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Freundschaftliche Lehren / aus dem Französischen übersetzt
Entstehung
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§2 Freundschaftliche

In der kurzen Zeit unsers Lebens, da-von wir den einen halben Theil anwenden,zu lernen, wie wir denken sollen, und denandern, an nichts zu denken; in dieserVerwirrung von Freude und Mühe, dieden Menschen ihm selbst entreiffet: in die-ser Menge verschiedener Begebenheiten, dieunsere Leidenschaften zeugen, haben weni-ge Ruhe, oder Fähigkeit genug, an dieVortheile eines Mittel-Standes denken zukönnen.

Noch wenigere sind von dem Irrthumeund den Vorurtheilen genugsam befreyet,um diesen Stand zu ergreifen; es ist leich-ter und gewöhnlicher, nach Reichthum zustreben, und sich gänzlich damit zu beschäf-tigen, es gehe dann, wie es wolle. Manlebet der Hofnung denselben zu erlangen,und im Besitz desselben lange zu bleiben:das erstere wiedersähet selten, und das letz-tere niemahls.

Es ist eine Folge der menschlichenSchwachheit, daß wenige glückliche Reichesind, die ihren Reichthum zu gebrauchenwissen: die, so ihn besitzen, wenden ihnauf den Pracht und ihr äusserliches Ver-gnügen, anstatt daß sie sich damit wahreFreuden verschaffen sollten; solche Freuden,die sie mit einer Wollust erfüllen könnten,Md ihnen eine göttliche Verehrung zuwege