Band 
Dritter Theil: Die neuere Geschichte.
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Die Fürstin Gallitzin und ihr Kreis zu Münster. 447

selben nicht crtödtet; aus dem ununterbrochenen Kreise vielmehr vonSpielen und Besuchen, von Schauspielen und Tänzen, brachte sieAbends nur ein vermehrtes, sie bis zur größten Qual erregendesStreben nach etwas Besserem mit in's Haus. Der sehnliche Wunscherwachte in ihr, aus dem Leben der großen Welt auszuscheiden, undsich, um dem Zwiespalt in ihrem Innern zu entgehen, ganz der Wis-senschaft und der Erziehung ihrer beiden Kinder hinzugeben. Selt-samer Weise mußte es Diderot sein, welcher, obschon er die vonihm verlangte Förderung in der Erkenntniß der Dinge nicht gewährenkonnte, die Zustimmung des Fürsten zu dem Entschlüsse seiner Ge-mahlin vermittelte. Seit 1773 lebte die viernndzwanzig Jahre altgewordene Fürstin einsam in einem kleinen Hause nahe beim Haag,und gab sich mit einer an leidenschaftlichen Ungestüm gränzendenEnergie, einem durchaus männlichem Studium der Wissenschaften hin.Unter Hemstcrhuys Leitung füllten nun Mathematik, Sprachenund vor Allem griechische Literatur und platonische Philosophie ihreSeele aus. Obgleich, da ihre Mutter Katholikin war, in derkatholischen Kirche erzogen, hatte sie doch das Christenthum wederals Katholizismus noch als Protestantismus in irgend einer Weiseberührt. So lange sie im Haag und in der Nähe des Haag lebte,hatte sie die von Hemsterhuys getheilte und gestärkte Ueberzeugung,daß im Grunde Niemand an das Christenthum glaube als der Pöbel,da es unmöglich sei an die Drohungen und Verheißungen des Chri-stenthums zu glauben, und dennoch dessen Lehren so zuwider zuhandeln, wie es in der Regel geschehe. Als sie 1779 nach Münsterkam, hielt sie dem Herrn von Fürstenbcrg, dessen große Einsichtensie verehrte, sein Christenthum wegen des Vorurtheils seiner Erziehungzu Gute, aber bat sich zugleich von ihm aus, daß er nicht versuchenmöge, sie zu bekehren, weil sie, was Gott betreffe, nichts in sichleiden könne, was Gott nicht selbst in ihr geschaffen habe. Noch imJahre 1783 hatte sie in den Stunden, in welchen sie selbst, wie dieAerzte, jede Hoffnung auf Erhaltung ihres Lebens aufgegeben hatte,den Geistlichen, den Fürstenbcrg ihr zusendete, entschieden abgewiesen,weil ihr jede innere Ueberzeugung von der Kraft und Bedeutung derSakramente fehle. In der Zeit sehr langsamer Genesung, welchedieser Krankheit folgte, wurde sie sich zum ersten Mal zu ihremgroßen Schrecken bewußt, daß Gclehrtenehrgeiz und Gelehrtenstolzihre ganze Seele erfülle. „Mit dieser Entdeckung war," so äußertesie selbst, „alle meine bisherige Freude an mir selbst dahin." Umdieselbe Zeit waren ihre Kinder reif zum Religionsunterrichte geworden,