512
der Kanzel ein Korn Rübensaamen vorzeigte, darauf aus demGewände eine dicke Rübe hervorzog und ausrief: Sehet, wie be-wundernöwürdig die Macht GotteS ist, der auS einem so winzi-
verkennen ist, wenn Tauler, wie es zuweilen geschieht, in einem Toneder Ironie spricht. Sein Bestreben, einen bleibenden Eindruck auf seineZuhörer zu machen, zeigt sich besonders in der häufig wiederkehrendendialogischen Form seines Vortrags . . . Trotz des allgemeinen Charaktersseiner Moral gibt er, wenn er über praktische Gegenstände Predigt, seinenBelehrungen mehr Nachdruck, indem er fie individualifirt und den Ein-zelnen anredet. Er wendet sich an seine Zuhörer, wie ein Vater anseine Kinder, mit den Worten: Vil lieben Xinäer, oder liebes Lint, oderer ruft aus: armer, blinäsr, xeistlielier mensebe !. . . TankersSprache ist einfach, bündig, kräftig; er verwendet wenig Sorgfalt aufeinen künstlichen Periodenbau; seine Sätze find meist kurz und sententiös,daher seine Predigten einen großen Reichthum körniger Krastsprüche ent-halten; er hat jedoch auch wahrhaft rednerische Perioden, welche zwaran die lateinische Construktionsweise erinnern, denen es aber weder anFülle, noch an Wohlklang gebricht. Seine Rede verliert sich jedochnie in leeres Pathos." (Dr. C. Schmidt, Zoh. Tauler v. Straßburg,Beitrag zur Geschichte der Mystik und des religiösen Lebens im 14tenJahrhundert, Hambnrg, >841). Tauler erhielt von seinen Zeitgenossenden Ehrennamen Dkeolvxns sublimis et illuminatus. — Von Heinr.Suso (Sense oder Suß aus dem adeligen Hanse von Berg, geb.1295 zu Kotznitz, f 1365 zu Ulm, mit dem Klosternamen Amandus),find außer mehrere» mystischen Schriften noch 4 Predigten in schwäbi-scher Mundart, einfach gebildet und rein im Ausdruck, voll zarter undkindlicher Frömmigkeit, vorhanden; es wird erzählt, wenn er etwas be-sonders Wichtiges vortragen wollte, habe er den jZuhörern, um ihreAufmerksamkeit zu erregen, zugerufen: „Höret jetzt, ich bitte und beschwör«euch, Suso wird jetzt für seinen Namen sprechen", was in seinemschwäbischen Dialekte besonders Wirkungsreich gewesen sein soll (Ansg.der Werke mit Einleitung und Leben von Diepenbrock, Regensburg1829). — Meister Ekhart, Provinzial des Predigerordens in Sachsenund seit 1367 Generalvikar in Böhmen, trug in seltsamer Weise, abermit glühenden begeisterten Worten seine mystischen und pantheistischenAnsichten vor, von welchen er selber sagte, daß fie dem, was alle Meisterlehrten, entgegen waren, weßhalb denn auch in Köln, wo er nach 1322bis zu seinem Tode tzor 1329 lebte, Erzbischof Heinrich v. Vionen-burg ihn der Ketzerei anklagte und Papst Johann XXII nach seinemTode mehrere seiner mit der ^Lehre der Begharden übereinstimmendeSätze verdammte. — Des Dominikaners Nikolaus v. StraßburgBlüthe fällt ins erste Viertel des 14. Jahrhunderts; er predigte auch zuFreiburg und Köln, ist weit weniger spekulativ und viel populärer,praktischer und faßlicher als Ekchart. In Köln Predigten, als Tauler