Band 
Dritter Theil: Die neuere Geschichte.
JPEG-Download
 

Johann Calvin.

89

Vorbildung bald auf cinc verkehrte Ansicht des Christenthumes kommenmußte, welches ihm ohnehin nur von der theoretischen Seite bekanntwar. Er wandte sich nach Gens. Die furchtbare Ausgelassenheit,die daselbst in Folge des Umsichgreifens Zwingli'schcr und andererLehren eingelassen war, erweckte in ihm den Plan, die Stadt durchdie höchste, finsterste Strenge zu größerer Sittenrcinheit zurückzuführen.Hiebet kam ihm die von ihm ausgebildete Lehre von der Voraus-bcstimmung (Prädestination) des Willens, welche eine beinahe sklavischeUnterordnung des Willens und die Vernichtung der menschlichenFreiheit zur Folge hatte, trefflich zu statten. Nachdem er zuerst 1538wegen seiner Strenge verbannt, dann aber wegen der steigendenAusgelassenheit der sogenannten Libcrtins 1541 nach Genf zurück-gerufen worden war, wurde er zuletzt völliger Gesetzgeber der Stadt,dem Jung und Alt gehorchte. Die katholische Kirche ward ausge-rottet und eine völlige Umänderung des Lebens eingeführt. Erst ver-pflichteten sich die Genfer freiwillig, sich seiner Lehre zu unterwerfen;nachdem dieß geschehen, trat Zwang ein. Täglich mußte jeder dreiPredigten hören; um 4 Uhr Morgens weckten die Glocken die Ein-wohner, um 9 Uhr ging mail zu Bette. Kein Tanz, kein Vergnügenwar erlaubt; die Zahl der Speisen, die Geschenke des Bräutigamsail seine Braut, Putz und Haarschmuck der Frauen waren vorge-schrieben; Kerker, Pranger, Staubbesen, Tod wurden die gewöhn-lichen Zucht- und Bildungsmittel; zwcinndachtzig Frauenzimmer wur-den unerlaubten Haarschmucks wegen eingesperrt, Jaques Gruet,übrigens der scheußlichste Lästerer, den die Geschichte kennt, gehängt1548; der Arzt Michael Servct nach dem Gutachten sämmtlicherprotestantischer Theologen, auch Mclanchthon's, verbrannt 1553;dreizehn Jahre später Valentin Gentilis zum Tode vcrurtheilt,weil er Calvin in der Lehre über die Trinität eines Irrthums ge-ziehen. Die Hinrichtungen geschahen übrigens auf dem ehemaligenHochaltare der Kathedrale, den der Generalkapitän Perrin seinemZwecke, Opferheerd eines unblutigen Opfers zu sein, entriß, und zudiesem Zwecke bestimmte. Eben so wenig als Männer einer entge-gengesetzten protestantischen Richtung wurde der milde und tugend-reichc Franz von Sales, Bischof von Genf, in der Stadt geduldet;man fürchtete gleich sehr große Tugenden und große Laster. DieBedeutung voll Genf zu erhöhen, kam hinzu, daß die Stadt, seitdemKönig Franz I. die Neuerer verfolgte, der Sammelplatz religiöserund politischer Flüchtlinge wurde; hier bildete sich erst eine französische,dann auch eine englische, spanische, italienische Gemeinde, deren Mit-