330
gang -er Kultur in die schreckliche Barbarei der Hyperkulturbezeichnet; wenn Hiob den Mittelpunkt des Theismus, den Kampfdes einzelnen Menschen mildem Einen Gott ersaßt: so ist Shak-speare der Dichter, in welchem das Ideal der Freiheitals das des Christenthums seinen vollendetsten Ausdruck gefundenhat. In der Byzantinischen Kunst war dasselbe noch negativ alsdie Furcht vor dem Bösen und als die Büße dafür genommen;in der Romanischen Kunst erhob es sich zum positiven, ritterlichenKampf für das Gute gegen das Böse, für den Glauben gegenden Unglauben, und gelangte bis zum Spott über das Böse alsNarrheit und lächerliche Ohnmacht. Die englische Poesie hatteden ersten« Standpunkt in den kirchlichen Dichtungen der Angel-sächsischen Periode, den zweiten in der Romantik der normannisch,französischen Periode, namentlich in der Entwicklung der My-sterien und Moralitäten, durchlebt. Aus der allegorischen FigurdeS Vico, d. h. des Lasters, welches dem Teufel zu seiner Iro-nisirung beigegeben wurde, ging der Lustigmacher der Shakspcare-scheu Periode, der OIovvn oder Rüvel, hervor. Shakspcareerhob sich auf den universellen Standpunkt der Weltge-schichte selber und erkannte die Freiheit als das offenbareRäthsel derselben, wie sie das Gute sowohl alö das Böse aussich hervorbringt. Allen Wahn, alle Leidenschaft, alle Bosheit,alle Teufelei, aber auch alle Wahrheit, alle Selbstbeherrschung,alle Reinheit zeigt unS Shakspcare in ihrer Selbsterzeu-gung. Die Menschen sind, was sie thun. Er sondert vonihnen nicht das Wesen als eine transcendente Macht ab, die sichalS eine von Außen kommende Gnade oder Strafe verhielte, son-dern er läßt in der Erscheinung das Wesen selber sich realisircn.Bei den Spaniern wird vom Drama ein bestimmtes Tbema, wieder Titel sogar cö zu verkünden pflegt, halb symbolisch, halbscholastisch abgehandelt, so daß man über den Sinn des Ganzengar nicht zweifelhaft sein kann. Bei den Franzosen wird dieAmphibolie einer Situation oder die Einseitigkeit eines Charak-ters von der Rhetorik für den Verstand zur klaren Einsicht dar-gelegt. Bei Shakspcare ist der Sinn eines Dramas zunächstverborgen. Der Titel, ein Name oder ein zufälliger Umstand,können uns nicht leiten. Aber bald erkennen wir in fedem Dramaeine eigenthümliche tragische oder komische Kollision, die irgendeine wesentliche Seite der Freiheit mit einer solchen Harmoniealler besondern Umstände, aller darin verwickelten Personen ent-