Band 
Dritter Theil: Die neuere Geschichte.
JPEG-Download
 

104

I. Zeitalter der Kirchentrenmmg.

Noch vor der Hälfte dieser Zeit ging die gegebene Prophezeiungin Erfüllung.

Um die Mitte des August flößte die Gewalt des Podagra's,dem die Gewalt des starken Körperbaues sichtbar nachgab, demKaiser ernste Gedanken an das Sterben ein.

Am dreißigsten August verlangte Karl, daß ein Bildniß derKaiserin, seiner Gemahlin, von der er mehr als eines in seinerSammlung besaß, zu ihm gebracht würde. Eine lange Zeit hindurchbetrachtete er die schönen Züge, „„als ob,"" sagt der Ehronikschreiber,„„er die Kaiserin anflehen wollte, ihm in den himmlischen Wohnun-gen, wohin sie gegangen war, einen Platz zu bereiten.""

Darauf ging er in die Betrachtung eines andern Gemäldes vonTitian über, den Todeskampf Jesu in Gethsemane darstellend, undvon diesem auf jenes meisterhafte Erzeugnis^ desselben Künstlers, diesogenannte Gloria, welche in der Klosterkirche über dem Hochaltargehangen. Er starrte lange und mit einer leidenschaftlichen Aufge-regtheit auf das Gemälde. Und als er sich aus seinen Betrachtun-gen aufgerafft, wandte er sich zum Doctor und klagte, daß er kranksei. Sein Puls bewies, daß er in heftigem Fieber lag. Weil dieSymptome ungünstiger wurden, ließ ihm sein Arzt zur Ader, aberohne guten Erfolg Als die Regentin Johanna den gefährlichen Zu-stand ihres Vaters erfuhr, sandte sie ihm auf der Stelle von Valladolidihren Leibarzt zum Beistande; aber keine irdischen Mittel wollten an-schlagen, bald wurde es klar, daß das Ende herannahe.

Karl empfing die Mittheilung nicht nur mit Fassung, sondernmit Heiterkeit. „Das ist's, was ich lange gewünscht!" sagte er.Seine erste Sorge war, einige Anordnungen bezüglich seiner Ange-legenheiten zu treffen. Am 9. September vollzog er noch ein Codicillzu seinem Testamente.

Am 19. September hatten Karl's Kräfte schon so sehr abgenom-men, daß man es für räthlich hielt, ihm die letzte Oelung zu geben.Er zog die Ertheilung derselben in der bei den Mönchen angewand-ten Form vor. Diese enthielt eine Litanei, die sieben Bußpsalmenund sonderliche andere Stellen aus der heiligen Schrift, und warviel länger als die bei den Laien übliche. Indeß versagten ihm da-bei die Kräfte nicht. Am folgenden Tage wünschte er, wie er währendseiner Krankheit häufig gethan hatte, noch einmal die heil. Kommunionzu empfangen und bemerkte seinem Beichtvater: „Sie ist eine guteWegzehrung auf die lange Reise, die zu unternehmen ich im Begriffestehe!" Obschon er sehr erschöpft sich fühlte, kniete er doch während