von dem Alterthume der Malerey. 87
schieht, diejenige Nachahmung, die sogar aus verschiedenenZügen entsteht, diese Züge mögen nun gefärbet gewesen seynoder nicht, vor denen Zügen und Characteren hergehenmüssen, deren man sich bedienet hat, um die verschiedenenTöne der Stimme auszudrücken, und daraus die Schrift zubilden, welche noch älter seyn muß, als die Poesie. ManHat ganz gewiß versucht Körper zu malen; man hat sie vor-gestellet, indem man sie nachgeahmet, ehe man die Gedan-ken und Empfindungen, durch Züge vorgestellet und gleich-sam gemalet hat. Selbst die Natur beobachtet in allem,was sie thut, eben dieselbe Ordnung. Sie fängt bey dem-jenigen an, was am leichtesten und nicht sehr kostbar ist: siehalt sich sogar ziemlich lange dabey auf, ehe sie sich an daskostbarere und schwerere waget. Wir können also unsernAusspruch sicher zum Vortheile der Malerkunst einrichten,und selbiger den Rang vor der Dichtkunst einräumen. Al-lein dieser Rang kömmt, wie es oftmals bey den größtenHäusern geht, bloß dem Alterthume zu: da die Dichtkunstnichts anders seyn können, als eine Frucht der guten Sit-ten, die durch die Bemühung zu schreiben, gebessert wor-den. Dahingegen die Malerey ihren Ursprung mitten inder Barbarey, und in derjenigen Zeit hat nehmen können,(auch allem Ansehen nach wirklich genommen hat) da dieMenschen noch, weder an die Schrift, noch an die Sittlich-keit gedacht haben.
Doch dieß ist genug, und vieleicht schon zu viel voneiner Sache geredet, davon man gar keine historische Ge-wißheit haben kann. Um nun auf etwas richtiges, im Ab-sehen auf das Alterthum der Malerkunst zu kommen, so ver-suchet der Abt Lraguier in den ältesten weltlichen Schrif-ten dasjenige zu entdecken, was man davon wissen kann.Unter den ältesten weltlichen Schriften versteht er die zweyBücher vom Homer, deren Inhalt so reich ist, daß, wennman sich bemühete sie mit Fleiße zu durchforschen, man, wieHerr Lraguier saget, finden würde, daß sie allein hinläng-lich seyn würden, uns zu erkennen zu geben, was zu seiner
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