Band 
1840, Juli-Dezember.
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Seite
483
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Allgemeine Revue der einheimischen und ausländischen

Literatur- «ns Völkerzuftärr-e.

Herausgegeben von der Redaction-es Freihafens.

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(Ausgegeben am 3. September 1840.)

Verlag von I. F. Hammerich in Alton«. ^

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^ Druck von B. G. Teubncr in Leipzig.

Inhalt: Literatur: Parabeln von Theodor Schwarz. -— De Marle's Beweggründe zum Uebertritt zur evangelischen Kirche. — Französische Tageszustande(Beschluß: Die Juliussäule und die Feierlichkeiten bei ihrer Enthüllung. Stimmung über die Quadrupel-Allianz. Die Verhältnisse des Osfizierstandesin Frankreich. Statistik der Verbrechen. Neueste Literatur). — Die Auflösung der Reaction im Kanton Tessin (Beschluß). — Gedichte v.TH. Opitz. —Vermischte Nachrichten. (Aus Paris: Vertheilung der Preise. Aus Floreuz: Dante'ö Portrait. Carl v. Holtei in Steiermark. Kunstsinn in der Provinz.

Neueste Literatur.)

Literatur.

Parabeln von TheodorSchwarz. Ham-burg/ 1840.

Parabeln von einem christlichen Theologen,wie Theodor Schwarz ( als Dichter unter demNamen Theodor Melas rühmlich bekannt),ziehen schon darum die Aufmerksamkeit aufsich, weil sie sogleich an die Parabeln in denEvangelien des neuen Testamentes erinnern.Die Parabel gehört zur didaktischen Poesie.Aber so wie jede poetische Gattung ihre ewigenUr- und Musterbilder hat, sowie im Epos ^ein Homer, im Drama ein Shakespeare, in derLyrik ein Goethe noch unübertroffen dastehen,so sind für die Parabel — man erlaube unshier diesen ästhetischen Gesichtspunkt — die ^Gleichnisse des N. T., sowohl was den Inhalt,als was die Form betrifft, noch unübertroffeneund nie zu übertreffende Ideale. Aber ebenweil sie es sind , erwecken sie in uns die Be-gierde nach ähnlicher Speise, sowie ja über- ^Haupt jedes Vollkommene die Begierde nach idem ihm Gleichen oder wenigstens Aehnlichen !erweckt. Wie befriedigen nun die Parabeln !von Th. Schwarz diese Begierde? Sind sie !ihres Ur- und Musterbildes würdig? — Wir ^freuen uns, diese Frage mit Ja beantwortenzu können. Denn mit Ausnahme einiger We- ^nigen athmen diese Parabeln die tiefste, ächt ^

christliche Lebensweisheit, und was die Formbetrifft, sind alle vollendet zu nennen. EinigeBeispiele:

Der Herr des Lebens ging einst mit seinen Jün-gern durch die reisenden Saatfelder und sie streiftenAehren aus, um ihren Hunger zu stillen. Da spra-chen die Kornähren alle zum Herrn: „ Gerne speisenwir dich und deine Jünger mit unserer Kraft, da ihrdas Brod des ewigen Lebens allen Menschen bringet;aber wie mancher Unwürdige schneidet unsere Halmenab und nähret sich von unserem Mahl. Herr, wehreihnen das, und laß uns wachsen zu deiner Ehre,um nur den Redlichen eine Speise zu sein!" DerHerr des Lebens aber antwortete den Kornähren:„Meine geliebte Saat, immer doch bleibst du ein Bildmeiner Güte und ein Gleichniß meiner Barmherzigkeit,die über Gottlose wie über Fromme ausgeschüttetwerden; diesen zum Dankopfcr, jenen zur Gnaden-frist. — Also blühst du mir doch immer zur Ehreund giebst zum Segnen deine heilige Frucht her.Darum sei getrost, mein geliebtes Korn, und wachsefröhlich aus der Erden Schooße und gleiche auch darindeinem Schöpfer, daß du hundertfältig wucherst, demUnwürdigen, wie dem Würdigen, dem Bösen, wiedem Frommen! Bleibst du doch, was du bist, wie-wohl der Sanftmüthige dich nur besitzet und derDankbare in dir nur das Brod des ewigen Lebensfindet." So sprach der Herr, aber die Kornährenalle neigten sich tiefer und verstummten über das großeWort des Lehrers.

Ein anderes Beispiel:

Jesus spielte als Kind einst am Sabbathtage mitmehrern Knaben am Bache zu Nazareth. Sie kne-teten mit den kleinen Händchen im weichen Thone undmachten sich daraus allerlei Bilderchen. Der eine

machte sich ein Pferd, der andere einen Esel, derdritte einen Elephanten, der vierte ein Schaaf. Derkleine Jesus aber machte aus dem weichsten Thonezwölf Vögelchen, gedenkend der zwölf Stamme Is-raels. Ein Nachbar sah ihren kindischen Spielen zuund lief zu Joseph dem Zimmermann und rief ihmzürnend entgegen: „Wie doch erziehst du dein Kind,daß es Werke, unnütze Werke thut am heiligen Sab-bathtage. Komm und schaue, wie es mit den andernBuben am Bache sitzt und im Thon knetet! Gottlos,sehr gottlos ist sein Beginnen." Joseph lief eilendszum Bache hin und rief schon aus der Ferne dem klei-nen Jesus -entgegen, der harmlos da knetete: „ O,du gottloses Kind, was machst du mit den bösen Bu-ben am heiligen Sabbathtage? Hüte dich, daß nichtdes Herrn Zebaoth Zornfeuer dich verzehre!" —Das Gotteökind aber sah sich um und sprach: „ Wasist's?" und klatschte gar fröhlich in seine Händchenund rief: „Flieget hin ihr Vöglein alle und lobetmeinen Vater im Himmel!" Und die zwölf Vöqelwurden alsbald lebendig und entfalteten ihre Flügelund flogen hin und sangen in hohen Lüften ihr Lob-lied dem Herrn, Herrn! Erstarrt vor Schreck standder Nachbar da, Joseph aber betete an, und dasGotteskind lief frohlockend zu seiner Mutter Maria.— Das Göttliche im Menschen meistere nicht nachdem Gesetz, denn es ist des Gesetzes Meister!

Eben so vortrefflich, wie diese beiden,sind die Parabeln: das Gebet des Tropfens;das Adlernest; der Graf und die Spinne;der Todtengräber; die Sonnen-Schau; derWeinstock und die Distel; das erste Gebot;die Sibylle; der König und die Thiere; dasMeer und die Auster; der Jäger, die Gemseund der Felsborn; das tröstende Wunderbild;