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obachter, malt er mit strenger und unbiegsamer Genauigkeit,fällt er keine Urtheile, drängt er uns keine Meinungen oderTheorien auf. Ohne selbst irgendwie in den Vordergrund zütreten, ohne zu schulmeistern, überläßt erden Zuschauern, sich Leh-ren zu sammeln und läßt ihnen auf diese Weise seine eigenenErkenntnisse zufließen. Es gibt Augenblicke, wo man empfindlichberührt wird von dieser mitleidslosen Analyse des Herzens, vondieser fast grausamen Zersetzung des menschlichen Wesens, vondiesem scharfen ironischen Blicke, der weder Vergebung nochMitleid kennt; aber in welch anderer Gestalt soll steh dem daSLeben bieten, der es ohne Liebe und Glauben betrachtet?
Auf diese Weise rollt er die verschiedenartigsten Seelenge-mälde vor unsern Augen auf, indem er durch ein Wort diefurchtbaren innern Kämpfe zwischen Leidenschaft und Charakter,zwischen Wunsch und Schicksal ahnen läßt; aber nicht erscheintbei ihm die Leidenschaft von vornherein auf dem Höhepunkteoder übertrieben, sondern fie läßt sich Schritt für Schritt inihrem Wachsthum während der langen Dauer des Stückes ver-folgen.
Aus Rücksicht für die Bühne oder die Schauspieler aufer-legte er sich selbst oder seinen Personen nicht die mindeste Ein-schränkung; für die Einbildungskraft ist die Zeit immer kurz,sobald sie mit Handlung angefüllt ist. Indem er die mensch-liche Natur in ihrer individuellen Einheit und unendlichen Man-nigfaltigkeit auffaßt, indem er nicht, wie die Griechen, eineeinzeln stehende Thatsache, sondern den ganzen Menschen zumGegenstand seiner Behandlung macht, tritt er aus den engendenSchranken der Regel heraus und ersetzt die artistische Einheitmit der spirituellen Verschiedenheit des Lebens, mit seiner um-fassenden Einheit; daher gelten nicht bei ihm die Bedingungender Dichtkunst als Prüfstein, sondern die innere Kenntniß desmenschlichen Herzens, dient nicht als Maßstab die Verkettungder Scenen und Schürzung und Lösung des Knotens, sondernder Schritt der Leidenschaft und die unfreiwillige Enthüllungihrer verborgenen Symptome. Aber glauben wir darum nichtan den Vorwurf seiner Unwissenheit, denn, abgesehen davon,daß er sehr belesen war, greifen die Scenen selbst da, wo siedurch Zufall auf einander zu folgen scheinen, wie mit Angelnin einander ein und bei der Betrachtung des zusammenhängendenGanzen bemerkt man das Motiv einer jeden und die Hinwen-