Aufenhalt am Genfersee.
Von K. Graf Dyhrn.
Die Ufer des Genfersees gehören für einenNordlander zu den classischen Gegenden, undin jenen Zeiten, als nur erst einzelne, vonGlück und Geist begabte Zugvogel die unweg-samen Pfade über die Mauer, durch welche Ita-lien seine Schöne vor dem Nordwinde schützt,überwanden, war für die zahlreichere Hälfte derReisenden der Lemansee ein würdiges Ziel ih-rer Sehnsucht. Hier hat von jeher eine ausge-zeichnete Cultur geherrscht, und zu den Na-turschönheiten gesellten sich berühmte wissen-schaftliche Anstalten, welche besonders im vo-rigen Jahrhundert viele reiche Deutsche undEngländer zur Vollendung ihrer Studien her-beiriefen. Keine Heroenschatten aus den blu-tigen Kämpfen der Menschheit begleiten unsin dieses lebensvolle Paradies, aber desto be-deutendere aus jenen Kämpfen des Geistes,welche uns, ohne äußere Spuren der Zer-streuung zu hinterlassen, die ewig dauerndenReiche erobert haben, und Namen wie Calvin,Rousseau, Voltaire, Gibbon, Saussure, Staelund Bonstetten würden auch einer minder schö-nen Gegend geschichtlichen Glanz verliehen ha-ben. Wie beneideten wir hier jene Glücklichen,welche grade jene Umgebung als Gegenwartgenossen und darin des spätesten Nachruhmssich bewußt sein konnten.
Wir machten Genf zum Ausgangs - undVereinigungspunkt aller unserer vielfältigenWanderungen.
Diese Stadt bot uns einen interessantenGegensatz zu dem eben verlassenen, in allenFarben des Jahrhunderts spielenden Parisdar. Die 6ens <lu baut waren sonst als Zelo-ten verrufen, und wenn sie auch in politischerund religiöser Hinsicht weit milder, als zuRousseaus Zeiten geworden, so können sie dochauch heute noch nicht eine gewisse stolze Pe-danterie verleugnen; man möchte sie eineFamiliengesellschaft republikanischer Aristokra-ten nennen. Freilich aber kann diesseits derAlpen keine einzelne Stadt so stolz auf sichselbst sein als Genf, und keine hat, ohne daßsie sich auf einen großen Staat gestützt, einesolche Bedeutung in Europa gewonnen. DasLosreißen von Savoyen und ihre Kämpfe mitdiesem mächtigen Nachbar erschufen Thaten,welche von schönstem Patriotismus zeugen; dieAusnahme Calvins stellte ihr Konsistorium andie Spitze seiner Kirche, und durch die Pflegeder Wissenschaften, den Schutz, den sie denvertriebenen gelehrten Hugenotten angedeihenließ, hat sie sich einen Ruf der Bildung ge-
gründet, der so viele ihrer Bürger und Bürge-rinnen glänzende Stellen im Auslande findenließ. Es wird wenige Höfe im Norden geben,unter deren Erziehern nicht ein Genfer anzu-treffen gewesen wäre. Dazu kommt noch dieglückliche Lage zwischen Italien, Frankreichund der Schweiz , die es ihren thätigen Kauf-leuten möglich machte, die Produkte des eig-nen Gewerbsteißes leicht abzusetzen, und denTransitohandel aus jenen Ländern vortheilhaftan sich zu bringen. Es ist bekannt, daß eingroßer Theil der berühmten genfer Uhren aus-wärts und besonders in den Gebirgs-Dörferndes Herzogthums Neufchatel verfertigt werden.Mit der Schweiz sind sie jetzt politisch undschon länger, durch viele Seiten ihres We-sens verbunden, mit Frankreich nur durch dieSprache, denn obwohl dieses Band auf innereVerwandtschaft zu deuten scheint, so besitzensie doch etwas, welches den, sonst in vielerHinsicht ihnen überlegenen, Franzosen gänzlichfehlt, und sie wesentlich von ihnen unterschei-det, das deutsche Gemüth. Besonders dasLandvolk um Genf mag zu dem Besten undCultivirtesten gehören, wenigstens verbindetes, dem Anscheine nach, die deutsche Treuher-zigkeit mit der französischen Höflichkeit.
Außer diesen allgemeinen Bemerkungenkönnen wir über die Stadt selbst nichts weitersagen, da für uns die Umgebungen das Se-henswertheste waren. Im botanischen Garten,der eine vollständige üora alpensis enthält,interessirte uns, da wir der Botanik leiderdurchaus unkundig sind, die in den schönenMorgenstunden dort wandelnde Flora desThals mehr, als die Kryptogamen der Alpen,und das Museum Rath, das diesen Namenseinem freigebigen Stifter, dem russischen Ge-nerale Rath, einem genfer Bürger, verdankt,erschien uns nicht bedeutend genug, um unsereAufmerksamkeit von der Natur abzuziehen.Der herrlichen Gegend war alle unsere Zeitgewidmet, und die Promenaden auf und nebenden alten Wällen blieben unser liebster Aufent-halt. DerHimmel war uns günstig; so schlechtdas Wetter bei unserer Ankunft gewesen, soschön blieb es doch die folgenden Wochen, unddie wundervollen milden Herbstabende, in de-nen der reinste Himmel sein sternenhelles Dachüber den weiten Halbkreis nebeldunkler Ge-birge ausgespannthatte, und der ruhig fluchendeSee, der diese Lichtpunkte aus feuchter Tiefewiderstrahlte, dies ganze schöne und erhabeneSchauspiel, das die Natur hier in wechselndenBildern bietet, wird gewiß nie aus der Er-innerung dessen schwinden, der es einmal er-schaute.
Unser erster Ausflug war nach Fernay ge-richtet, welches jetzt zum französischen Gebietegehört, und mit allen seinen einladenden Woh-nungen und den großen Fabrik- und Wirth-schaftsgebäuden eine Schöpfung Voltaires ist.Ein alter Gärtner, welcher ihn noch gekannt,führte uns zuerst in den Park, und verfehltenicht, unter dem Berceau, in welchem Voltairebei schönem Wetter zu arbeiten Pflegte, unsdie Anekdote von der ersten Begegnung desfranzösischen Autors mit Gibbon sehr redseligzu erzählen. Gibbon, welcher in Lausannewohnte, hatte Herrn von Voltaire, ohne ihnpersönlich zu kennen, durch einige scharfe Witzebeleidigt, und war daher nie nach Fernay ein-geladen worden; doch getrieben von Neugierde,den größten Schriftsteller seiner Zeit wenig-stens zu sehen, bestürmte er den Gärtner, denVater unseres Führers, mit Bitten, ihn ein-zulassen, wenn sein Herr dort allein prome-nirte. Dieser gab endlich nach, und führteden englischen Geschichtschreiber unter den Ber-ceau, in welchen der Philosoph alsobald ein-treten würde. Gibbon drängt sich in die volleLaubwand, erwartet so ungesehen die Ankunftseines Gegners, und als Dieser nahe ist, tritter vor, geht stumm um ihn herum, betrachtetihn genau von allen Seiten, und entfernt sicheben so sprachlos. Doch kaum ist er an demThore des äußeren Hofes, als ihm eilig derGärtner nachkommt, und ihm berichtet, Vol-taire hätte ihm befohlen , einen Franken vondem fremden Herrn zu fordern, weil er ihnIn grosse lr^te 6e l'bmrnpe hätte sehen lassen.Gibbon greift sogleich in die Tasche und über-reicht dem Gärtner 3 Franken, mit der Forde-rung, tu gr0886 bete jetzt noch einmal so langebetrachten zu können. Als dieser seinem Herrndiese Antwort bringt, ruft Voltaire: il kautcecker ü I'68prit cke cet^llglai8, holt selbst Gib-bon in sein Cabinet und seitdem war letztererein häufiger Gast in Fernay. Wenn wir dieseAnekdote nicht genau so wieder berichtet, alsder Gärtner sie erzählt, so trägt die Schuld un-serer Unaufmerksamkeit die wundervolle Aus-sicht, welche wir von dem Berceau auf denSee, das Genferthal und die ferneren Savoyer-alpen genossen. Leider waren die höchstenSpitzen jetzt mit Wolken Gedeckt. Bei derStelle der jetzt verschwundenen Einsiedelei, inwelcher Voltaire seine Werke dictirte, wenner sein Schloß voll störender Gäste hatte, stehtein von ihm selbst gepflanzter Baum, dessenStamm alle Fremden, besonders die Englän-der, ein Stückchen Rinde rauben, so daß erbei seinem geschälten und zerkratzten Aussehennur durch ein Wunder erhalten zu werden