74 Freundschaftliche
Wahre Weisen denken nicht so; sie fürch-ten die Sorgen, der sie sich unterwerfen,weniger als die Pflichten, die sie sich da-durch aufladen: ihr Gewissen schrecket siemehr, als die Schwierigkeit, denen zu ge-fallen, die sie beurtheilen werden. In al-lem was sie umgiebet, und was sie schmeich-let, würden sie sich aller anderer Freudeschämen, als das recht zu leisten, was ih-nen aufgetragen worden. Die Unzufrie-denheit des Volkes betrübet sie nur, in soweit sie ihr Gewissen billiget. Wann die?fts zufrieden ist, so sind sie gleichfalls ver-gnügt. Was hat man von den Menschenzu fürchten, wenn man sein Gewissen nichtzu fürchten hat.
Dieses erhebet sie über alle Unqlücks-Fäl-le: es ist kein anderer Grund ihrer See-len-Ruhe, und kan keilt anderer seyn. Sieerzürnen sich nicht über die Blindheit desGlückes: sie werden es nicht sehend machen,weil es von Natur blind ist: Sie werdenes sehen an der Porte des unwürdigstenanklopfen, nachdem es die ihrige zugeschlos-sen, ohne sich über diesen Vorzug, der eineFolge seiner Unbeständigkeit ist, zu betrü-ben.
Nichts soll uns weniger in Verwunde-rung setzen, als der Unbeftand des GlücksM seinen,Erhebungen und Erniedrigungen:
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