II. Von der Bildsäule 'des Laokoon. 12z
möchten, welche ein Innbegriff aller Vortrefflich--keit ist. Wenn man in der Kunst vollkommenwerden will; so ist das Arbeiten mit den Händenallein keine zureichende Bemühung; Man mußauch im Verstand erhabene Gedanken erwecken,und dieselben in dem Gedächtniß eifrig erhalten.
Wer wird es wohl in Abrede stellen, daß mandiese starken Ausdrücke durch bloße Nachahmun-gen eines akademischen Modells keineswegcs er-reichen oder nacharbeiten könne? denn jedermannbegreift es ohne Mühe, daß ein solches lebendi-ges Modell niemals ins Werk gesetzt werden kön-ne, welches alle Regungen und Leidenschaften aus-zudrücken vermögend wäre. Es ist auch fast un-möglich, dergleichen von Personen abzuzeichnen,welche sich wirklich in solchen Leibes - und Gemüths-bewegungen befinden. Die geschwinde Verän-derung der Gemüthsbeschaffenheit in solchem Lei-den macht allen Fleiß des Künstlers eitel undfruchtlos. Es liegt also sehr viel daran, daß mansich die Ursachen solcher Leidenschaften durch äm-siges Nachsinnen bekannt mache. Will manaber alle Kräfte anwenden, dergleichen heftigeWirkungen glücklich vorzustellen; so wird manbald überzeugt werden, daß es nicht anders mög-lich sey, als wenn man seine Zuflucht zu solchenschönen Werken des griechischen Alterthumsnimmt, weil darinn solche Ausdrücke vorhandensind, dergleichen man nach der Natur niemalswürde zeichnen oder modelliren können.
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