Band 
Zehnter Band.
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faltet, daß wir eine unendliche, sich immer mehr in sich vertie-fende Perspektive daraus gewinnen und in der Betrachtung nichtermüden, weil in diesem Einen Moment zugleich wieder die To-talität gesetzt ist. Mit seiner kiesen Erkenntniß der Freiheit istShakspeare der größte dramatische, wie er in Ansehung deSUmfangs der Phantasie unbedingt der reichste aller Dichter ist.Er ist der größte dramatische Dichter, denn er versteht es mehrals jeder andere, unö die Genesis der Handlungen zu veranschau-lichen *).

Man hat bei Shakspeare gegen 700 Personen gezählt,welche alle, selbst bis auf die kleinsten NebenMen herab, inAnlage und Durchführung durchaus cigenlhümlich und individuellsindz ikets nach der Natur gezeichnet, sind sie nichts weniger alsperfonificirte Abstraktionen und zeigen jenes rechte Mittelmaßvon Natürlichem und Idealem, welches die Helden für alle Zei-ten und Orte passen läßt. Während die andern Dichter diesenoder jenen Menschen abmalen, verlebendigt Shakspeare Allesund sehr viele der von ihm geschaffenen Charaktere sind Typengeblieben. Nimmt er sie aus der Geschichte, so schmeichelt erebenso wenig, als er vcrläumdet; er stellt keine Ungeheuer nochHalbgötter auf, sondern Menschen, wie sie das ihm vorherge-gangene Jahrhundert schuf, groß ohne Moral, muthig ohne RechtS-sinn, edel ohne Reflexion, hochherzig und zugleich Barbaren.Wahrhaftig erstauncnswürdig ist diese Vergessenheit seiner selbstund seiner Zeit, um sich als unparteiischen Schiedsrichter desMenschen und seiner Handlungen auszuwerfen; er verwischt keineSchwäche bei den Starken, keinen Fehler bei den Tugendhaften,indem er selbst fremd den Leidenschaften bleibt, die seinen Per-sonen Leben und Bewegung verleihen. Wir wissen, daß die Zeit-genossen in seinen Dramen jene Zartheit deS Gefühls vermißten,daS in seinen lyrischen Schöpfungen weht; im Drama aber hielter sich verpflichtet, die menschliche Natur in ihrer wahren Er-scheinung zu schildern, ungeichmückt und ungeschmeichelc, und sokönnte man seine Dramen eine fortlaufende Saryre nennen, wennauch nicht geleugnet werden kann, daß er sich, wenn zwar selten,den Eingebungen des Patriotismus, PhilantropismuS und bren,nender Liebe überläßt. Vor Allem ist er ein unparteiischer Bc-

0 Karl Rosenkranz, die Poesie und ihre Geschichte. Eine Entwick-lung der poetischen Ideale der Völker, Königsberg, 1855.