Abfall der Niederlande.
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deren Ansehen zu schwächen. Das Volk weigerte sich, den Befehlendes Königs zu gehorchen; die Caloinisten durften es wagen, in Tournayund Valenciennes öffentlich zu predigen; die Lutheraner verbreitetenihre Ansichten in den nördlichen Provinzen, und sowohl die religiösenwie die politischen Verhältnisse wurden mit einer allgemeinen Ver-wirrung bedroht. Ein einziges Mittel nur konnte die Niederlandevon einer Umwälzung retten: die Ankunft des Königs selbst. Wiesehr aber auch Granvella in den Fürsten drang, diese Reise zu unter-nehmen, Philipp blieb in Spanien, und ließ durch seine Trägheit dasBöse Wurzeln schlagen. Oranien, Egmont und Hoorn, die sich andie Spitze von Granvclla's Feinden gestellt hatten, weigerten sich,länger mit ihm im Staatsrathe zu sitzen, und machten ihn durch ihrefortwährenden Klagen auch der Statthalterin verdächtig und verhaßt.Die Edelleute, von ihnen aufgehetzt, sandten Einen der Ihrigen zudein Könige, um Granvclla's Entfernung zu verlangen. Philipp sahmit großem Verdruß, daß man in den Niederlanden einen Krieg gegenseine treuestcn Diener begonnen habe, und schenkte damals den For-derungen des Adels kein Gehör. Aber der Widerstand wurde endlichso heftig, daß Granvella selbst um seine Entlassung bat, und dieStatthalterin den König anflehte, dem niederländischen Adel dieseGenugthuung zu geben. Mit Philipp's Bewilligung verließ nun derCardinal 1564 die Niederlande').
Unter solchen Verhältnissen war die Entfernung Granvclla's einEreignis;, welches die Statthalterin nur zu bald zu beklagen hatte;denn er war kaum fort, als sich auch schon Wilhelm von Oranien
1) Granvella wird häufig in neuern Geschichtsbüchern als ein harter, tyrannischerMann geschildert. Die quellenmäßige Geschichte weiß nichts davon. Sein Sturzwar lediglich das Werk eines intriguanten, eifersüchtigen Adels. Schiller, gewißein unverdächtiger Zeuge, charakterisirt ihn also: „Ein tiefdringender, vielumfassenderVerstand, eine seltene Leichtigkeit in verwickelten großen Geschäften, die ausgebrei-tetste Gelehrsamkeit war mit lasttragendem Fleiß und nie ermüdender Geduld, dasunternehmendste Genie mit dem bedächtlichsten Maschincngangc in diesem Mannewunderbar vereinigt. Tage und Nächte schlaflos und nüchtern fand ihn der Staat;Wichtiges und Geringes wurde mit gleich gewissenhafter Sorgfalt von ihm gewogen.Nicht selten beschäftigte er fünf Secrctaire zugleich und in verschiedenen Sprachen,deren er sieben geredet haben soll. Was eine prüfende Vernunft langsam zurReife gebracht hatte, gewann Kraft und Anmuth in seinem Munde, und die Wahr-heit, von einer mächtigen Suade begleitet, riß gewaltsam alle Hörer dahin. SeineTreue war unbestechlich, weil keine der Leidenschaften, welche Menschen von Menschenabhängig machen, sein Gemüth versuchte." (Gesch. d. Abfalls d. Ver. Niederlande.S. Werke VIII., 114.)