Band 
Erster Band
JPEG-Download
 

364

der Gebete zu verstehen, sondern daß man wisse, welcher Heiligeund bei welchem Anlaß er sie verfaßte, welcher Gottheit sie gewidmetseien, welches Sylbenmaaß darin gebraucht sei, die verschiedenenWeisen sie vorzutragen, Wort für Wort oder mit gewissen Trans-positionen magischer Art.

Der Nig-Veda ist eine Sammlung von tausend Hymnen,in mehr als 10,000 Distichen; ein Brahmine, der sie auswendigweiß, kann durch kein Verbrechen befleckt werden, hätte er auch alleBewohner der drei Welten getödtet und Speise vom Unreinstenangenommen Einzelne der Hymnen reichen um mehr als 14Jahrhunderte v. Chr. zurück.

Von der Sorgfalt, womit die Brahminen ihre Vedas vorjedem profanen Auge verschließen, gibt folgendes einen Begriff. Der-mächtige Kaiser der Mongolen, Akbar, ein Mohamedaner, wollteim reifern Alter die verschiedenen Religionen der seinem Scepterunterworfenen Länder kennen lernen; Alle beeilten sich, ihm hierüberdie nöthige Belehrung zufließen zu lassen, nur allein die Brahminenbcharrten dabei, die Geheimnisse ihres Glaubens nicht kund zugeben; Bitten, Drohungen, Verheißungen waren vergeblich. Danahm nun Akbar zur List seine Zuflucht. Er sandte nach Benares,ihrem Rom, einen jungen Jndier, Namens Fietzi, der sich für denSohn eines Brahminen ausgeben mußte; in der That wird er auchvon einem Priester an Kindesstatt angenommen, der ihn in derheiligen Sprache und Religion unterrichtet; als aber Akbar bereitsdes so sehr gewünschten Geheimnisses sicher zu sein glaubt, wirftsich Fietzi, der die Tochter seines Lehrers liebt, diesem zu Füßenund gesteht ihm weinend seinen Betrug. Der Priester zückt denDolch über den Schänder des Heiligen; da aber die Tochter umsein Leben fleht, läßt sich der Brahmine durch die Reue des Schul-digen erweichen, und gewährt ihm Vergebung und die Hand seinerTochter unter der Beringung, daß er niemals die Vedas übersetze.

Trotz dieser überaus sorgfältigen Ueberwachung gelang es dochgegen Ende des 15. Jahrhunderts dem Schia Gian, Bruder desGroßmogul's Aurcngzcb, genannt Darai Tshukuh, d. i. inMajestät dem Darin s gleich, mit Hülfe zweier Punditi einenAuszug der Vedas in's Persische zu übersetzen; diese Uebersetzung

2) Ltuckes 8u>' los Nvnines Uir-Voil», ovoo an ekoix ä'tivinne«ti'scku'Us e» ei'on^ois, pAi' I>I. I>iive. Löwcn, 1844.

-) Manu, Gcseye. XI, S61,