Band 
1840, Juli-Dezember.
Entstehung
Seite
606
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578

Gestrüpp mühsam Bahn, gerade nach jenerStelle hin.

Jetzt war es ihm, als höre er wenigeSchritte vor sich verschiedene Stimmen, aberda hinderte Plötzlich ein breiter und, wie esschien, sehr tiefer Wassergraben das Vorwärts-bringen. Vergebens forschte er nach einer Ueber-gangsstelle und der Verzug steigerte seine Angstimmer höher. Endlich war er doch noch glück-lich genug, mittelst einiger überhangender Aestedas andre Ufer zu gewinnen. Hastig stürzteer weiter; noch wenige Schritte, es lichtetesich der Wald und er überschaute einen klei-nen freien Platz, der ihm aber das traurigsteSchauspiel bot.

Mit schwerverletztem Haupte sah er seinenFreund Otto am Stamm einer Eiche auf demBoden ruhen. In dumpfer Verzweiflung knietesein zweiter Freund, Friedrich, neben demVerwundeten und der Arzt, der bis jetzt mitletzterm beschäftigt gewesen war, erklärte denandern Anwesenden so eben, daß es leider keinebloße Ohnmacht mehr sei, sondern der Todselbst, der den Getroffenen umfangen hielt.Blanken see überzeugte ein einziger Blick,den er auf des Getödteten schrecklich entstelltesAntlitz warf, von der Lage der Dinge.

„Also kam ich doch zu spät?" sagte er fin-ster mehr zu sich selbst, als zu den Andern.

„Betrachteden"— entgegneteihm Ernst,des Erschossenen Secundant, indem er aufFriedrich deutete, der durchaus nichts mehrvon Allem zu wissen schien, was um ihn hervorging — „betrachte den und Du wirst Dirjeden Vorwurf und jede Bemerkung ersparen.Ich habe gethan, was ich nur vermochte, umdie fatale Geschichte zu verhindern; aber dasie denn einmal geschehen ist, so wäre doch dasBeste, auf unser Aller Sicherheit zu denken."

„Es ist entsetzlich! daß ich nicht wenigeMinuten früher kommen konnte," sagte Blan-k e n se e.

„So würdest Du tauben Ohren gepredigthaben, so gut wie ich" — entgegnete Ernst.„Gut ist's nur noch, daß das Unwetter ein-brach, so geht die ganze Sache vielleicht ohneEntdeckung vorüber."-

Der Leichnam war nach dem Wirthshausegebracht worden, und nachdem alle Anstaltengetroffen, nachdem alles Nöthige verabredetwar, um den Vorfall geheim zu halten, kehrteBlankensee mit Ernst nach der Stadtzurück.

2 .

Friedrich, der aus einer geringen Ur-sache mit seinem besten Freunde in Streit ge-rathen war und ihn erschossen hatte, war frü-her, wenn auch jugendlich phantastisch, doch

immer heitern, sorglosen Sinnes gewesen.Wenigstens hatten ihn seine Bekannten nur vondieser Seite gekannt. Aber das letztere Ereig-niß schien nun auch einen um so mächtigernEindruck auf ihn gemacht zu haben. Er warschwermüthig geworden, der gemordete Freundkam ihm nicht aus dem Sinne, er hielt sichvon seinen übrigen Freunden entfernt, suchtedie Einsamkeit und man glaubte, es habe sichein stiller Wahnsinn seiner bemächtigt. Blan-kensee, der früher Umgang mit ihm gepflo-gen hatte und ihn jetzt so wenig als jeden An-dern sah, lenkte das Gespräch aus jene Ver-hältnisse, als er nach wenigen Wochen mitErnst auf einem Spaziergang begriffen war.

„Es ist nicht der Mühe werth," sagteErnst, „viel über die Sache zu reden. Dennbeide, der Todte wie der Ueberlebende, wa-ren sehr langweilige Schwärmer und verleug-neten ihren Charakter auch im letzten Augen-blicke nicht. Die Andern zerbrachen sich da dieKöpfe über ihr seltsames Benehmen, aber ichbin überzeugt, daß nichts Besonderes dahin-ter steckt."

„Was fiel damals vor?"

„Als Otto schon dem Tode nahe war,flüsterte ihm Friedrich, der neben ihm kniete,einige Worte in's Ohr, die niemand von unsverstehen konnte. Der Sterbende aber, derFriedrichs Hand krampfhaft ergriffen hatte,sagte sehr vernehmlich: „Ich halte Wort!"Und dies war auch das letzte, was er sprach,denn im nächsten Momente war er nicht mehr."

Blankensee, der mit dem Thun undTreiben jener beiden Freunde bekannter gewe-sen war und auch wohl Theil daran genom-men hatte, konnte sich die Sache leicht erklä-ren.—- „Beide," sagte er zu seinem Beglei-ter, „gefielen sich in mystischen Träumereienund nach dem, was Du mir erzähltest, wundreich mich nicht mehr über Friedrichs Zu-rückgezogenheit. Der Umgang mit uns Allenkann ihm nicht mehr genügen, denn er erwar-tet jetzt wahrscheinlich einen Besuch ganz be-sonderer Art."

„Wie soll ich das verstehen?"

„Nun, der Umgang mit gewöhnlichenMenschen genügt ihm nicht mehr, weil er ei-nen Geisterbesuch erwartet. Lache nur immer-hin, aber es ist, Wie ich sage, —Fried-r i ch erwartet ganz zuversichtlich einen Besuchdes erschossenen O t t o."

„Das ist wahnsinnig."

„Ungewöhnlich ist es. Aber es giebt jadoch weit tollere Grillen unter den Menschenund niemand nennt sie wahnsinnig. Erfreulichist es wohl nicht, wenn junge Männer nichtsBesseres zu thun wissen, als auf solche Weise

überirdisch zu schwärmen; aber dies ist auchmehr eine Zeitkrankheit und die Kranken sindvielleicht am wenigsten schuld daran. Man hatihnen ja kein andres Feld, wo sie sich frei er-gehen mögen, übrig gelassen. — Ich kamdazu, als einst Jene so eben einen förmlichenVertrag abgeschlossen hatten, in Folge dessender zuerst Sterbende dem Ueberlebenden einmalin freundlicher Gestalt wieder erscheinen sollte.An der Möglichkeit zweifelten sie überhaupt garnicht und so ungläubig ich war, mußt' ichdoch ernsthaft aussehen, wenn ich nicht zweiFreunde auf einmal verlieren wollte. Sieh,dies gegenseitige Versprechen werden sie zuletzterneuert haben."

„ Wenn ich sie auch immer für überspannthielt", sagte Ernst, „so hätt' ich sie doch nim-mer für so kindisch gehalten. Besonders dieClausel „in freundlicher Gestalt" hatetwas Mädchenhaftes. Ist Dir schon eine ähn-liche Narrheit vorgekommen? Vielleicht könn-ten wir den erwartungsvollen Geisterseher durchein künstliches Gespenst heilen, was wir ihmerscheinen ließen, versteht sich, in freundlicherGestalt."

„Du thust ihm dennoch Unrecht", entgeg-nete Blankensee. „Das schlimme Ereignißmuß seinen jetzigen Zustand und seinen Aber-glauben entschuldigen. Er besitzt sonst einenausgezeichnet hellen Verstand, den die erregtePhantasie nur momentan gefangen halt; dieZeit wird jenem schon den Sieg erringenlassen."

„Ein köstlicher Verstand, der sich so über-tölpeln läßt! es ist zu arg! was soll ich vondemjenigen denken, der solch einfältiges Zeugzu glauben vermag? Eine Erscheinung nachdem Tode! Es kommt weit mit uns: einMensch mit ausgezeichnet Hellem Verständeschwört auf die albernsten Ammenmährchen."

„Ich sage, Du thust ihm Unrecht; gewißwürdest Du den armen Fri edrich recht liebgewinnen, wenn Du nähern Umgang mit ihmhättest."

„Was soll ich von einer gegenseitigenFreundschaft halten, die keine bessern Früchtetrug, als tolle Ideen? Behüte mich der Himmelvor einem solchen Freunde! Das Erste wärenatürlich, daß ich ihm schwarz auf weiß meineGeistererscheinung versprechen müßte."

Das Gespräch ging jetzt auf einen andernGegenstand über und bald darauf schieden dieFreunde von einander. Blankensee dachteernstlich daran, wie er den Schwärmer vonseiner krankhaften Idee heilen und für andreGedanken empfänglich machen könnte. Er sahein, daß dies sehr behutsam und durch schein-bares Eingehen in die nämliche Idee geschehen