Band 
Dritter Theil: Die neuere Geschichte.
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Abfall der 'Niederlande

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Diese junge Fürstin war gottesfürchtig, sittsam und herzensgut,nicht ohne Kenntniß der Politik und der Negierungsformen, inBelgien erzogen, beliebt und wirklich geeignet, in gewöhnlichen Zeitenihr Vaterland gut zu verwalten. Ihre Gesichtszüge und ihr ganzesWesen hatten etwas Männliches, woher es auch gekommen sein mag,daß Viele sie mit männlichem Muthe und Willenskraft begabt wähnten,während sie im Gegentheil durch ihre geduldige Güte und ihr Ver-langen, Jeden zufrieden zu stellen, mehr als eine Unvorsichtigkeitbeging und nicht selten das Schlimmste herbeiführte.

Anton Perrenot, später Cardinal von Granvella, inBurgund geboren, war der Sohn eines der ersten Räthe KaiserKarl's. Keine der Eigenschaften, welche Jemanden befähigen, Ein-fluß auf die Angelegenheiten eines Landes auszuüben, fehlte ihm.Mit Reichthum des Geistes, Klugheit und Gelehrsamkeit verband ertiefe Menschenkenntnis; und gründliches Wissen in Allem, was dieKunst zu regieren betrifft. Er war seinem Fürsten in unerschütter-licher Anhänglichkeit zugethan, und ein so entschiedener Feind derneuen Lehre, daß sein Feuer in der Vertheidigung der katholischenKirche ihn mehrere Male in der Wahl der Mittel fehlgreifen ließ.So ausgezeichnet Perrenot als Staatsmann war, so schwach war erals Mensch. Seine hohe Stellung und seine politische Gewandtheitmachten ihn hochmüthig und prachtliebend; in seinen Reden ließ ermerken, welchen großen Werth er in sich selbst setzte, und wie geringer andere einflußreiche Männer achtete. Dieser Stolz veranlaßte ihnmehr als einmal, diesen oder jenen Edelmann zu beleidigen, und sichden Haß Vieler zuzuziehen.

Wilhelm von Oranien, der Schweigsame genannt, war inDeutschland geboren, und bis zu seinem zwölften Jahre im Prote-stantismus erzogen worden. In den Niederlanden hatte er bedeutendeLandgüter geerbt, und blieb fortwährend im Dienste Kaiser Karl's,der ihm ein ausgezeichnetes Vertrauen schenkte. Während seines Auf-enthalts in Belgien that er, als sei er gut katholisch gesinnt, währender heimlich dem Protestantismus anhing. Mit einem durchdringendenGeiste, scharfen Blicke und ruhigen Charakter verband er berechnetesSchweigen und eine unbeugsame Beharrlichkeit in der Verfolgungseiner Zwecke; Heuchelei und List dienten ihm als Mittel, seine Feindezu täuschen, und sich seiner Freunde als Werkzeuge bei der Ausfüh-rung seiner Pläne zu bedienen. Er besah eine unbezwingliche Machtüber sein eigenes Gemüth, und konnte sich mit wunderbarer Gewandt-heit in die Umstände schicken, ohne daß ihm ein Wort mebr entfiel,

Schöppner, Charakterbilder. III. 9