, womit der Friedeseinen Gartenflor ausstattet, die feinern Quä-lereien der Seele konnten in jener Zeit wenigcultivirt werden, welche zwischen Konskription,Kriegssteuer, Einquartierung hin- und herge-schüttelt wurde. Alle Conflikte bezogen sichaufs Oeffentliche. Das Privatleben bildeteeinen einfachern Hintergrund. Das ganze Le-ben war einem Palimpsest zu vergleichen, ausdem die alte Kanzleischrift durch die darüberaufgetragenen glorreichen Züge hindurchschim-merte. Die Jugend wurde vom Gewicht dis-parater Vorstellungen noch inniger ergriffen,als das Alter. Sie empfing vom Kriegs- undWeltsturm reine, für die ganze Zukunft be-stimmende Eindrücke. Während die Lehre ihrdas Faßlichste bot, die Familie sie lyrischstimmte, die Literatur sie an tugendhafterHand ins Weite führte, riß das Größeste, Un-faßlichste ihre Seele auseinander, brachte dieschneidendste Skepsis, die wunderlichste Curvej hinein. Das Leben half die deutsche Jugend

erziehn. In phantastischer Energie des Hassesentlud sich ihre Stimmung. Sie lebte mehr instarken Vorstellungen als in umfassenden, mehrin Gefühl und Entschluß als in Verstand."

Fichte ist eine eigene Betrachtung geweiht,„weil seine Energie an dem Hauptbrennpunktenorddeutschen Lebens thätig war, weil sie inder wirksamsten Weise in populairen Vorträ-gen auftrat und weil sie zu den erregendstenPotenzen der Zeit gehörte." Als besondersbedeutsam für denselben wird der Widerspruchzwischen Charakter und Erkenntnißvermögenbezeichnet. Der Charakter habe das Erkennt-nißvermögen gezwungen zu sehen, was erwolle, dadurch es verwirrt und in Wider-sprüche verwickelt, die er rechtschaffen genuggewesen einzugestehen. Seine Erscheinung habeetwas Gewaltsames, obschon heroisch Gewalt-sames. „ Kant hatte leise die Wände des Hau-ses, das etwas von einem Kerker hatte, aus-getastet und zwischen den schmucklosen Mauernmit dem kategorischen Imperativ sich zu helfengesucht. Fichte wird unruhig im Gefängniß,er dreht die Sache um; das gefangene Ichschafft als absolute und primitive Thätigkeitdas Nicht-Ich der Welt, die als doppelteSchranke des Denkens und Thuns ihm ent-gegentritt." -„In Fichte's System wird

nichts gesunden, wobei man auf die Dauerverweilen möchte. Aber in die Praris gehörtein so heftiges Walten. In den populairenNedew hatte er das rechte Thema für seinenstrengen, stolzen, zarten Geist gefunden. Eindeutscher Gelehrter wagte mit Napoleon in denKampf zu treten. Der Held des Geistes bietetdem Helden der Materie die offne Feldschlacht,in welcher Assertionen und Syllogismen gegenKanonen und Bajonnette streiten. In ihm cul-minirt der herbe keusche und doch gewaltsameGeist, der berufen war, nicht einen Schachtder absoluten Wahrheit von lange nachhaltigerAusbeute aufzudecken, sondern für die Prarisden Ausgangspunkt aufzuzeigen, den alle Bes-sern suchten." —>

Für den zweiten Theil werden düffeldorferAnfänge, dramaturgische Erinnerungen undvielleicht auch einige Reisegeschichten verheißen.

Fragment

aus

„Nostradamus unter den Liliputanern"

von R. O. Conseiltills. '

(Bcschl u ß.)

Und es lächelte der Satan:

„Nimm das Wort nur nicht zn wörtlich!