610
sönliche Freiheit auS, das wichtigste Element und die unversteglicheQuelle der wahrhaften Fortschritte der modernen Gesellschaften.
Der Name Römer/ welcher vordem mit Weltbezwinger gleich-bedeutend war/ wird fortan in schimpflicher Weise dem Besiegtenbeigelegt. Und doch lebt die römische Gesellschaft/ welche wir imverflossenen Jahrhundert sich auflösen sahen/ wieder auft nachdemsie besiegt/ niedergeworfen worden/ und bahnt sich einen Weg/indem sie die Sieger bessert/ umgestaltet; an einigen Orten er-hält sie die Gemeindeeinrichtungen/ überall die Erinnerung andie alte Gesetzgebung und ist die Behüterin einer Literatur/ derenSprache die Sieger zur Fassung ihrer Gesetze entlehnen.
Den vorzüglichsten und wesentlichsten Antheil hieran nimmtdie christliche Gesellschaft. Während das römische Reich sich zer-setzt/ begründet sie fest ihre Einheit und bleibt von Zeiten/ Orte«/Siegern unabhängig/ weil sie sich nicht auf Zufälligkeiten/ son-dern auf Ideen von ewiger Geltung stützt. Der Strom der Bar-baren stürzt die Paläste/ aber am Fuße des Kreuzes hält er inne.Die Völkerwanderung ging von Norden nach Süden/ die Be-kehrung nimmt die umgekehrte Richtung; die eine flößt dererschöpften Gesellschaft frisches Blut ein/ die andere sittigetdie Barbarei; die eine geht reißend/ weil gewaltsam vorwärtsgetrieben/ die andere macht langsame/ aber dauernde Fortschritte;das Christenthum streut in die Gesellschaft die Ideen der Ordnungund des Friedens auS/ lehrt Menschenliebe/ Keuschheit/ Pflicht-treue/ Redlichkeit / Hingebung / leitet die Menschen an zu einerwürdigen Vertretung ihrer Meinungen/ da keine irdische Gewaltden Gewissen Zwang anthun könne/ zur Verschonung des Lebensder Unterliegende» / deren Menschenrechte heilig seien/ und dadie besiegten Völker erkennen/ daß sie Schonung deS Lebens undder persönlichen Freiheit finden werde»/ vertheidigen sie sich mitminderer Hartnäckigkeit/ und die frühere Wildheit der Krieg-führung nimmt ab.
Als jede andere Gesellschaft zusammenbrach/ fühlten sich dieVölker angezogen/ ihre Aufmerksamkeit der allein bestehenden undallein unvergänglichen zuzuwenden: der geistigen Gesellschaft.Vor der Völkerwanderung hatte die Kirche ohne Verbindungenund Zusammenhang nach Außen hin nur geringe Macht besessenund eine direkte Thätigkeit lediglich im Beringe der Stadt aus-geübt / da im Uebrigen der antike Mechanismus herrschte. Alsaber dieser zerstört wird/ verwischen sich die Grenzen zwischen