164 V. Elysium über die Nachahmungskunst
reich einfanden, daß man endlich nichts als Ab-bildungen vom schönen Geschlecht an allen Wan-den, an den Fingern, auf der Brust, am Arm,in Schachteln, Maschen und Bändern erblickte,und dabey sagen hörte: das ist mein Bildniß,dasist mein Portrait! betrachte nur dieses und jenesPortrait! hier ist das Portrait meiner Schwester,und dort meiner Frau, meiner Geliebten!der Maler verlohr also den Namen eines Künst-lers, und mußte mit dem Namen eines Por-traitisten zufrieden seyn. Nichts erhielt mehrden Namen eines Portraites, als ein gemaltesAngesicht. Die Mode dieser Ehrfurcht breitetesich endlich bis in die benachbarten Länder aus,und das Wort Portrait wanderte mir fort. ZnDeutschland besucht das schöne Geschlecht denSpiegel so steißig, als zu Paris; daher stundenin kurzer Zeit ganze Schaaren von Gesichtmalernauf, welche sich der Ehre eines Portraitisten theil-haftig machten.
Die Gesellschaft lachte über diefe Erzählung,Dürer aber blieb ernsthaft und fuhr fort: Lachetmich nicht aus! Es ist unsernLandeSgöttinnen undFaunetten nicht leid, daß sie nur Portraite undkeine Abbildungen mehr haben. Ein Portraitvon einem fremden Topoleng ist ihnen weitschätzbarer, als eine Abbildung, ich will nicht sa-gen, von meiner Palete, sondern von unserm un-nachahmlichen Raphael oder Holbein. DasAffengenie herrschet über die Vernunft, und der
seltsam-