90 l Zeitalter der Kirchmtrenmmg.
gliedcr vor Begierde brannten, ein neues Genf in ihrem Vaterlandeeinzurichten.
Mehr als man gewöhnlich annimmt, hat zu der dreifachen Ver-schiedenheit der Reformation die Verschiedenheit der Charaktere Luther's,Zwingli's und Calvin's beigetragen; Luther, aufbrausend und jäh-zornig, ungeschlacht, aber von starkem, obgleich einseitigem Glauben,und gegen das Ende seiner Tage den Strom wieder zu bändigengeneigt, den er zum Ueberfluthen veranlaßt, hinterließ seinen An-hängern gleiche Intoleranz wie Starrsinn, und ein System vonGlaubenslehren, welches seinen willkürlichen Ursprung durch den an-genommenen Namen des Wortes Gottes am wenigsten vor denenverbarg, welche gleichen Beruf wie er für sich in Anspruch nahmen.Zwingli, wohl der charakterloseste der drei sogenannten Reforma-toren, wandte sich noch mehr als Luther von der positiven Religionhinweg, setzte an die Stelle der Kirche die Polizeianstalt des Staates,und überließ es Jedem, mit einer gewissen bürgerlichen Moral, diesich selbst nie vergaß, auszukommen; Calvin, unerträglich, grollend,herrschend und schneidend im Urtheil, wie in Handlungen, ohneSchonung und immer zum Aeußcrstcn geneigt, drückte seiner Sekteeinen Stempel eigener Art auf, den sie nie und nirgends verlor,eine hochmüthige Unduldsamkeit, die unter dem Scheine der Religions-freiheit ausschließliche Herrschaft verlangte, und konsequent und eifrigdurchzusetzen suchte.
An Originalität und Genialität weit unter Luther übertraf diesenCalvin ebenso sehr an logischer Konsequenz, an Korrektheit des Stylsund an Tiefe des Studiums. Luther wirkte durch den Reiz derNeuheit, welcher einen gewissen Enthusiasmus zu verbreiten vermochte.Calvin, in anderer Stellung, zum Theil nüchternen Verstandes-menschen, zum Theil ausschweifenden Leuten gegenüber, wirkte durcheine gewisse Ascetik des Denkens und des Lebens. Erbe der vonLuther ausgegangenen Bewegung, beantwortete er die von Luthernicht gelöste Frage über die Freiheit des Willens durch seine Prä-dcstinationslehre, die wenigstens strenge Folgerichtigkeit für sich hatte,und beschränkte so glücklicher als jener durch ein mehr abgerundetesSystem den Geist der Widersetzlichkeit gegen seine Autorität. Da-durch vermochte er auch seiner Lehre ein Ansehen zu geben, daß siefast in jedem Konflikte mit dem Lutherthume den Sieg davon trug,da das bloß Verstandesmäßige über das Willkürliche zuletzt noth-wendig siegen mußte. Auch sprach der Calvinismus durch sein strengesFesthalten au einer sichtbaren Einheit in religiöser Beziehung gegen-